... war dieser Film für mich, eine sehr positive.
Preludium:
Gestern war Freitagabend, meine Frau ist übers Wochenende zu ihren alten Schulfreundinnen gefahren und ich habe nun die Quahl der Freizeitwahl gehabt: Film gucken, Playstation spielen, Buch lesen oder Nix machen.
Das Ende vom Lied, ich habe mir "Arn" aus der Videothek ausgeliehen.
Ganz, ganz ehrlich und Hose runter, mein Gedanke beim Ausleihen des Film war:
"Naja, es ist eh schon spät und wenn der Film langweilig ist (was ich eh vermute) dann schlaf ich halt friedlich ein, die Covertexte und Bilder halten eh nie das, was sie versprechen..."
So kann man sich irren.
2 Punkte:
1. Ich bin sowohl Mitglied einer Reenactorgruppe, als auch Trainer für's Lange Schwert. Was ich damit sagen will ist nicht, dass ich eine Koryphäe in Sachen authentische Darstellung des Lebens im Mittelalter jedoch sensibilisiert auf fehlerhafte oder gar widersprüchliche Darstellung derselbigen bin.
2. Ich kenne die Bücher nicht und habe nur durch die DVD von Ihnen erfahren. Mir ist klar, dass ganz selten Filme mit den jeweiligen Büchern gleichziehen können und dass die Bücher noch seltener getoppt werden können. Deswegen kann ich auch nicht den Film gemessen am Buch bewerten, das wäre unredlich.
Zum Film:
++++++++++++++++++++
Positives:
+ Gute Geschichte mit einer großen Zeitspanne
(Die Bücher hole ich mir als nächstes.)
+ Durchweg gut besetzte Hauptrollen
(Ich bin wirklich begeistert. Arn, wirklich gut, wunderbar die Mischung aus Pflichtbewusstsein, Heimweh und Sehnsucht nach Cecilia. Man sieht seinen Zwiespalt, man spürt, wenn er glücklich ist, grandios seine Liebe zu Cecilia. Er erinnert mich ein bisschen an Camaris-s'Vinitta aus der Osten Ard Saga von Tad Williams. Cecilia, ebenfalls fantastisch, ihre Blick, ihre Bewegungen. Bei dieser Frau könnte man auch alles Licht ausmachen und sie würde trotzdem noch strahlen. Salahadin weiss ebenfalls zu überzeugen, wie auch einige der Tempelbrüder. Bibi Andersons Leistung als Äbtissin Rikkissa ist ebenfalls hervorzuheben. Ich habe sie während des Film wirklich gehasst; wenn das kein Kompliment ist, dann weiss ich auch nicht.)
+ Gute Erzählstruktur
(zu den Holperern komme ich noch, das was ich hier meine, ist der Aufbau der Geschichte und des zeitlichen Rahmens (ebenfalls nicht mit Zeitfortschritt bei den negativen Sachen weiter unten zu verwechseln, s.u.))
+ Sehr gute und passende Filmmusik
(Stellenweise hervorragend, mal zurückhaltend, mal vordergründig. An ein oder zwei Stellen war sie jedoch an der Schmerzgrenze in Sachen epischer Überladung, jedoch hat sie diese Grenze glücklicherweise nie erreicht oder überschritten.)
+ Gute Dialoge und sehr gute redefreie Szenen
(Keine ehrtriefenden und aufgesetzt wirkenden Reden, die Dialoge wirken sehr glaubwürdig, kein moralisches Geheuchel für die politische Korrektheit im Fernsehen.)
+ Gute Bildqualität
+ Guter Farbtonus der Szenen
(Ich mag es, wenn Szenen oder Handlungsabschnitte ihren eigenen Tonus haben. Man kann das sicherlich auch übertreiben, aber Farbe kann neben Licht jede Stimmung unterstreichen: die Frühlings oder Sommenszenen mit dem satten Grün, die tristen Winterszenen in Graublau, die Wüstenszenen in kräftigen Orange und Gelb, fantastisch, sehr impressiv und nie übertrieben)
+ Sehr gute Einstellungen und Kamerafahrten
(Dazu muss man sich selbst ein Bild machen, einfach mal den Trailer anschauen, der ist schon aussagekräftig für den ganzen Film, wie ich finde.)
+ Clever gelöste Schlachtszenen
(Das meine ich wie folgt: weite Einstellungen mit vielen Statisten und wenn es dann ans Geplänkel geht, werden die Einstellungen feiner und kleiner. Durch den geschickten Wechsel dieser beiden Positionen kommt trotzdem das Gefühl auf, an einer großen Schlacht teilzuhaben. Das wir durch Schlachtenszenen à la Helms Klamm oder Kingdom of Heavens verwöhnt sind, braucht sicherlich keiner zu bestreiten, und trotzdem schafft es der Film mit viel, viel geringeren Mitteln eine akzeptable Schlachtatmosphäre zu schaffen.)
+ Sehr gute Schauplätze
(Wow. Was für Landschaften, was für Panoramen. Da bekommt man Lust, seinen Rucksack zu packen und sich alles vor Ort anzuschauen.)
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Weniger Positives (Negatives klingt immer so... ja, negativ!)
- manchmal etwas farblose Nebendarsteller
(Naja, der Sohn von Arn macht jetzt nicht wirklich viel her, Knut der König wirkt auch etwas farblos, fast schon scheint es, als ob Birger der König wäre, von den Ordenschwestern möchte ich gar nicht erst sprechen die manchmal schauen wie aufgeschreckte Eichhörnchen und wo man Angst haben möchte, dass die Augen gleich aus dem Gesicht fallen. Das fällt um so mehr ins Gewicht durch die wirklich gut besetzten und gespielten Hauptrollen.)
- teilweise holprige Handlung
(Ich schreibe es noch einmal, ich wusste bis gestern nicht, dass es eine Buchtrilogie ist, und ich wusste bis heute nicht, dass es eigentlich zwei Filme sind, die zu einem zusammengeschnitten worden sind. Trotzdem, unbeeinflusst davon, sind mir ziemlich große Holperer aufgefallen. Es tauchen da Charaktere auf, die viel mehr Tiefe in der Geschichte vermuten lassen, aber so plötzlich sie auftauchen, so plötzlich verschwinden sie wieder, Beispiele: die "peitschende Ordensschwester", die Königin, die ohne jede weitere Erklärung plötzlich im Film eingeführt wird, das Verschwinden des zuerst gezeigten Großmeisters der Tempelritter im Film und der plötzlich als Großmeister announcierte andere Tempelritter, der vorher kein Großmeister war und schließlich Arns Knappe(?))
- Zeitlicher Fortschritt bei den Charakteren
(Mal ehrlich, die Charakter altern nicht wirklich 20 Jahre. Die Rückblenden mit der Kindheit Arns, seine Entwicklung zum jungen Manne und schließlich zum reifen Kriegsveteranenen funktionieren und sind de facto für mich die große Ausnahme. Birger hingegen scheint, wie auch Cecilia oder die Äbtissin, nicht wirklich 20 Jahre zu altern, sieht man einmal von einer gewissen Sterbeszene im Kloster ab. Das ist nicht zwangsläufig störend, jedoch war ich ein paar Mal überrascht, dass angeblich eine so großen Zeitspanne vergangen ist.)
++++++++++++++++++++
Fazit:
Ich könnte noch viel mehr zu diesem Film schreiben, aber irgendwann verliert man die Übersicht.
Großes Kino in großem Format und mit großartigen Hauptdarstellern. Ich habe mich während der zwei Stunden Laufzeit prächtig unterhalten lassen, habe mitgefiebert, dass alles gut wird, hab an Stellen das eine oder andere Tränchen in den Augen gehabt (Salahadins Abschied von Arn und die Abreise waren der Overkill für mich) und habe einen wirklich guten Film ohne diese Vielzahl an gängigen Cliches über die Zeit der Kreuzzüge mit einer wirklich angemessenen Darstellung der Charaktere als auch der Lebensumstände und Mentalität gesehen. Die Dynamik war wirklich gut umgesetzt, bis auf die Handlungsholperer. Es wurde nie langweilig und die langen und redefreien Einstellungen haben mich den Geist jener Zeit mehr spüren lassen, als so manch andere Großproduktion, was wirklich auch zum Großteil an der Glaubwürdigkeit der Hauptcharakter liegen mag. Kleinere Schwächen - Mängel wäre ein zu starkes Wort - sind zwar vorhanden, s.o., aber diese schmälern den Filmspaß nur sehr wenig, um nicht zu schreiben gar nicht.
Top für:
- Leute, die es authentischer mögen.
- Leute, die nicht eine Actionszene nach der anderen brauchen, damit ein Film sehenswert wird.
- Leute, die weite, lange Einstellung mögen.
- Leute, die auch ohne Dialog einem Film folgen können/wollen.
- Leute, die sich mit dem Thema Kreuzfahrerei beschäftigen.
- Leute, die Historienfilme mögen.
- Leute, die "Die Kreuzritter" vom polnischen Autor Henryk Sienkiewicz mögen.
Hut ab!