Um es gleich vorweg zu sagen, etwas absolut bahnbrechendes oder revolutionäres wie auf "Revolver" und "SGT.Peppers", wird der aufmerksame Zuhörer auf diesen letzten Studioaufnahmen der Fab4 nicht vorfinden. Selbstverständlich kann dieses Album auch den coolen Charme des Weißen Albums nicht toppen.
Was den gerade auseinanderbrechenden Beatles jedoch auf eindrucksvolle Weise gelang, war einen wirklich souveränen Klassiker zu erschaffen, der heute noch durch seine Harmonie und Perfektion zu überzeugen weiß und darüberhinaus so manches Highlight enthällt.
Es hatte wohl nach dem "Let it be"-Desaster niemand mehr damit gerechnet, dass sich die Band noch ein letztes Mal zusammenraufen würde, um gemeinsam mit George Martin, dieses letzte Album aufzunehmen. Glücklicherweise ließ sich George Martin zur Produktion des neuen Albums überreden, obwohl er mit den Aufnahmen vom "Weißen Album" und von "Let it be" mehr als unzufrieden gewesen war. Auf "Abbey Road" durfte Martin endlich wieder, wie auf den früheren Erfolgsalben seine bewährte Produktionsweise einbringen, was man an den perfekten und stimmigen Arrangements und an der Qualität der Aufnahmen sofort heraushören kann. Er sollte es nicht bereut haben, denn nach seinen eigenen Aussagen wurde diese letzte Produktion sogar sein Beatles-Lieblingsalbum !
Die A-Seite der urprünglichen LP enthielt 6 Songs unterschiedlichster Stilrichtungen von denen Lennons "Come together" und Harrisons "Something" natürlich besonders herausragen. Mit seinem zweiten selbstgeschriebenen Lied, dem kindlich fröhlichen "Octopuss garden", gelang es Ringo endlich noch einen guten Song abzuliefern, der sogar auf das spätere "Blaue Album" gebracht wurde.
Paul ist mit dem boshaften "Maxwells Silver Hammer" und dem leidenschaftlich vorgetragenen "Oh! Darling" vertreten, beides sind typische Macca-Kompositionen die ganz nett anzuhören sind. Den Ausklang der A-Seite bildete damals das überlange rockige "I want you" von John, in dem er seinen damaligen Gemütszustand völlig kompromislos herausschreien konnte.
George''s zweites absolutes Glanzstück "Here comes the sun" eröffnete die B-Seite, dem das klassisch angehauchte "Because" von John folgt. Dieses Stück beeindruckt noch heute durch seine zauberhaften Gesangsharmonien.
Nach beiden Songs folgt das grandiose Medley, bei dem es gelang bruchstückhafte und unvollendete Einzelsongs von John und Paul zu einem harmonischen und stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Die Konzeption des Medleys haben wir hauptsächlich McCartney zu verdanken, der hier gemeinsam mit George Martin großartige Arbeit geleistet hat. Besonders schöne Momente darin sind für mich "Sun King", "You never give me your money", "Golden Slumbers" sowie Pauls ergreifende Schlusshymne "The End". Kaum zu glauben, dass dieses schöne Medley nur aus der Not heraus geboren wurde, um das vorhandene Songmaterial doch noch auf dem Album verarbeiten zu können.
Weiterhin sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Ringo Starr auf "Abbey Road" zu wahrer Höchstform auflief und mit seinem sensiblen und doch äußerst druckvollen Drumming eine absolute Spitzenleistung abgeliefert hat. Da ihn die anderen Beatles dazu überedeten, gab Ringo sogar sein erstes und einzigstes Drumm-Solo für die Band zum Besten. (Ringo wurde völlig zu unrecht unterschätzt !)
Mit dem überragenden "Something" wählte man als weiteres Novum erstmals einen Harrison-Song als Singleauskopplung aus, was eindrucksvoll unterstreicht, dass aus George ein gereifter Songwriter geworden war.
Ursprünglich sollte das Album "Everest" heißen, wegen der gleichnamigen bevorzugten Zigarettenmarke (mit einer Bergsilhouette auf der Verpackung) von Toningenieur Geoff Emerick. Man erwägte deshalb, dass die Beatles zum Himalayagebirge reisen sollten, um dort die Fotos für das Cover zu schießen. Doch diese aufwendige Idee wurde wieder verworfen und so begnügte man sich schlussendlich mit einem Foto, das die Band bei ihrer berühmten Überquerung der "Abbey Road" zeigt und nannte das Album einfach so wie die Straße in der sich das Musikstudio befand. Eine gute Wahl, denn dieses Cover wurde schließlich absoluter Kult und ist mittlerweile unzählige Male kopiert worden. Daran mögen all die "Paul is dead"-Gerüchte, die damals in Verbindung mit dem Foto enstanden sind, einen nicht unerheblichen Anteil haben.
Kurzum "Abbey Road" ist ein Album das Geschichte schrieb. Es besitzt eine legendäre Verpackung, viele gute Einzelsongs sowie das überragende Abbey-Road-Medley der B-Seite, das dieses Album wie aus einem Guß wirken läßt. Völlig unbeeindruckt von den musikalischen Veränderungen der vergangenen 39 Jahre wirkt dieser Klassiker noch heute frisch und inspiriert. Dieser Longplayer ist für Musikliebhaber ein absolutes Muss und kann auch Neulingen nur ans Herz gelegt werden !!