Die Gedanken eines Neandertalers zu erfahren, ist leider unmöglich. Vor ca. 30.000 Jahren starb der letzte Vorzeitmensch dieser Art aus. Der französische Filmemacher Jaques Malaterre hat mit -Ao- den Versuch gestartet das Leben dieser Menschen wieder in unser Bewußtsein zu holen. In der Tradition des Klassikers -Am Anfang war das Feuer- schickt Malaterre seine Protagonisten, den Neandertaler Ao(Simon Paul Sutton), und die Homo Sapiens Frau Aki(Aruna Shields), auf eine atemberaubende Reise von Nordsibirien bis nach Südeuropa.
Ao wurde als Kind von seinem Bruder Oa getrennt. Im Tausch gegen andere Kinder muss Ao einer anderen Neandertalersippe folgen. Dort freundet er sich mit Bor an. Jahre später hat Ao seinen eigenen Clan. Der wird jedoch von Homo Sapiens Menschen getötet, während Ao und Bor einen Bären jagen. Bei der Jagd stirbt auch Bor. So macht Ao sich allein auf die Suche nach seinem alten Clan und beginnt den schweren Marsch nach Süden. Unterwegs wird er von fremden Kriegern gefangen genommen. Zusammen mit Aki, die ebenfalls in Gefangenschaft geraten war, gelingt Ao die Flucht. Aki, eine Homo Sapiens Frau, misstraut Ao. Als sie ein Kind bekommt, ist Ao wie vernarrt in das Baby. Zunächst schreckt Aki das ab, doch nach und nach erkennt sie Aos Friedfertigkeit, seine Stärke und seinen Mut als einzige Chance zum Überleben...
Jaques Malaterre hat mit seinem -Ao- fast alles richtig gemacht. Der Kniff, die Gedanken Aos und Akis als Erzählstimmen im Film auftreten zu lassen, erweist sich als absolut gelungen. Malaterre hat versucht, die Zeit vor 30.000 Jahren so wieder auferstehen zu lassen, wie sie war. Dabei hatte er reichlich künstlerische Freiheit, denn: Wer sich mit dem Thema Neandertaler befasst hat, der weiß, dass wir nicht all zu viel über diese Menschengattung wissen. Ihr Leben, vor allem aber ihr Aussterben, ist bis heute ein fast komplett ungelöstes Rätsel.
Malaterre erzählt die Geschichte in geschickten Zeitsprüngen und lässt uns vor allem mit dem "Menschenfreund" Ao fiebern. Die Gefühle, die er den "neuen Menschen" entgegen bringt, beruhen dabei überhaupt nicht auf Gegenseitigkeit. Die "neue Variante Mensch" präsentiert sich in Malaterres Film zwar als die überlebensfähigere, aber nicht unbedingt als die "bessere" Weiterentwicklung der Menschheit.
Was Malaterre vor allelm gut hinbekommen hat, ist die Darstellung von Aos unglaublicher Fähigkeit Eins mit der Natur zu sein. Das sorgt für die bewegendsten Bilder der Produktion. Hier und da(z.B. in der Szene mit dem Pferd) mag -Ao- albern und verträumt wirken, aber letztendlich trübt das den guten Gesamteindruck nicht.
-Ao-! Ein völlig anderer Film für ein etwas anders Publikum. Wer auf gut gemachte Unterhaltung mit geschichtlichem Anspruch steht und sich dabei auch noch gern von einer klassischen Abenteuergeschichte unterhalten lassen will, der kann mit -Ao- nicht viel verkehrt machen. Als Bonus gibt es dazu wunderbare Landschaftsaufnahmen von Sibirien bis zum Mittelmeer. Wer lieber Hochglanzbilder und teures Equipement über die Leinwand flimmern sehen will, der könnte mit der Neandertalergeschichte einen Fehlgriff landen.
Ich habe mich von -Ao- achtzig Minuten lang sehr gut unterhalten lassen. Dabei stand nicht einmal im Vordergrund, ob es so, oder so ähnlich, gewesen sein könnte. Die Story von Malaterres Film ist eigenständig genug, um als wunderbares Abenteuer im Stil eines Robinson Crusoe bestehen zu können. Sie dürfen und müssen mal wieder selbst entscheiden, was sie von -Ao- halten. Von mir bekommt die Geschichte des tapferen Neandertalers in jedem Fall die Empfehlung zum Anschauen.