Neben der langwierigen und zähen Diskussion darüber, was Prog ist (darüber gibt es Bücher), war es stets spannend und reizvoll zu beobachten, wie sich Genesis entwickelt, wie also hier der PROGress stattfand. Wenn man alle Alben kennt, merkt man, wie sich der rote Faden des Wandels hindurch zieht.
Dieses Album hat den deutlichsten emanzipatorischen Sprung, weg von dichten Klanggemälden und epischen Längen, hin zu knackigen Songstrukturen gemacht. Ja, wir haben auch hier noch ein Longtrack ('Dodo/Lurker'), das die Fahne der alten Zeiten hoch hält. Der Anfang kracht fulminant, bombastisch drauf los, unerwartet, eine richtige 'Wall of sound'. Aber die Melodien sind simpler, durchschaubarer, das Arrangement verschlankt.
Dies macht sich, vor allem, bei Pop-Liedchen, wie 'No Reply at All' oder natürlich der Collins-Schnulze 'Man on the Corner', bemerkbar. Hier wird schon offen und kompromisslos Pop gemacht, keine Frage.
Das Trommelspiel von Collins ist deutlich pointierter, erdiger geworden. Seit dem Vorgängeralbum 'Duke', spielt er sich deutlich in den Vordergrund. Er haut richtig böse drauf - bei der Aufnahme dieses Albums, musste man nämlich das Studio verstärkt schalldämmen! Das Trommelspiel auf diesem Album ist ein Geheimtip!
Das erste Stück 'Abacab' folgt stilistisch dem obigen 'Dodo/Lurker'. Es besteht ebenfalls aus zwei Teilen, der zweite Teil ist instrumentell und mündet in ein schönes, sehr athmosphärisches Gitarrensolo von Rutherford. Übrigens, ist auf diesem Album der letzte, erwähnenswerte Gitarrenspiel-Beitrag dieses Herren enthalten. Ähnliches gilt auch für sein Bassspiel.
Das Album hat noch Kanten, kommt teilweise noch richtig laut und rockig daher, so etwa auch Rutherfords Ballade 'Like it or Not'.
Zu erwähnen wäre auch Banks' reggae-mäßiges Stück 'Me and Sarah Jane', welches eine gute Symbiose zwischen rhythmischer Keyboardarbeit und Collins Drumming aufzeigt.
Collins' Gesang hat sich seit 'Duke' ebenfalls deutlich gewandelt. Der Herr lässt jetzt die Rockröhre heraus und die Stimme macht es noch sehr gut mit. Er singt jetzt richtig powervoll, laut, fetzig. Collins singt und spielt sich langsam aber stetig, deutlich in den Vordergrund der Band.
Banks liefert seine üblich hochqualitätive Keyboardarbeit. Das jetzt nur noch ansatzweise stattfindende Experimentieren, zeigt sich etwa in den Sounds, die er benutzt. Sie kommen roh, scharf, laut und heftig daher. So etwas gab es bis dato noch nicht.
Ebenso neu ist das dadaistisch-anmutende, total sinnlos-wirkende 'Who Dunnit?', welches die alten "Genesis-Jünger" nun definitiv vergrault haben dürfte. Dieses Stück war aber - so meine ich - von der Band nicht ernst gemeint :)
Ich finde, dass dieses Album ein sehr gutes Rock-(und POP)-Album ist, welches harte aber auch stimmungsvolle Stellen bietet.