Aus der Amazon.de-Redaktion
Immerhin schaffen die Azoren überhaupt einmal den Sprung von der Wetterkarte, wo sie immer wieder als "Azoren-Hoch" auftauchen, in ein solches Magazin. Und so können die Leser erst recht staunen über die bunte Segelszene vor Ort, eines der weltweit führenden Whale-Watching-Reviere oder den höchsten Berg Portugals. In gewohnt qualitativ hochwertiger Manier bleibt Platz für seitenlange Reportagen, die bekannte Reisejournalisten wie Gerhard Waldherr, Helge Sobik oder Jörg Wigand verfassen. Ein Gedicht sind freilich auch die geschickt arrangierten Bilder, die die ganze Farb-Palette der Inseln von zart- über gras-, moos-, mint- bis blaugrün widerspiegeln.
Rund 300 vor Ort recherchierte Tipps und Adressen von Restaurants, Hotels und Sehenswürdigkeiten ergänzen das Magazin und machen es so zu einem verlässlichen Urlaubsplaner, der auch vor Ort treue Dienste leistet. Im Fall der Azoren ist dieser Infoteil übrigens clever gelöst. Jede der neun Inseln wird mit einem maximal zweiseitigen Inselstenogramm bedacht. Weiter hinten im Text finden sich auch noch aktuelle Adressen der besten und günstigsten Madeira-Shops sowie Informationen zu Einreise, Öffnungszeiten und nützlichen Internet-Adressen. Übrigens: Fußball, geschweige denn die Europameisterschaft, findet auf den "Inseln mit Raum und Zeit" allerhöchstens in einem Nebensatz statt. --Jan König
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Jede Geschichte, jede der etwa 300 Adressen wird exklusiv vor Ort recherchiert. Mit 12 bis 14 Reportagen, vielen kurzen Geschichten und ausführlichen Infoteilen sind die ADAC reisemagazine nicht nur spannende Lektüre für alle, die vom Reisen träumen möchten, sondern auch Ratgeber und Anleitung für einen gelungenen Urlaub. In jeder Ausgabe finden Sie auch zahlreiche Karten und viele nützliche Hinweise zu Restaurants, Hotels, Sport- und Freizeitvergnügen.
Auszug aus ADAC reisemagazin Madeira und Azoren von . Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Punkt acht Uhr morgens, Leinen los, der schneeweiße Dampfer Lobo Marinho II rauscht durchs Hafenbecken von Funchal. Die Stadt bleibt zurück, Dutzende Reisende nehmen ihre Schönheit mit Camcordern und Digitalkameras unter Dauerbeschuss. Die Lobo Marinho, zu Deutsch Seehund, zieht eine schnurgerade Spur durchs gleißende Blau; Madeira grüßt wie eine alternde Diva hinterher, mit Windkraftwerken wie Lockenwicklern im Haar und der aufgeständerten Flughafenrollbahn als Stützkorsett um die Taille.
Nach knapp einer Stunde ist ihr Ostzipfel erreicht und der Windschatten der Insel verlassen; jetzt schlägt der Atlantik voll zu, und der gemütliche Seehund (112 Meter lang, Platz für 1153 Passagiere und 132 Autos) wird von einer Sekunde zur anderen zum bockigen Schaukelpferd. Delfine schwimmen ein Stück längsseits mit, salzige Seeluft geht tief in die Lungen. Schon liegt Porto Santo voraus, karg, sandig und von zipfelmützigen Vulkankegeln dominiert, die bis zu 517 Meter ins Firmament ragen, und "Guckt mal", ruft der Vorderste an Backbord ganz aufgeregt, "da ist er, da ist der Strand!"
Der Strand: Das ist der große, rieselige, goldgelbe, kuschelweiche, simple Grund, weshalb man rüberschippert auf Madeiras sechs mal elf Kilometer kleine Nachbarinsel, so wie es alljährlich rund 50 000 Menschen tun (meist Portugiesen, aber auch viele Briten und Deutsche). Die meisten kommen als Tagesgäste morgens mit dem Fährschiff Lobo Marinho, machen vielleicht fix eine Inselrundfahrt und tun dann genau das, was auf dem felsigen Madeira für Geld und gute Worte nicht geht: am langen Beach bummeln, in kleinen Bars unterm Palmschirmchen Longdrinks schlürfen. Sanft rollt das türkisfarbene Meer heran, lauer Wind von der marokkanischen Küste macht kleine Verwirbelungen. Ein Bild wie ein karibischer Traum. Das Beste daran: Außerhalb der Hauptsaison sind andere Strandläufer an diesen Gestaden Mangelware. Ein exotisches Fleckchen Erde mit Euro-Währung.
Wenn die Fähre abends wieder ablegt (oder Eilige für etwa den doppelten Preis per Flieger zurückbrummen), kehrt Ruhe ein. Nur wenige bleiben über Nacht oder länger, Madeirenser meist im Ferienhaus oder auf dem schattenlosen Campingplatz. Dabei gibt es reichlich gute Hotels und noch mehr Gründe zum Verweilen. Zum Beispiel eine segensreiche Zusammensetzung des Sandes, die den Strand zu einem kostenlosen Therapeuten macht.
Kühle Atlantikluft streichelt über die Haut, während der goldene Beach für mollige Füße sorgt, wie eine riesige Wärmflasche. In einer Art Gewächshaus aus Kunststoffplanen, das neben dem Strandhotel Porto Santo in die Dünen gebaut ist, sind ein Dutzend menschliche Ölsardinen bis zum Kinn eingebuddelt in blitzsauberen Vollwert-Sand, der von Siliziumverbindungen, Karbonaten, winzigen Schwamm-Partikeln, Schnecken und Muscheln nur so wimmelt. Ganze Ahnengalerien der Wirbellosen kuscheln sich da an den Körper der schwitzenden Patienten; immerhin hat die Natur seit der vulkanischen Geburt der Insel gut 19 Millionen Jahre Zeit gehabt, die megafeine Körnung des Sandes von 0,125 Millimetern zurechtzuraspeln.
Warum der Strand an der Südküste (der Norden ist rau) eine solche Heilkraft bei Rheuma, Krampfadern und anderen Zipperlein hat, das wird von den Professoren Celso de Sousa F. Gomes und João Baptista Pereira Silva an der geologischen Fakultät der Universität Aveiro auf dem Festland erforscht. "Die Portugiesen haben gar keine Ahnung von dem Schatz, den sie mit dem Strand von Porto Santo besitzen", schreibt der Autor Eduardo Pereira. Noch ziehen die Bewohner der Ilha Dourada, der vergoldeten Insel, jedenfalls wenig Profit aus dieser rezeptfreien Arznei.
Mehr schon aus dem modernen Flughafen, auf dessen 3000-Meter-Rollbahn sogar Jumbo-Jets heil runterkommen und der bei Unwetter immer noch als sichere Alternative zu Madeiras mutiger Stelzen-Landebahn gilt. Einst von der Nato als Lauschposten Richtung Afrika gebaut, wird der Platz heute kaum noch militärisch genutzt, dafür shuttled mal ein olivfarbener Helikopter einen Blinddarmdurchbruch nach Funchal ins Krankenhaus. Ansonsten landen alle paar Stunden die Zweimotorigen der Aerocondor nach ihrem 15-Minuten-Flug von Madeira (wobei sich, wie man hört, jüngst im Flug eine Kabinentür verabschiedete) und alle paar Tage ein Linien-Jet aus Lissabon.
Profit durch Tourismus soll Porto Santos größtes Hotel bringen, eine nahe am Westende des Strandes gelegene Bausünde namens Vila Baleira. Es wurde Anfang der Siebziger dem Vernehmen nach mit Schwarzgeld deutscher Zahnärzte hochgezogen; 1974, kurz vor Inbetriebnahme, ließen die Doutores alemães aus Furcht vor Risiken und Nebenwirkungen der Nelkenrevolution alles stehen und liegen und den Insulanern damit ein achtstöckiges Problem zurück. Erst 24 Jahre später übernahm die portugiesische Ferpinta-Gruppe, die ihr Geld sonst vornehmlich mit Stahl und Maschinen verdient, den unkaputtbaren Betonklotz und baute ihn zum Vier-Sterne-Hotel aus.
"Wir wollen Gäste auch in der Nachsaison herholen", sagt Carlos Leitão, im bisherigen Leben Maschinenbauingenieur und durch seinen neuen Job als Hotelmanager sichtlich ausgelastet, und zeigt stolz das große zugehörige Thalassotherapie-Zentrum. Hydromassage, Whirlpools, türkisches Bad, Mechanotherapie, alles da, wenn auch im bunten deutschen Werbeprospekt ("durchlöcherte Schläuche projektieren dem menschlichen Körper schlagende Wasserstrahlen") nicht immer ganz professionell offeriert.
Die Einheimischen nehmen die neue Wellness-Oase nur zögerlich an. "Man ist hier sehr eigen", sagt der junge Hotelmanager vom Festland und beklagt, was viele seiner Hotelgäste suchen: die langsame Gangart, das Phlegma, die beinah afrikanische Gelassenheit der 5000 Insulaner, was die quicken Madeirenser von nebenan oft zu Spötteleien verleitet. Profetas werden die Portosanteser genannt, seit ein charismatischer Viehhirte sie 1533 dazu verleitete, alle Arbeit liegen zu lassen und nur noch seinen Predigten zu lauschen (andere Quellen sprechen von einem Freidenkertum, in dem bäuerliche Redner gegen König und Klerus aufstanden).
"Wir nehmen das Hochhaus-Hotel in Kauf, weil es viele Betten und das Thalassotherapie-Zentrum bringt", sagt Marcia Rodrigues, Angestellte im Büro für Entwicklung von Porto Santo, jung, braunhaarig, samthäutig, ganz Kind ihrer Insel. "Aber jetzt darf nur noch allerhöchstens zweistöckig gebaut werden."
Wir sitzen auf dem verträumten Platz von Vila Baleira, Hauptort mit 2500 Einwohnern, auf schönstem Mosaikpflaster aus Strandkieseln unter hohen Dattelpalmen, flankiert von der weißen Kirche Nossa Senhora da Piedade und dem kleinen Rathaus. Kopfsteinbuckelstraßen zweigen ab zu ein paar Banken, Restaurants, zwei Supermärkten, zum kleinen Kolumbus-Museum, einer Hand voll Boutiquen, einer Tankstelle mit Windmühlenkiosk nahe der alten Steinmole. Gleich nebenan liefert die Meerwasserentsalzungsanlage zuverlässig zischend und puffend 3000 Kubikmeter Trinkwasser pro Tag. ...