Clanchys Werk „Abaelard - ein mittelalterliches Leben" ist eine Einführung in das Leben eines der kontroversesten und interessantesten Männer des 12. Jahrhunderts. Die zunächst im Englischen publizierte Biographie erfuhr aufgrund ihrer außerordentlich guten Kritik im Jahre 2000 eine deutsche Übersetzung. Der Autor selbst lehrte 23 Jahre lang (1964-1987) mittelalterliche Geschichte an der Glasgow University. Seither betreibt er in London mittelalterliche Studien und verschafft sich als Autor immer wieder zitierter Darstellungen über das Mittelalter (u.a. „From memory to written record") hohes Ansehen.
Clanchy führt in das Leben des Gelehrten Peter Abaelard ein und zwar auf eine Weise, bei der der Leser seinen Ausführungen folgen kann, ohne genaue Kenntnisse dieser Zeit besitzen zu müssen.
Das Buch beginnt mit einem Kapitel, in dem der Autor einen Überblick über die vollständige Lebensgeschichte Abaelards gibt. Er umreißt die gesamte „Story", indem er auf Abaelards unterschiedliche Rollen (Gelehrter, Kleriker, Mönch, Liebhaber, Abt, Häretiker, Christ) verweist, ohne jedoch vorab zu tief ins Detail zu gehen.
Die darauffolgenden dreizehn Kapitel bauen Schritt für Schritt aufeinander auf. Dabei sind diese noch einmal übergreifend in drei großen Teilen strukturiert (Scientia, Experimentum, Religio), die das gedankliche Gerüst des Buches bilden und mit der Chronologie des Lebens Abaelards weitestgehend übereinstimmen.
So beginnt Clanchy die Darstellungen über Abaelard mit seiner Herkunft: von seiner Geburt in eine ritterliche Familie 1079 an der südlichen Grenze der Bretagne. Er beschreibt den akademischen Werdegang Abaelards; dem Leser wird erläutert, was der Titel „Magister" bedeutet v.a. im Paris des 12. Jahrhunderts, in der Blütezeit der Scholastik. Zudem liefert Clanchy dem Leser ausführliche Informationen über die Bedeutung des Wissens, wie es erworben wurde und wie es das Mittelalter vom klassischen Altertum übernommen hatte. So galten die alten Texte des Aristoteles als heilig, deren Vortrag und Interpretation galt als magisch (Magister/Magie sind etymologisch verwandt). Clanchy gibt interessante Details darüber, wie und wo das Lernen stattfand und besonders über den Einfluß des mündlichen Unterrichts in Abgrenzung zum Schriftlichen. Nicht unerheblich sind zudem seine Ausführungen über Abaelard als Philosoph und Theologe, was eine große Rolle im Buch spielt und Grundlage dafür ist zu verstehen, warum ihm wegen Häresie zwei Mal, 1121 und 1140, der Prozeß gemacht wurde. Die aristotelische Logik war für Abaelard ein Instrument dafür, die Trinität auf rationale Weise zu erklären. Er suchte nach Übereinstimmungen zwischen Wahrheitsähnlichkeit der Heiligen Schrift und philosophischen Vernunftgründen. Das hatten vor ihm schon andere getan, doch Abaelard war davon überzeugt, eine perfekte Analogie für die Trinität gefunden zu haben. Er bewegte sich auf dünnem Eis und mußte sich seinen Gegnern gegenüber - einer der stärksten war Bernhard von Clairvaux - verteidigen.
Ganze zwei Kapitel widmet Clanchy Abaelards Liebesbeziehung zu Heloise, denn die Begegnung zwischen beiden stellt einen Wendepunkt in Abaelards Leben dar, auch wenn der Zeitraum, der die damit verbundenen Ereignisse umfaßt, sich auf kaum mehr als ein Jahr (1117 oder 1118) erstreckt. Heloise spielte für Abaelard eine bedeutsame Rolle. Sie war die Frau, die auf Abaelard anscheinend großen intellektuellen Einfluß ausübte und für die er von ihren Verwandten seiner Männlichkeit beraubt wurde. Dieses Ereignis bewirkte einen markanten Einschnitt in Abaelards Leben: Er wandte sich zum religiösen Leben hin und wurde Mönch. Heloise und ihren Nonnen widmete er später seine Einsiedelei des Parakleten (Paraklet, griech.: Beistand, Tröster). Abaelard schuf während seines Daseins als Mönch ein Werk von Schriften, dessen Fülle beeindruckend war und ist. Zu diesem Kanon gehören u.a. Seine „Theologia" in ihren verschiedenen Fassungen, die dialektische Schrift „Sic et Non", seine Schrift über die Logik „Dialectica", die „Historia Calamitatum" und nicht zuletzt seine Liebeslieder und Briefe, die er Heloise widmete. Clanchy bedient sich grundlegend dieser Schriften, er versucht also, die Vielfältigkeit des Lebens Abaelards anhand der primären Quellen für den Leser zu rekonstruieren. Dabei bezieht er sich immer wieder v.a. auf Abaelards „Historia Calamitatum", deren Echtheit lange Zeit diskutiert wurde, heute aber so gut wie sicher ist.
Clanchy beendet sein Buch mit nützlichen Anmerkungen zu den wichtigsten Personen der Geschichte, eine Übersicht über Abaelards erschienene Werke und weiteren Literaturhinweisen. Was Clanchy noch hätte hinzufügen können, ist ein Stichwortregister, mit dessen Hilfe der Leser spontan auf die Seitenzahlen bestimmter Sachverhalte hätte zurückgreifen können, um sich in dem 498 Seiten starken Werk schneller einen Überblick zu verschaffen. Nichtsdestotrotz kann man das Buch mit dem Stempel „sehr informativ" versehen.