Aus der Amazon.de-Redaktion
Als Betrüger, professioneller Lügner und ausgemachtes Schlitzohr erwartet Feucht von Lipwig die gerechte Strafe für seine Missetaten: der Weg zum Galgen. Schon legt sich die Schlinge um seinen Hals, da wird er überraschend von Lord Vetinari begnadigt. Allerdings knüpft sich an sein weiteres Überleben eine Bedingung -- er soll die Stelle des Postministers von Ankh-Morpork antreten und den lange schon stagnierenden Postbetrieb wieder in Gang bringen. Der Golem Herr Pumpe wacht indessen darüber, dass der frisch gebackene Postminister nicht heimlich das Weite sucht.
Das Postamt ist in einem wahrhaft desolaten Zustand: Briefe stapeln sich bis zur Decke und sind von oben bis unten mit den Ausscheidungen von Brieftauben bedeckt. Zusammen mit dem Junior-Postboten Herr Grütze und dem Postbotenlehrling und passionierten Nadelsammler Stanley macht sich Lipwig an die Arbeit. Doch die Konkurrenz schläft nicht: Reacher Gilt vom Großen Strang der Klacker ist die Wiedereinführung der Post ein Dorn im Auge, gefährdet sie doch das Monopol der Semaphorgesellschaft auf die Nachrichtenübermittlung. Ein erbitterter Wettstreit entbrennt zwischen Postkutsche und Klackertürmen ...
Ab die Post ist einer der besten Scheibenweltromane seit Die volle Wahrheit. Neben Gastauftritten alter Bekannter wie Lord Vetinari oder Hauptmann Mumm verlegt sich Pratchett auch diesmal wieder eher darauf, neue Figuren einzuführen und weniger vertraute Aspekte der Scheibenwelt zu beleuchten. Mit dem Wettstreit zwischen Klackern und Postboten gelingt Pratchett eine treffende Parodie auf das Internet, die Informationsgesellschaft und eine von knallharten Wirtschaftsinteressen bestimmte westliche Welt. -- Intelligente Gesellschaftssatire und Super-Training für die Lachmuskeln! --Sara Schade
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Klappentext
Oxford Times
"Pratchetts Humor sprüht vor Witz und Intelligenz."
Publishers Weekly
"Er ist zum Schreien komisch. Er ist weise. Er hat Stil."
Daily Telegraph
Über den Autor
Andreas Brandhorst, 1956 im norddeutschen Sielhorst geboren, schrieb bereits in jungen Jahren phantastische Erzählungen für deutsche Verlage. Es folgten zahlreiche Heftromane - unter anderem für die legendäre Terranauten-Serie - sowie Fantasy- und Science-Fiction-Taschenbücher. Im Kantaki-Zyklus, zu dem "Feuerstürme" gehört, sind bereits die Romane "Diamant", "Der Metamorph" sowie "Der Zeitkrieg" erschienen. Andreas Brandhorst lebt als freier Autor und Übersetzer in Norditalien.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Flottillen der Toten segelten auf Flüssen unter Wasser um die Welt.
Fast niemand wusste von ihnen. Aber die Theorie ist leicht zu verstehen.
Das Meer ist in vielerlei Hinsicht nur eine nassere Art von Luft. Und es ist bekannt, dass die Luft umso dichter wird, je tiefer man kommt, und umso leichter, je höher man fliegt. Wenn ein Schiff im Sturm untergeht und sinkt, so erreicht es irgendwann eine Tiefe, in der das Wasser unter ihm dickflüssig genug ist, um es zu tragen.
Dort hört es auf zu sinken und schwimmt auf einer Oberfläche unter Wasser, außerhalb der Reichweite der Stürme, aber ein ganzes Stück über dem Meeresgrund.
Stille herrscht dort. Tödliche Stille.
Manche der gesunkenen Schiffe tragen noch ihre Takelage, einige sogar noch ihre Segel. Auf vielen weilt noch die Besatzung, in der Takelage verheddert oder ans Ruderrad gebunden.
Und die Reisen gehen weiter, ziellos, ohne einen Hafen in Sicht, denn Strömungen ziehen durchs Meer. Die gesunkenen Schiffe mit ihren toten Besatzungen segeln um die Welt, über versunkene Städte hinweg und zwischen Bergen, die vom Grund des Ozeans aufragen, bis Fäulnis und Bohrwürmer sie auseinander brechen lassen.
Manchmal fällt ein Anker bis hinab zu der dunklen, kalten Stille der tiefen Ebene und stört dort die Ruhe der Jahrhunderte, indem er eine Wolke Schlamm aufwirbelt.
Einer hätte fast Anghammarad getroffen, der dort unten saß und die weit oben dahinziehenden Schiffe beobachtete.
Er erinnerte sich daran, denn es war das einzig Interessante, das in neuntausend Jahren geschah.
Der Ein-Monat-Prolog
Unter den Klackerleuten grassierte eine … Krankheit.
Sie ähnelte dem Leiden, das Seeleute »Sonnenstich« und »Tropenfieber« nannten: Nach Wochen auf einem spiegelglatten Meer, unter sengender Sonne, glaubten sie plötzlich, das Schiff wäre von grünen Feldern umgeben, und dann gingen sie über Bord.
Manchmal glaubten die Klackerleute, dass sie fliegen konnten.
Der Abstand zwischen den großen Semaphortürmen betrug etwa acht Meilen, und ganz oben befand man sich etwa fünfzig Meter über der Ebene. Es hieß, wenn man dort zu lange ohne Hut arbeitete, so wurde der Turm immer höher, und der nächste Turm kam immer näher, und dann dachte man vielleicht, dass man von einem Turm zum anderen springen oder auf den unsichtbaren Nachrichten reiten konnte, die zwischen ihnen unterwegs waren. Oder man hielt sich selbst für eine Nachricht. Manche glaubten, es wäre nur eine Funktionsstörung des Gehirns, verursacht vom Wind in der Takelung. Niemand wusste es genau. Wer fünfzig Meter über dem Boden in leere Luft tritt, hat nur selten Gelegenheit, später von seinen Erfahrungen zu berichten.
Die Türme bewegten sich ein wenig im Wind, aber das war in Ordnung. Dieser Turm war völlig neu konstruiert. Er speicherte die Kraft des Winds für seine Mechanismen, und er bog sich, anstatt zu brechen. Er verhielt sich mehr wie ein Baum und weniger wie eine Festung. Man konnte den größten Teil davon auf dem Boden bauen und ihn in nur einer Stunde aufrichten. Es war ein Gebilde voller Anmut und Schönheit. Und mit dem neuen Klappensystem und den bunten Lichtern konnte dieser Turm Mitteilungen viermal schneller übermitteln als die alten.
Besser gesagt: Er hätte sie viermal schneller übermitteln können, wenn es gelungen wäre, einige Probleme zu lösen …
Der junge Mann kletterte schnell bis zum höchsten Punkt des Turms. Den größten Teil des Wegs nach oben legte er in grauem Morgendunst zurück, dann erreichte er herrlichen Sonnenschein, und der Dunst breitete sich unter ihm aus, reichte wie ein Meer bis zum Horizont.
Er schenkte der Aussicht keine Beachtung. Er hatte nie davon geträumt zu fliegen. Stattdessen träumte er von Mechanismen, davon, sie besser funktionieren zu lassen als jemals zuvor.
Derzeit wollte er herausfinden, warum das neue Klappensystem erneut klemmte. Er ölte die Schieber, überprüfte die Spannung der Drähte und schwang sich dann über die frische Luft, um die eigentlichen Klappen zu kontrollieren. Das war normalerweise nicht vorgesehen, aber jeder Klackermann wusste, dass man nur so weiterkam. Außerdem war es überhaupt nicht gefährlich, wenn man …
Etwas klirrte. Der junge Mann blickte zurück und stellte fest, dass der Schnappverschluss der Sicherheitsleine auf dem Laufgang lag. Er sah den Schatten, fühlte den grässlichen Schmerz in den Fingern, hörte den Schrei und fiel …
… wie ein Anker.
1
Der Engel
Unser Held erfährt Hoffnung, das größte Geschenk – Das Schinkenbrötchen des Bedauerns – Ernste Reflexionen eines Henkers über die Todesstrafe – Berühmte letzte Worte – Unser Held stirbt – Gespräch über Engel – Die Unratsamkeit unangebrachter Angebote in Hinsicht auf Besenstiele – Ein unerwarteter Ritt – Eine Welt frei von ehrlichen Leuten – Ein humpelnder Mann – Man hat immer eine Wahl
Es heißt, die Aussicht, am Morgen gehängt zu werden, hilft dem Geist eines Mannes, sich zu konzentrieren. Leider konzentriert er sich unweigerlich darauf, dass er in einem Körper steckt, der am Morgen gehängt werden soll.
Liebevolle, aber unkluge Eltern hatten dem Mann, der gehängt werden sollte, den Namen Feucht von Lipwig gegeben, doch er wollte seinem Namen keine Schande bereiten – falls das noch möglich war –, indem er damit starb. Für die Welt im Allgemeinen und die des Todesurteils im Besonderen war er Albert Spangler.
Er ging positiv an die Situation heran und hatte sich auf die Vorstellung konzentriert, am Morgen nicht gehängt zu werden, besonders darauf, mit einem Löffel all den Mörtel um einen Stein in der Wand seiner Zelle zu entfernen. Seit fünf Wochen arbeitete er daran, und der Löffel war inzwischen so abgenutzt, dass er einer Nagelfeile ähnelte. Glücklicherweise kam an diesen Ort niemand, um die Bettwäsche zu wechseln, sonst wäre die schwerste Matratze der Welt entdeckt worden.
Der große und schwere Stein beanspruchte derzeit all seine Aufmerksamkeit. Ein großer Eisenring war darin eingelassen, um Handschellen daran zu befestigen.
Feucht nahm vor der Wand Platz, griff mit beiden Händen nach dem Ring, stemmte die Beine gegen die Steine zu beiden Seiten und zog.
Seine Schultern fingen Feuer, und roter Dunst bildete sich vor seinen Augen, aber der Steinblock glitt aus der Wand, begleitet von einem leisen und unpassenden Klimpern. Feucht schaffte es, ihn beiseite zu ziehen, und blickte dann in das Loch.
Am anderen Ende sah er einen weiteren Steinblock, und der Mörtel darum herum wirkte verdächtig stark und frisch.
Direkt davor lag ein neuer Löffel. Er glänzte.
Während Feucht ihn noch betrachtete, klatschte es hinter ihm. Er drehte den Kopf, wobei die Sehnen ein kleines Riff der Agonie zupften, und sah mehrere Wärter auf der anderen Seite des Gitters.
»Bravo, Herr Spangler!«, sagte einer von ihnen. »Ron hier schuldet mir fünf Dollar. Ich habe ihm gesagt, dass du ein zäher Bursche bist! Er ist ein zäher Bursche, habe ich ihm gesagt!«
»Du hast dies alles arrangiert, Herr Wilkinson?«, fragte Feucht schwach und beobachtete, wie der Löffel das Licht reflektierte.
»Nicht wir. Lord Vetinari hat es angeordnet. Er besteht darauf, allen verurteilten Gefangenen die Aussicht auf Freiheit zu bieten.«
»Freiheit? Aber da steckt ein großer Stein drin!«
»Ja, das stimmt, in der Tat«, bestätigte der Wärter. »Es geht nur um die Aussicht, verstehst du? Nicht um die Freiheit als solche. Das wäre ein wenig dumm, nicht wahr?«
»Ich denke schon«, sagte Feucht. Er sagte nicht »ihr Mistkerle«. Während der vergangenen sechs Wochen hatten ihn die Wärter recht gut behandelt, und er legte Wert darauf, mit Leuten auszukommen. Darauf verstand er sich sehr gut. Menschenkenntnis gehörte zu seinem Handwerkszeug; darauf lief praktisch alles hinaus.
Außerdem hatten die Wärter große Knüppel. Deshalb wählte Feucht seine Worte...
Auszug aus Ab die Post von Terry Pratchett, Andreas Brandhorst. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Flottillen der Toten segelten auf Flüssen unter Wasser um die Welt.
Fast niemand wusste von ihnen. Aber die Theorie ist leicht zu verstehen.
Das Meer ist in vielerlei Hinsicht nur eine nassere Art von Luft. Und es ist bekannt, dass die Luft umso dichter wird, je tiefer man kommt, und umso leichter, je höher man fliegt. Wenn ein Schiff im Sturm untergeht und sinkt, so erreicht es irgendwann eine Tiefe, in der das Wasser unter ihm dickflüssig genug ist, um es zu tragen.
Dort hört es auf zu sinken und schwimmt auf einer Oberfläche unter Wasser, außerhalb der Reichweite der Stürme, aber ein ganzes Stück über dem Meeresgrund.
Stille herrscht dort. Tödliche Stille.
Manche der gesunkenen Schiffe tragen noch ihre Takelage, einige sogar noch ihre Segel. Auf vielen weilt noch die Besatzung, in der Takelage verheddert oder ans Ruderrad gebunden.
Und die Reisen gehen weiter, ziellos, ohne einen Hafen in Sicht, denn Strömungen ziehen durchs Meer. Die gesunkenen Schiffe mit ihren toten Besatzungen segeln um die Welt, über versunkene Städte hinweg und zwischen Bergen, die vom Grund des Ozeans aufragen, bis Fäulnis und Bohrwürmer sie auseinander brechen lassen.
Manchmal fällt ein Anker bis hinab zu der dunklen, kalten Stille der tiefen Ebene und stört dort die Ruhe der Jahrhunderte, indem er eine Wolke Schlamm aufwirbelt.
Einer hätte fast Anghammarad getroffen, der dort unten saß und die weit oben dahinziehenden Schiffe beobachtete.
Er erinnerte sich daran, denn es war das einzig Interessante, das in neuntausend Jahren geschah.
Der Ein-Monat-Prolog
Unter den Klackerleuten grassierte eine
Krankheit.
Sie ähnelte dem Leiden, das Seeleute »Sonnenstich« und »Tropenfieber« nannten: Nach Wochen auf einem spiegelglatten Meer, unter sengender Sonne, glaubten sie plötzlich, das Schiff wäre von grünen Feldern umgeben, und dann gingen sie über Bord.
Manchmal glaubten die Klackerleute, dass sie fliegen konnten.
Der Abstand zwischen den großen Semaphortürmen betrug etwa acht Meilen, und ganz oben befand man sich etwa fünfzig Meter über der Ebene. Es hieß, wenn man dort zu lange ohne Hut arbeitete, so wurde der Turm immer höher, und der nächste Turm kam immer näher, und dann dachte man vielleicht, dass man von einem Turm zum anderen springen oder auf den unsichtbaren Nachrichten reiten konnte, die zwischen ihnen unterwegs waren. Oder man hielt sich selbst für eine Nachricht. Manche glaubten, es wäre nur eine Funktionsstörung des Gehirns, verursacht vom Wind in der Takelung. Niemand wusste es genau. Wer fünfzig Meter über dem Boden in leere Luft tritt, hat nur selten Gelegenheit, später von seinen Erfahrungen zu berichten.
Die Türme bewegten sich ein wenig im Wind, aber das war in Ordnung. Dieser Turm war völlig neu konstruiert. Er speicherte die Kraft des Winds für seine Mechanismen, und er bog sich, anstatt zu brechen. Er verhielt sich mehr wie ein Baum und weniger wie eine Festung. Man konnte den größten Teil davon auf dem Boden bauen und ihn in nur einer Stunde aufrichten. Es war ein Gebilde voller Anmut und Schönheit. Und mit dem neuen Klappensystem und den bunten Lichtern konnte dieser Turm Mitteilungen viermal schneller übermitteln als die alten.
Besser gesagt: Er hätte sie viermal schneller übermitteln können, wenn es gelungen wäre, einige Probleme zu lösen
Der junge Mann kletterte schnell bis zum höchsten Punkt des Turms. Den größten Teil des Wegs nach oben legte er in grauem Morgendunst zurück, dann erreichte er herrlichen Sonnenschein, und der Dunst breitete sich unter ihm aus, reichte wie ein Meer bis zum Horizont.
Er schenkte der Aussicht keine Beachtung. Er hatte nie davon geträumt zu fliegen. Stattdessen träumte er von Mechanismen, davon, sie besser funktionieren zu lassen als jemals zuvor.
Derzeit wollte er herausfinden, warum das neue Klappensystem erneut klemmte. Er ölte die Schieber, überprüfte die Spannung der Drähte und schwang sich dann über die frische Luft, um die eigentlichen Klappen zu kontrollieren. Das war normalerweise nicht vorgesehen, aber jeder Klackermann wusste, dass man nur so weiterkam. Außerdem war es überhaupt nicht gefährlich, wenn man
Etwas klirrte. Der junge Mann blickte zurück und stellte fest, dass der Schnappverschluss der Sicherheitsleine auf dem Laufgang lag. Er sah den Schatten, fühlte den grässlichen Schmerz in den Fingern, hörte den Schrei und fiel
wie ein Anker.
1
Der Engel
Unser Held erfährt Hoffnung, das größte Geschenk Das Schinkenbrötchen des Bedauerns Ernste Reflexionen eines Henkers über die Todesstrafe Berühmte letzte Worte Unser Held stirbt Gespräch über Engel Die Unratsamkeit unangebrachter Angebote in Hinsicht auf Besenstiele Ein unerwarteter Ritt Eine Welt frei von ehrlichen Leuten Ein humpelnder Mann Man hat immer eine Wahl
Es heißt, die Aussicht, am Morgen gehängt zu werden, hilft dem Geist eines Mannes, sich zu konzentrieren. Leider konzentriert er sich unweigerlich darauf, dass er in einem Körper steckt, der am Morgen gehängt werden soll.
Liebevolle, aber unkluge Eltern hatten dem Mann, der gehängt werden sollte, den Namen Feucht von Lipwig gegeben, doch er wollte seinem Namen keine Schande bereiten falls das noch möglich war , indem er damit starb. Für die Welt im Allgemeinen und die des Todesurteils im Besonderen war er Albert Spangler.
Er ging positiv an die Situation heran und hatte sich auf die Vorstellung konzentriert, am Morgen nicht gehängt zu werden, besonders darauf, mit einem Löffel all den Mörtel um einen Stein in der Wand seiner Zelle zu entfernen. Seit fünf Wochen arbeitete er daran, und der Löffel war inzwischen so abgenutzt, dass er einer Nagelfeile ähnelte. Glücklicherweise kam an diesen Ort niemand, um die Bettwäsche zu wechseln, sonst wäre die schwerste Matratze der Welt entdeckt worden.
Der große und schwere Stein beanspruchte derzeit all seine Aufmerksamkeit. Ein großer Eisenring war darin eingelassen, um Handschellen daran zu befestigen.
Feucht nahm vor der Wand Platz, griff mit beiden Händen nach dem Ring, stemmte die Beine gegen die Steine zu beiden Seiten und zog.
Seine Schultern fingen Feuer, und roter Dunst bildete sich vor seinen Augen, aber der Steinblock glitt aus der Wand, begleitet von einem leisen und unpassenden Klimpern. Feucht schaffte es, ihn beiseite zu ziehen, und blickte dann in das Loch.
Am anderen Ende sah er einen weiteren Steinblock, und der Mörtel darum herum wirkte verdächtig stark und frisch.
Direkt davor lag ein neuer Löffel. Er glänzte.
Während Feucht ihn noch betrachtete, klatschte es hinter ihm. Er drehte den Kopf, wobei die Sehnen ein kleines Riff der Agonie zupften, und sah mehrere Wärter auf der anderen Seite des Gitters.
»Bravo, Herr Spangler!«, sagte einer von ihnen. »Ron hier schuldet mir fünf Dollar. Ich habe ihm gesagt, dass du ein zäher Bursche bist! Er ist ein zäher Bursche, habe ich ihm gesagt!«
»Du hast dies alles arrangiert, Herr Wilkinson?«, fragte Feucht schwach und beobachtete, wie der Löffel das Licht reflektierte.
»Nicht wir. Lord Vetinari hat es angeordnet. Er besteht darauf, allen verurteilten Gefangenen die Aussicht auf Freiheit zu bieten.«
»Freiheit? Aber da steckt ein großer Stein drin!«
»Ja, das stimmt, in der Tat«, bestätigte der Wärter. »Es geht nur um die Aussicht, verstehst du? Nicht um die Freiheit als solche. Das wäre ein wenig dumm, nicht wahr?«
»Ich denke schon«, sagte Feucht. Er sagte nicht »ihr Mistkerle«. Während der vergangenen sechs Wochen hatten ihn die Wärter recht gut behandelt, und er legte Wert darauf, mit Leuten auszukommen. Darauf verstand er sich sehr gut. Menschenkenntnis gehörte zu seinem Handwerkszeug; darauf lief praktisch alles hinaus.
Außerdem hatten die Wärter große Knüppel. Deshalb wählte Feucht seine Worte sorgfältig, als er hinzufügte: »Manche Leute könnten dies für grausam halten, Herr Wilkinson.«
»Ja, darauf haben wir ihn hingewiesen, aber er meinte, von Grausamkeit könne keine Rede sein. Er sprach von
« Er runzelte die Stirn. »
Be-schäff-tigungs-thera-pieh und gesunder Bewegung. Außerdem meinte er, es würde dem Trübsalblasen vorbeugen und dir den größten aller Schätze geben, nämlich Hoffnung.«
»Hoffnung«, brummte Feucht bedrückt.
»Du bist doch nicht verärgert?«
»Warum sollte ich verärgert sein, Herr Wilkinson?«
»Der letzte Bursche, den wir in dieser Zelle hatten, ist durch den Abfluss entkommen. Sehr kleiner Mann. Sehr agil.«
Feucht blickte auf das kleine Gitter im Boden. Er hatte es sofort von der Liste der Möglichkeiten gestrichen.
»Führt es zum Fluss?«, fragte er.
Der Wärter lächelte. »Das sollte man glauben. Er war sehr verärgert, als wir ihn herausfischten. Es freut mich, dass du mit der richtigen Einstellung dabei warst. Du hast uns allen ein gutes Beispiel gegeben, so wie du weitergemacht hast. Den Mörtelstaub in der Matratze zu verstecken
sehr clever, sehr sauber. Gut überlegt. Es war uns wirklich eine Freude, dich hier gehabt zu haben. Übrigens, Frau Wilkinson dankt dir für den Obstkorb. Sehr feudal. Sogar mit Kumquats drin.«
»Nicht der Rede wert, Herr Wilkinson.«
»Der Direktor war ein bisschen enttäuscht wegen der Kumquats, denn er hatte nur Datteln in seinem Korb, aber ich habe ihm gesagt, mit Obstkörben ist das wie mit dem Leben: Solange man nicht die Ananas ganz oben weggenommen hat, weiß man nicht, was darunter ist. Er bedankt sich ebenfalls.«
»Freut mich, dass ihm der Korb gefallen hat, Herr Wilkinson«, sagte Feucht geistesabwesend. Mehrere seiner früheren Pensionswirtinnen hatten Geschenke für den »armen verwirrten Jungen« gekauft, und Feucht investierte immer in Großzügigkeit. Eine Karriere wie die seine verlangte Stil.
»Da es nun so weit ist«, sagte Herr Wilkinson, »die Jungs und ich, wir haben uns gefragt, ob du vielleicht dein Gewissen erleichtern und den Ort mit der Stelle des Platzes nennen möchtest, wo du, um nicht lange um die Sache herumzureden, all das gestohlene Geld versteckt hast
«
Es wurde still im Gefängnis. Selbst die Kakerlaken lauschten.
»Nein, das kann ich nicht, Herr Wilkinson«, sagte Feucht laut nach einer dramatischen Pause. Er klopfte auf seine Jackentasche, hob den Finger und zwinkerte.
Die Wärter lächelten.
»Das verstehen wir natürlich. Nun, du solltest dich jetzt ein wenig ausruhen, denn in einer halben Stunde hängen die dich«, sagte Herr Wilkinson.
»He, bekomme ich kein Frühstück?«
»Frühstück gibts erst um sieben«, erwiderte der Wärter vorwurfsvoll. »Aber weißt du was? Ich besorge dir ein Schinkenbrötchen. Weil du es bist, Herr Spangler.«
Und jetzt war es einige Minuten vor Morgengrauen, und er wurde durch den kurzen Flur und in den kleinen Raum unter dem Gerüst gebracht. Feucht stellte fest, dass er sich selbst aus einer gewissen Entfernung sah, als schwebte ein Teil von ihm wie der Luftballon eines Kindes außerhalb des Körpers und wartete darauf, dass er die Schnur losließ.
Das Licht in dem Raum kam durch Ritzen im Gerüstboden weiter oben, vor allem von den Rändern der großen Falltür. Ein Mann mit Kapuze ölte die Angeln der besagten Tür.
Der Mann unterbrach seine Tätigkeit, als die Gruppe eintraf.
»Guten Morgen, Herr Spangler«, sagte er und hob die Kapuze. »Ich bins, Daniel Ein Fall Truper. Ich bin heute dein Henker. Sei unbesorgt. Ich habe Duzende von Leuten gehängt. Wir schaffen dich schnell aus dieser Welt.«
»Stimmt es, dass ein Mann nach drei vergeblichen Hinrichtungsversuchen begnadigt wird, Dan?«, fragte Feucht, als sich der Mann die Hände sorgfältig an einem Lappen abputzte.
»Davon habe ich gehört. Aber man nennt mich nicht ohne Grund Ein Fall. Möchtest du mit dem schwarzen Beutel von uns gehen?«
»Wird es dadurch leichter?«
»Manche Leute glauben, dass sie damit schneidiger aussehen. Und dann sieht niemand die Augen aus den Höhlen treten. Eigentlich ist der Beutel vor allem für die Zuschauer da. Da draußen haben sich heute Morgen ziemlich viele eingefunden. Gestern hat die Times einen netten Artikel über dich gebracht. Die Leute reden darüber, was du doch für ein netter junger Mann warst und so. Äh
wärst du so freundlich, das Seil vorher zu signieren? Ich meine, es hat ja wenig Sinn, dich nachher darum zu bitten?«
»Du möchtest, dass ich das Seil signiere?«, fragte Feucht.
»Ja«, bestätigte der Henker. »Es ist so eine Art Tradition. Dort draußen gibt es viele Leute, die alte Seile kaufen. Spezielle Sammler, könnte man sagen. Ein bisschen seltsam, aber es gibt eben solche und solche. Signiert ist das Seil natürlich mehr wert.« Er holte ein dickes Seil hervor. »Ich habe hier einen Stift, mit dem man darauf schreiben kann. Eine Unterschrift alle fünf Zentimeter? Eine einfache Unterschrift, ohne Widmung. Ist echtes Geld für mich. Ich wäre dir sehr dankbar.«
»So dankbar, dass du mich nicht hängst?«, fragte Feucht und nahm den Stift.
Das brachte ihm ein anerkennendes Lachen ein. Herr Truper beobachtete, wie er das Seil signierte, und er nickte zufrieden.
»Ausgezeichnet, du signierst da meine Altersversorgung. Und nun
Sind alle bereit?«
»Ich nicht!«, sagte Feucht schnell, was ihm eine weitere Runde amüsierten Gelächters einbrachte.
»Du bist vielleicht ein Spaßvogel, Herr Spangler«, sagte Herr Wilkinson. »Ohne dich wird es hier nicht mehr so sein wie früher, im Ernst.«
»Zumindest nicht für mich«, sagte Feucht. Auch diese Worte wurden wie das Maximum an Scharfsinn und Witz aufgenommen. »Glaubst du wirklich, dass dies abschreckend wirkt und Verbrechen vorbeugt, Herr Truper?«, fragte er.
»Ich schätze, im Allgemeinen lässt sich das kaum feststellen, denn es dürfte schwer sein, Hinweise auf nicht verübte Verbrechen zu finden«, antwortete der Henker und überprüfte die Falltür ein letztes Mal. »Aber im Besonderen denke ich, dass es gut funktioniert, ja.«
»Wie meinst du das?«, fragte Feucht.
»Ich meine damit, dass ich hier oben nie jemanden mehr als einmal gesehen habe. Sollen wir gehen?«
Unruhe entstand, als sie in die kühle Morgenluft emporstiegen, gefolgt von einigen Buhrufen und sogar ein wenig Applaus. Die Leute waren seltsam. Wer fünf Dollar stahl, war ein Dieb. Wer tausende von Dollar stahl, war entweder eine Regierung oder ein Held.
Feucht blickte nach vorn, während man die Liste seiner Verbrechen verlas. Irgendwie fand er alles unfair. Er hatte niemandem auch nur an den Kopf getippt. Er hatte nie eine Tür aufgebrochen. Er hatte das eine oder andere Schloss geknackt, es aber nie versäumt, hinter sich wieder abzuschließen. Abgesehen von den Enteignungen, Bankrotten und plötzlichen Insolvenzen was hatte er Schlechtes getan? Er hatte nur Zahlen bewegt.
»Ein gutes Publikum«, sagte Herr Truper, warf das Ende des Seils über den Balken und knüpfte den Knoten. »Es sind auch viele Leute von der Presse da. Wer baumelt? erstattet natürlich immer Bericht, und Reporter von der Times und vom Pseudopolis-Boten, vermutlich wegen des dortigen Bankenkrachs, und ich habe gehört, dass auch jemand vom Sto-Ebene-Anzeiger gekommen ist. Hat einen guten Wirtschaftsteil ich achte immer auf die Preise für gebrauchte Stricke. Es scheint viele Leute zu geben, die dich tot sehen wollen.«
Feucht bemerkte eine schwarze Kutsche, die hinter der Menge hielt. Auf der Tür war kein Wappen, es sei denn, man kannte das Geheimnis: Lord Vetinaris Wappen bestand aus einem schwarzen Schild. Schwarz auf Schwarz. Man musste zugeben, der Mistkerl hatte Stil
»Wie? Was?«, fragte Feucht, als er angestoßen wurde.
»Ich habe gefragt, ob du noch einige letzte Worte sprechen möchtest, Herr Spangler?«, fragte der Henker. »Das ist so üblich. Hast du dir welche überlegt?«
»Ich habe gar nicht damit gerechnet zu sterben«, erwiderte Feucht. Und das stimmte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er die Möglichkeit des Todes nicht in Erwägung gezogen. Er war sicher gewesen, dass irgendetwas geschehen würde.
»Nicht schlecht«, kommentierte Herr Wilkinson. »Du wirst also damit von uns scheiden.«
Feucht kniff die Augen zusammen. Die Gardine am Kutschenfenster zitterte die Tür der Kutsche hatte sich geöffnet. Hoffnung, der größte aller Schätze, wagte ein kleines Funkeln.
»Nein, das sind nicht meine richtigen letzten Worte«, sagte er. »Lass mich nachdenken
«
Eine schmächtige Gestalt, die nach einem Sekretär aussah, verließ die Kutsche.
Ȁh
mal sehen, geeignete letzte Worte
äh
« Es ergab durchaus einen Sinn. Vetinari wollte ihm einen Schrecken einjagen, so sahs aus. Typisch für ihn, nach dem, was Feucht über ihn gehört hatte. Es wird eine Begnadigung geben!
»Ich
äh
ich
«
Unten fiel es dem Sekretär schwer, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen.
»Könntest du dich vielleicht beeilen, Herr Spangler?«, fragte der Henker. »Gerechtigkeit muss sein.«
»Ich möchte es richtig hinbekommen«, erwiderte Feucht hochmütig und beobachtete, wie der Sekretär einem großen Troll auswich.
»Ja, aber alles hat seine Grenzen«, sagte der Henker, verärgert über diesen Verstoß gegen die Etikette. »Sonst könntest du ja, äh, Tage hier stehen. Kurz und bündig, so gehört es sich.«
»Na schön, na schön«, sagte Spangler. »Äh
oh, sieh nur, der Mann dort! Er winkt dir zu!«
Der Henker blickte auf den Sekretär hinab, der nach vorn drängte.
»Ich bringe eine Nachricht von Lord Vetinari!«, rief der Mann.
»Na bitte!«, entfuhr es Feucht.
»Er sagt, der Tag hat längst begonnen und ihr sollt es endlich hinter euch bringen!«, rief der Sekretär.
»Oh«, sagte Feucht und blickte zu der schwarzen Kutsche. Der verdammte Vetinari hatte auch den Humor eines Wärters.
»Na los, Herr Spangler, du möchtest mich doch nicht in Schwierigkeiten bringen, oder?«, sagte der Henker und klopfte ihm auf die Schulter. »Nur einige Worte, und dann können wir alle unser Leben fortsetzen. Du natürlich ausgeschlossen.«
Dies war es also. Auf sonderbare Weise fühlte es sich befreiend an. Man brauchte nicht mehr zu befürchten, dass das Schlimmste geschah, denn es geschah bereits, und es war fast vorbei. Der Wärter hatte Recht. Man musste in diesem Leben an der Ananas vorbeikommen, dachte Feucht. Sie war groß und schwer und knubbelig, aber vielleicht lagen Pfirsiche darunter. Es war ein Mythos, nach dem man leben konnte, und jetzt nützte er überhaupt nichts mehr.