Es war ein düsteres Ende, mit dem uns Joss Whedon seinerzeit zurückgelassen hat. Nachdem innerhalb der letzten Folgen der fünften Staffel bereits zahlreiche liebgewonnene Charaktere den Serientod gestorben waren, stellten sich die vier überlebenden Protagonisten - Angel, Spike, Illyria und Gunn - in einer dunklen Gasse einer Übermacht von Dämonen, die eigentlich nicht zu besiegen war. Weil es aber das Richtige war, zu kämpfen, zogen diese vier Helden ihre Waffen und - Cut! Mit einem fiesen, aber dennoch passenden Cliffhanger beendete Whedon sein düsteres Großstadtvampir-Epos auf hohem Niveau.
Der Comic nimmt erst eine ganze Weile später den Faden wieder auf. Was in der Zwischenzeit geschehen ist, bleibt zunächst unklar. Fest steht allenfalls, dass sich Los Angeles in ein Dämonenparadies verwandelt hat.Chaos und Zerstörung regieren die Stadt, in der die Menschen inzwischen nichts anderes sind als Freiwild für die ihnen mittlerweile offenbar auch an Zahlen überlegenen Dämonen, die die verschiedenen Stadtteile untereinander aufgeteilt haben. Die zwielichtige Anwaltskanzlei Wolfram & Hart, so erfahren wir, hat ganz Los Angeles in eine Höllendimension versetzt.
So gut er kann versucht Angel, den unterdrückten und teilweise wie Sklaven gehaltenen Menschen von Los Angeles zu helfen. Wen er rettet, schickt er in seine ehemalige Residenz, das Hotel Hyperion, in dem sein Sohn Connor zusammen mit Gwen Raiden und der Werwölfin Nina den Heimatlosen eine neue Zuflucht bieten.
Dann wird jedoch ein Dämonen-Lord getötet, was die ohnehin brenzlige Situation zum Überkochen bringt. Während Angel sich dazu durchringt, Spike und Illyria aufzusuchen, um herauszufinden, ob sie hinter dem Mord stecken, versammeln sich die Lords der verschiedenen Stadtteile ebenfalls, um darüber abzustimmen, wie sie Angel ein für alle Mal zur Strecke bringen können.
Wie das bereits bei der TV-Vorlage der Fall war, so ist auch die Comic-Fortsetzung Angel wesentlich düsterer als seine Mutter-Serie Buffy. Kampf- und Actionszenen, Gewalt und ein fast depressiver Grundtenor beherrschen die Szenerie.
Doch selbst wer das mag braucht zunächst etwas Geduld. Obwohl bereits die ersten beiden der fünf im Sammelband enthaltenen Ausgaben extrem actionlastig sind, springt der Funke nicht gleich über. Da nutzen auch alle schockierenden Enthüllungen nichts. Trotz einem Wiedersehen mit zahlreichen interessanten Neben- und Hauptfiguren (ja, auch Lorne, Gunn und selbst Wesley tauchen wieder auf), lässt der Anfang von Nach dem Fall den Leser kalt. Zunächst scheint der Story etwas Herz zu fehlen.
Das ändert sich allerdings schlagartig mit Beginn des dritten "Kapitels", wenn man etwas mehr über die Hintergründe des "neuen" Los Angeles erfährt. Geschickt erweitern die Serienverantwortlichen die Mythologie des Buffyversums, in dem sie uns eine Höllendimension vorstellen, die zwar nah an unserer eigenen Realität ist, allerdings einige signifikante Unterschiede aufweist: In der Hölle stehen beispielsweise Sonne und Mond gleichzeitig am Himmel. Werwölfe sind deshalb durchgehend in einem halb-menschlichen, halb-wölfischen Zustand gefangen und Vampire fühlen sich euphorisch, aber auch so, als würden sie gleich in Flammen aufgehen. Schrecklich-schöne neue Welt.
Zudem hat sich der eingeschworene Trupp von einst inzwischen entfremdet. Angel & Co. stehen nicht mehr gemeinsam an einer Front. Die Kampfgefährten von Einst haben kleine Grüppchen gebildet und kaum mehr miteinander zu tun. Schlimmer noch, Angel weiß noch nicht einmal, wem er noch trauen kann. So ist es auch kein Wunder, dass er sein größtes Geheimnis zunächst für sich behält.
Sobald sich die Geschichte auf solche Dinge, auf die neue Gruppendynamik und die Beziehungen der Figuren untereinander konzentriert, wird es interessant. Der Fan ist nach allzu langer Abstinenz wieder in seinem Element. Überhaupt richtet sich die Comicreihe primär an Angel-Kenner. Da zahlreiche Charaktere aus der TV-Serie auftauchen, ohne dass auf diese groß eingegangen wird, ist übrigens ein solides Grundwissen sicher hilfreich, wenn nicht unabdingbar, wenn es darum geht, den Faden in der Handlung nicht zu verlieren. Für Neulinge hat Panini zwar einen groben Handlungsabriss der bisherigen Serie als redaktionellen Teil den Comics vorangestellt, dieser hilft aber eher, das Gedächtnis der Fernsehzuschauer nochmal aufzufrischen als genaue Kenntnisse zu vermitteln. Fast mehr noch als die achte Staffel Buffy lebt der Auftaktband von Nach dem Fall von Referenzen auf frühere Ereignisse und der - zugegeben - sehr interessanten Weiterentwicklung der einzelnen Charaktere.
Wer deshalb vor allem von den letzten drei Staffeln der TV-Serie begeistert war, dürfte - nachdem er die ersten vierzig Seiten überwunden hat - auch Gefallen an der zwar inoffiziellen, aber doch gelungenen sechsten Staffel von Angel finden.