Frau Rühling (Psychologin, Psychotherapeutin) geht in ihrem Buch auf die Punkte ein, die auch mir besonders wichtig sind beim Thema Unterstützung von unruhigen Kindern durch Eltern. Es geht m.M.n. meist weniger um die fachliche Hilfe als um emotionalen Rückhalt und damit Sicherheit bei der eigenständigen Bewältigung alltäglicher Über-Forderungen. Alle Arten von Wechseln im Lebensalltag bedeuten für alle Kinder enormen Stress durch die Umstellung im Ablauf und die Flut an neuen Regeln und Informationen. Dies wird weiter verstärkt durch Unsicherheiten hinsichtlich der eigenen Leistungsfähigkeit oder des sozialen Standes, z.B. in einer neuen Gruppe.
Um dies aufzufangen, ist unbedingt die Nestwärme und auch eine Sicherheit gebende Konstanz zu Hause wichtig.
Der andere Aspekt, den Rühling vielfältig anspricht, ist die Unterstützung bei der Selbstorganisation. In besagtem Stress ist es schon für Erwachsene schwer, den Überblick zu wahren. Ungleich schwerer fällt es den Kindern, die in sehr kurzer Zeit viele neue Strategien zur Alltagsbewältigung entwickeln müssen. Die Unterstützung, die sie hierbei erhalten, schafft ihnen die nötige Luft, um ihre schulischen Leistungen zu entfalten oder sich neu anzupassen.
Der Titel 'ADS ' Hilfen für unruhige Kinder' ist wie ich finde bedauerlich irreführend. Zumindest das ADS lenkt die Erwartungen eher in Richtung eines 'Krankheitsratgebers', während der Hilfen-Teil die Leistung des Buches sehr treffend beschreibt. Eine Umbenennung in "Hilfen - auch für ADS" wäre genauer.
Ich schätze dieses Werk deshalb sehr hoch ein, weil R. eben nicht von kranken Kindern redet, zu deren Heilung sie Tipps geben will. Nach einer kurzen, aber informativen Einführung in die wissenschaftlichen Hintergründe von ADS leitet sie den Leser stattdessen zunächst einmal an, das Verhalten des Kindes, aber auch das eigene, als möglicherweise normale Reaktion auf einen ungesunden Kontext zu reflektieren. Beispielsweise könnte doch auch die Schülerzahl von 28 Kindern in einem zu kleinen Klassenzimmer, womöglich mit einer 'reiz-offenen' Methode verbunden, die Ursache für das Störverhalten sein, nicht der Gesundheitszustand des Kindes.
Mir hat diese Art der Anleitung zur Reflexion sehr geholfen, meine eigene Praxis, sowohl schulisch als auch privat etwas genauer anzuschauen, wobei sich so einige Gewohnheiten fanden, die nicht optimal für die Konzentration sind.
Im zweiten Teil werden die im Titel versprochenen Hilfen angeboten, sehr sympathisch stets mit Hinweis auf die Schwierigkeiten der Durchführung und die Unvollkommenheit der Lösung verbunden. Der Aufbau folgt dabei dem Muster, zunächst zur Identifikation einige Beispielfälle zu zitieren, anhand derer dann mögliche Lösungsansätze, aber auch aus Erfahrung ungünstige Lösungen besprochen werden. Diese Angebote richten sich sowohl an Eltern als auch an Lehrer und pädagogisches Personal.
Im letzten Teil geht Rühling schließlich auf die Möglichkeiten der medikamentösen Behandlung ein. Sehr offen kritisch setzt sie sich mit den Gefahren der Allheil-Pillen-Mentalität auseinander und weist auf die Schwächen und vor allem die kommerziellen Interessen der Industrie hin, welche leider zu oft über die langfristige Gesundheit des Kindes gestellt wird. Rühling folgt in ihrem Ansatz dem von mir hochgeschätzten Hirnforscher Hüther, der die Psychopharmaka als 'Krücke' bezeichnet, welche im Notfall die Chance verschaffen können, eine Heilung herbei zu führen. So wie der Krückstock den gebrochenen Knochen nicht heilt, verändern die Pillen nicht heilsam den Körper, sondern machen lediglich die Symptome der Erkrankung erträglich. Darin liegen die Chance, und leider auch die Gefahr. Denn nicht selten ist der Kontext ungesund, und nicht der Mensch krank.
Für alle mit Kindern beglückten (und belasteten) Leser sehr empfehlenswert.