Man muss sich schon ins Zeug legen, um Gunter Dueck nur zwei lumpige Sterne zu geben, denn er ist ein kluger Kopf und Vordenken. Was er sagt, ist wohlüberlegt und basiert auf einem reichhaltigen Erfahrungsschatz. Seine Theorien greifen Bewiesenes aus den verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen auf und vereinen sich zu einer umfassenden und anschaulichen Zukunftsvision, für die ihm die fünf Sterne-Bewertungen nur so zufliegen. Auch ich bin ein großer Fan seiner Bücher - bisher. Leider hat seine Theorie mit-der-Exzellenzgesellschaft-schließen-wir-die-Einkommensschere einen Haken: Sie funktioniert nicht und lässt sich mit Zahlen widerlegen.
In Deutschland werde zu wenig für die Bildung getan. Frage: Hat schon mal irgendwer in Deutschland dafür plädiert, dass bei der Bildung gespart werden muss? Im Gegenteil überbieten sich die Parteien mit Bekenntnissen zur Bildungsförderung. Faktisch werden jedoch seit Jahren die Anzahl der Schulen und die Lehrstühle, die Anzahl der Schul- und Studienjahre gekürzt sowie Studiengebühren und Büchergelder eingeführt. Außer dem Minister, der dies leidenschaftlich im Namen der Qualitätssteigerung verkaufen muss, sind sich alle betroffenen Eltern, Schüler, Studenten und Fachleute in erstaunlicher Übereinstimmung einig, dass das Gegenteil der Fall ist und die Qualität sinkt. Also was wird sich ändern, wenn auch noch Gunter Dueck in dieses Horn stößt und die innovativen Forderungen "Abitur für alle" und "jeder muss studieren" verbreitet? Die Frage, die man stellen muss, lautet vielmehr: Welcher Zwang treibt unser Führungspersonal in der Bildungspolitik zu solch unpopulären Entscheidungen? Der Nachhilfesektor boomt, weil es den Eltern jeden Preis wert ist, ihre Kinder zu fördern. Die Hauptschule stirbt aus. In manchen Landkreisen beträgt die Abiturquote bereits über 90%, Tendenz steigend. Deutschland ist konkurrenzfähig wie kaum ein anderes Land. Allen Pisa-Offenbarungseiden zum Trotz ist einer der wichtigsten Standortvorteile Deutschlands das hohe Niveau seiner Fachkräfte, die spielend mit allen Technologiewechseln mithalten. Fakt ist, dass wir schon lange auf dem Weg in eine Art Exzellenzgesellschaft sind.
Aber wirkt diese Entwicklungstendenz der von Gunter Dueck beschriebenen Aufspaltung der Gesellschaft tatsächlich entgegen? Die Absolventenzahlen in den MINT-Fächern sind seit Jahren rückläufig. Erwartet die verbliebenen erfolgreichen Absolventen nach dem Studium eine Horde verzweifelter Human Ressource Recruiting Manager, die ihnen die hoch und höher dotierten Jobangebote nur so um die Ohren haut? Nein, die Absolventen müssen sich mit Praktikanten- und Zeitverträgen abspeisen lassen, da die Human Ressources es sich leisten können, ihr Geld mit dem Drücken der Einstellungsgehälter und dem Erhöhen der Arbeitszeit der Stammbelegschaft zu verdienen. Trotz sinkender MINT-Zahlen sind aktuell in den Medien keine Rufe nach Computer-Indern hörbar. Dies ist weniger dem Erfolg kluger Rüttgers Wahlkampfslogans als vielmehr der Tatsache geschuldet, dass der Exportmotor Deutschlands derart brummt, dass den anderen Euro-Europäern Hören und Sehen vergeht, weil sie ihre Konkurrenzfähigkeit verlieren. Nicht Absolventen-Mangel füllt die Schlagzeilen, sondern Klagen der Europäer über eine zu schlechte Bezahlung der deutschen MINT-Belegschaften. Zu schlechte Bezahlung in Zeiten des Mangels hochqualifizierter Arbeitskräfte??? Und wenn jetzt alle studieren und die Absolventenzahlen steigen, dann steigen auch die Löhne? Das einzige, was steigen wird, sind die Schulden der Staaten, die immer mehr Güter aus dem immer effizienter produzierenden Deutschland importieren, wie Griechenland, Portugal, Irland oder Spanien.
Oder das Pferd mal anders aufgezäumt: Die Arbeitslosigkeit der unter 25 jährigen liegt in Deutschland bei sehr konkurrenzfähigen 10%. Im Dueck-gelobten Land Schweden sind es satte 26% und selbst Pisa-Dauersieger Finnland leistet sich 23% Jugendarbeitslosigkeit. Stellt sich die Frage, ob der Zusammenhang zwischen Bildung und Beschäftigung wirklich so linear ist, wie Gunter Dueck argumentiert. Warum kommen die durch Exzellenz geschöpften Werte nicht bei Ihren geistigen Schöpfern an, wie das in einer Marktwirtschaft zu erwarten wäre? Gunter Duecks scheinbar plausible Theorien funktionieren schon heute nicht! Auch ein mehr davon wird keine Wende bewirken. Aber warum?
In Deutschland sind der Staat, die Unternehmen und die privaten Haushalte verschuldet. Der Staat und die Unternehmen zahlen ihre Zinsen nicht selbst, sondern legen sie über Steuern bzw. die Preise auf die privaten Haushalte um. Man könnte spaßeshalber mal berechnen, wie viele versteckte weil umgelegte Zinsen in den Verbraucherpreisen stecken. Helmut Creutz hat das getan und kommt je nach Berechnungsmethode zu einer Zahl von bis zu satten 46% (vgl. Helmut Creutz: "Die 29 Irrtümer rund ums Geld"). Das muss man sich mal wirklich ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen. Neben dem renditegeilen Manager und dem geizgeilen Kunden steht die Verschuldung als große Schwester, die alle Marktteilnehmer zum Sparen und zur Effizienzsteigerung zwingt, denn die Zinsen für die Kredite müssen letztendlich aus den geschöpften Werten bezahlt werden. Angesichts dieses prächtigen Stückes, das fast die Hälfte vom Kuchen ausmacht, fühlt man sich als verschämter Aldi Kunde schon gar nicht mehr so schlecht, oder? Gunter Duecks Verbraucher- und X-Menschen- Schelte relativiert sich zur Nebensächlichkeit, denn es sind wesentlich die Zinszahlungen, die Managern und Politikern das Sparen aufzwingen und ihnen ihre Entscheidungsspielräume nehmen. In Zahlen ausgedrückt: 1965 wurden über 20% der Steuereinnahmen in Deutschland investiert, heute sind es gerade mal etwas mehr als 5%. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Schuldzinsen der öffentlichen Haushalte von unter 5% auf fast 20%. Ja, unsere Volksvertreter machen Fehler und fördern das Falsche oder tätigen Fehlinvestitionen, das kann man kritisieren. Aber in erster Linie drehen ihnen die Zinsen den Kapitalhahn zu.
Jetzt muss natürlich geklärt werden, wer die ganzen Zinsen bekommt. Die gute Nachricht: Wir alle! Die Schlechte: Die Verteilung ist leider nicht sehr demokratisch. Berechnet man die Differenz zwischen den Zinsen, die die Haushalte als Sparer bekommen und denjenigen, die die Haushalte (direkt oder auf Preise umgelegt) zahlen, ergibt sich ein aussagekräftiges Bild: 80% der Haushalte sind Nettozahler, bei 10% halten sich Zinsausgaben und -einnahmen in etwa die Waage und 10% sind Nettoempfänger. Um diese Schere zu schließen, muss man die Nettozahler zumindest auf das Niveau der Zinsneutralen heben. Und hier liegt das Problem: Um zu den zinsneutralen Haushalten zu gehören, muss ein Haushalt mindestens zu den Top 20% der Einkommensbezieher gehören. Blöderweise liegt diese Schwelle irgendwo im Bereich dessen, was zwischen dem unteren und dem mittleren Management verdient wird. Die Exzellenzgesellschaft müsste also die Einkommen auf breiter Ebene auf das Niveau von Führungskräften heben. Und hier liegt der Haken von Duecks Theorie. Der Achsenpunkt der sich öffnenden Schere liegt nicht zwischen Gymnasium und Hauptschule, sondern im oberen Fünftel der Gesellschaft. Diese lange Schneide der Schere wird die Exzellenzgesellschaft niemals zurück in die Ausgangsstellung bewegen können (1950 betrug die Zinsquote ca. 6%).
Gunter Dueck untermauert seine Prophezeiung einer positiven Zukunft mit der Kondratjew-Theorie. Soeben sei der Anfangs-Innovations-Hype im Crash zusammengebrochen und jetzt stehe die lang andauernde Wachstumsphase des Internet-Kondratjew unmittelbar bevor. Leider wird es dieser im "Abschied vom Homo-Oeconomicus" eingeführten These ebenso ergehen, wie dem ebenfalls dort gesungenen hohen Lied auf Toyotas Vorsprung durch Kaizen. Schon in ein paar Jahren wird sich niemand mehr an die Melodie erinnern. Die Banken-Hypothekenkrise war nicht DIE Krise, sie war lediglich die bisher umfassendste. Ob Japan-Krise, Tequilakrise, Krise der Tigerstaaten, oder Platzen der Dotcom-Blase, mit schöner Regelmäßigkeit platzt etwa alle fünf Jahre irgendwo auf der Welt eine Spekulationsblase. Die Tendenz der Amplitude ist dabei steigend. Gegenhypothese: Die Kondratjew-Zyklen sind Geschichte, die Weltwirtschaft ist heute in erster Näherung ein schwach gedämpftes schwingungsfähiges System. Die Anregung der Schwingung kommt aus dem weltweit zu den Topeinkommensbeziehern umverteilten Geld, den dieses wird nicht konsumiert sondern "investiert" sprich überwiegend zu Spekulationszwecken verwendet. Die nächste Blase platzt spätestens 2015, wetten dass?!. (Das ist übrigens keine Verschwörungstheorie eines missgünstigen Rezensenten, vgl. hierzu Stefan Kühl "Exit: Wie Risikokapital die Regeln der Wirtschaft verändert")
Ja Dueck, hätte im Prinzip Recht! Bildung muss gefördert werden auf Teufel komm raus! Wir müssen mit dem Bedenkentragen aufhören und in Zukunftstechnologien investieren was das Zeug hält! Aber retten wird das unsere Gesellschaft nicht. Wir haben kein Bildungsproblem, wir haben bestenfalls eine Bildungs-Befindlichkeitsstörung. Was wir haben, ist ein Beteiligungsproblem. Die Deutschen sind so gebildet und leistungsbereit wie niemals zuvor, allen Pisa- und sozialen-Hängematten-Diskussionen zum Trotz.
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