Spätestens seit dem deutschen Sommermärchen während der Fussballweltmeisterschaft wurde selbst den Coolen bewusst, dass sie nicht in der glücklichsten aller Zeiten leben. Aber nachdem die Euphorie wieder vorbei war, kehrte seltsame Ruhe ein. Obwohl damals noch keine düsteren Wolken am Konjunkturhimmel aufzogen. Wenn sich nun ein erfolgreicher Kommunikationsberater mit philosophischem Hintergrund an dieser Ruhe stört und wieder Bewegung in die Massen bringen will, ist das lobenswert und verdient allein für die gute Absicht fünf Sterne. Aber bei der Lektüre seiner Initiative "Ab jetzt Begeisterung" war ich hin und her gerissen zwischen Be- und Verwunderung. Dominic Veken legt seinen Lesern starke Bilder von begeisterten Menschen vor, segnet deren Verhaltensmuster mit Zitaten großer Denker aus allen Jahrhunderten ab, erzählt von eigenen Begegnungen mit Vorbildern und versucht, den wesentlichen Elementen von Begeisterung auf die Spur zu kommen. Wenn erfolgreiche Unternehmer nicht von den üblichen Karriereprogrammen sprechen, sich Gedanken über die Gründe einer verfahrenen Situation machen und nach den Schlüsseln zu versperrten Türen suchen, verdient das immer Bewunderung. Doch steht der Begriff Begeisterung im Zentrum solcher Überlegungen und Handlungsmuster, erwarte ich noch mehr.
In der Fankurve des FC St. Pauli wird dieses Buch ebenso wenige Leser finden wie unter dem Stammpublikum von Deutschland sucht den Superstar. Denn dazu greift Dominic Veken allzu tief in einen Bildungsschatz, dessen Glanz durch schulische Sozialisationsübungen und pädagogischen Missbrauch getrübt wurde. Und wem die Lust am Lesen einmal abhanden gekommen ist, wird sie durch dieses Buch nicht zurückgewinnen. Das Konzept, die Argumentationsebenen und die Sprache sind auf ein Zielpublikum ausgerichtet, das ich grob als "Die Intellektuellen" bezeichnen würde. Keine sehr gelungene Definition, ich weiß. Aber um den Gedankengängen des Autors folgen zu können und bei der Lektüre einen minimalen Spaß zu empfinden, braucht es nun mal einen gewissen Bildungsrucksack, der in der Regel von staatlichen Institutionen gefüllt wird. Stellt sich also die Frage, wie sich solche Leser mit dem Virus Begeisterung anstecken lassen. Mit Appellen wie "Ab jetzt Begeisterung" sicher nicht. Mit Hinweisen auf das Glücksempfinden begeisterter Menschen schon eher. Aber da es uns an solchen Hinweisen noch nie fehlte und sich die Begeisterungswelle trotzdem nicht ausbreiten konnte, muss diese Methode erhebliche Schwachpunkte aufweisen. Auch an die Motivatoren Lust, Wohlstand, Macht und Ansehen zu erinnern, haben vor Dominic Veken schon andere versucht und sind damit gescheitert. Und Bilder von begeisterten Surfern im Flow-Zustand gekonnt zu beschreiben, nützt wenig, wenn ich deren Lebensgeschichten nicht mit meiner eigenen verbinden kann. Dominic Veken wusste wahrscheinlich um die Schwierigkeiten, die er sich mit diesem Buch aufhalste. Und er hat einiges versucht, sie zu beheben. Doch er ist ihnen an den gleichen Stellen ausgewichen wie andere vor ihm. Wo dies ist, hätte er zum Beispiel bei seinen Ausführungen zum Wahlkampf Obamas merken können. Denn das Internet spielte zwar zugegebenermaßen eine wesentliche Rolle für den Sieg, war aber letztlich nur ein perfekt eingesetztes Instrument. Wären nicht unzählige Nichtleser, Nichtakademiker und Nichtspezialisten von Tür zu Tür gegangen, hätte es Obama kaum gereicht. Und hätten sich Obamas Anhänger dauernd gefragt, was peinlich oder politisch korrekt ist, wäre der Funke nicht übergesprungen.
Begeisterung ist kein Freund intellektueller Überlegungen und dem Bedürfnis nach Sicherheit. Das wird von Dominic Veken auch nicht behauptet. Aber bei seinen Analysen, warum wir in Europa nur in Sommermärchen Fähnchen schwingen und unseren Sehnsüchten nur selten folgen, finden sich die wesentlichen Gründe zwischen den Zeilen oder werden, kaum sind die ausgesprochen, wieder relativiert. Wenn Dominic Veken über die Begeisterung in der Mafia oder im Dritten Reich spricht, begeht er zwar Tabubruch, scheut sich aber davor, seine Leser dazu aufzufordern, in sich selber hineinzuhorchen, warum sie vor lauter Abgrenzungen lieber auf gewohnte Verhaltensmuster setzen.
Mein Fazit: Weil ich es wichtig und gut finde, dass der Autor auf eine der wesentlichen Schwachstellen der modernen Lebensgestaltung aufmerksam macht, bewerte ich die Absicht stärker als die Umsetzung. Aber da Begeisterung viel mit dem Bauch und wenig mit dem Intellekt zu tun hat, glaube ich nicht, dass dieses Buch bei den anvisierten Lesern das gleiche auslösen wird wie beim Autor.