Kurzbeschreibung
Für das ADAC reisemagazin Hawaii reisten die ADAC-Reporter wochenlang mit Flugzeugen und Schiffen von Insel zu Insel, packten Wanderstiefel und Badehose ein, schwangen sich in Hubschrauber und auf Surfbretter. Herausgekommen sind zwölf spannende Reportagen über wagemutige Surfer und wunderbare Strände, über magische Orte, Feuer speiende Vulkane, abenteuerliche Dschungel-Wanderungen sowie über Honolulu, Waikiki und den Ironman, einen der härtesten Wettkämpfe der Welt. Damit die Reise zu den Trauminseln trotz des hohen Dollarkurses kein Traum bleiben muss, bietet das ADAC reisemagazin Hawaii jede Menge verlässlicher Tipps für unterwegs, auch über preiswerte Flüge und bezahlbare Unterkünfte. Für den Vorgeschmack auf Tropenzauber gibt es ein Extra-Heft mit zwölf Rezepten für exotische Cocktails.
Der Verlag über das Buch
Jede Geschichte, jede der etwa 300 Adressen wird exklusiv vor Ort recherchiert. Mit 12 bis 14 Reportagen, vielen kurzen Geschichten und ausführlichen Infoteilen sind die ADAC reisemagazine nicht nur spannende Lektüre für alle, die vom Reisen träumen möchten, sondern auch Ratgeber und Anleitung für einen gelungenen Urlaub. In jeder Ausgabe finden Sie auch zahlreiche Karten und viele nützliche Hinweise zu Restaurants, Hotels, Sport- und Freizeitvergnügen.
Auszug aus ADAC Reisemagazin, Hawaii von . Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Big Wednesday beginnt mit der Detonation einer Bombe. Zumindest hört sich der infernalische Lärm so an, der Ken Bradshaw aus dem Schlaf reißt. Was er sieht, raubt ihm den Atem. Vor seinem Fenster türmt sich eine türkis schimmernde Wasserwand auf, "kristallklar, makellos und schöner als die schönste Frau." Dann stürzt die Welle in sich zusammen. Felsbrocken wirbeln durch die Luft. Binnen Sekunden ist Sunset Beach unter einem Schaumteppich begraben. Ein brodelnder Strudel schießt eine kleine Anhöhe hinauf, schwappt über Kamehameha Highway und leckt an den Holzpfählen, auf denen die Häuser hier sicherheitshalber ruhen.
Kurz drauf ist Bradshaw draußen und surft an einem Riff, das sie Outside Log Cabins nennen, die größte Welle, in die sich je ein Mensch gewagt hat. Sie rast mit 30 Meilen pro Stunde der Küste entgegen, das jedenfalls zeigt der Tacho des Jet-Skis an, von dem er sich in dieses Monster ziehen lässt. Und ihr Face, die aufgerichtete Vorderseite, misst 27 Meter - das entspricht der Höhe eines zehnstöckigen Wohnhauses. "Hinter dir der Wasserwall, vor dir ein gähnender Abgrund", schwärmt Surf-Profi Bradshaw vom Take-off. "Du hast die Wahl zwischen Guillotine und dem Sturz aus einem Hochhaus und weißt genau: Ein Fehler, und deine Lebensuhr ist abgelaufen. Das ist der ultimative Thrill."
An diesem 28. Januar 1998 schrieb Bradshaw, damals 45, das bislang letzte Kapitel im Buch der North Shore von Oahu. Einem Buch, das von tollkühnen Männern und ihrem Kampf mit den Big Waves handelt. Und von bedingungsloser Hingabe. Seit 1972 hatte Bradshaw auf diesen Moment gewartet. Er hatte den Pazifik in unzähligen Stunden auf seinem Board studiert, seine Dünungen, seine Strömungen, seine Tücken. Er war mit den Wellen aufgestanden und zu Bett gegangen und hatte ihretwegen manches Rendezvous sausen lassen. "Mein Leben ist Surfen", sagt er, "und nun ist es erfüllt: Ich habe die perfekte Welle geritten."
Es sind Geschichten wie diese, die den Mythos der North Shore begründeten und aus diesem einst weltvergessenen Küstenstrich das Surferparadies schlechthin machten. Dabei sind Tage wie Big Wednesday die Ausnahme. Aber nirgendwo sonst sind die Wellen so beständig wie hier. Vor allem zwischen November und März. Dann nämlich toben eisige Stürme entlang den Aleuten hoch oben im Nordpazifik. So entsteht eine Windsee, die sich nach dem Prinzip der sich anstoßenden Teilchen gen Süden schiebt. Nach 2000 Seemeilen stößt sie auf die Riffs vor Oahus North Shore. Die unteren Wasserschichten werden abgebremst, die oberen stürzen als Wellen darüber hinweg.
Und nirgends ist die Dichte an Surf-Spots größer. Neun Meilen sind es auf Kamehameha Highway von der ehemaligen Mission Haleiwa, die sich im Ortsschild als historisch rühmt, weil sie auf eine 168-jährige Stadtgeschichte zurückblicken kann, bis Sunset Beach, dem östlichen Zipfel der North Shore. Neun Meilen lang das immer gleiche Bild: auf einer Seite die sanft abfallenden, grünen Flanken der Koolau Range, auf der anderen Strand, blütenweiß, palmengesäumt, wellenumtost. Jeder dieser Spots hat seine eigene Charakteristik. "Einfach unmöglich, hier nicht das Richtige zu finden." Meint jedenfalls Edis Begovic und tritt das Gaspedal seines alten Volvo durch, an dessen Heck einer der Vorbesitzer einen Aufkleber hinterlassen hat: "Meine Freundin hat mich vor die Wahl gestellt: sie oder Surfen. Wie ich sie vermisse!"
Sunset Beach sagt Edis heute Morgen nicht zu. Nur anderthalb Meter, das ist zu wenig. Sechs müssen es mindestens sein, erst dann brechen sich die Wellen am äußeren Riff. Und erst dann wird es für ihn interessant. "Waimea Bay kannst du auch vergessen", brummelt er. Das Riff vor der sichelförmigen Bucht, die schon die Beach Boys in "Surfin' USA" besangen, erwacht erst zu Leben, wenn die Wellen zehn Meter erreichen. Bliebe Banzai Pipeline. Dort bilden die Wellen beim Überschlagen eine Röhre - hindurchzusausen gilt als höchstes Surferglück. Deshalb ist es dort allerdings auch eng und voll wie in einer Sardinenbüchse. Also lieber Laniakea. Hier sind die Wellen nie besonders hoch, sie brechen auch nicht mit Urgewalt, sondern rollen gemächlich an Land. Muss ja nicht jeden Tag Nervenkitzel sein. Dass Edis uns überhaupt durch die Gegend kutschiert, ist ungewöhnlich. Aber auf seinen Reisen durch die Weltgeschichte hat er so viel Gastfreundschaft erlebt, dass er etwas davon zurückgeben möchte.
Ansonsten ist er das, was man eine private Person nennt. Weil eine Surfsession größtenteils aus Paddeln besteht - hinaus, hinein in die Welle, wieder heraus -, sind Oberkörper und Arme modelliert wie bei einem Bodybuilder. Und weil's einsam ist da draußen, hat er über die Jahre einen Hang zu Eskapismus und Einzelgängertum entwickelt. "Surfer sind radikale Individualisten", sagt er achselzuckend. "Das Einzige, was sie interessiert, ist die nächste Welle." So lebt man hier auch: eher neben- statt miteinander.
Als Edis zum ersten Mal aus Los Angeles an die North Shore kam, war er 17. Seine Mutter hatte ihm die Reise zum Abitur geschenkt. Hätte sie gewusst, was sie anrichtet! Denn fortan war der Sohn für ein bürgerliches Leben verloren. Erst kam er nur im Winter. Dann, vor zehn Jahren, siedelte er endgültig über. Zum Leidwesen seiner damaligen Freundin. Die lebt heute in New York, ist Zahnärztin und "verdient ein Heidengeld". Edis dagegen riskiert sein Leben als Lifeguard. Ein prima Job, wie er findet: "Schließlich kann ich während der Arbeit surfen." Aber ein lausig bezahlter. Deshalb baut er nach Dienstschluss Boards. Und im Sommer, wenn unten im Süden Saison ist, verdingt er sich in Waikiki als Surflehrer. Einen Baum pflanzen, ein Haus bauen, eine Familie gründen? "Vergiss es", zischt Edis.
Wie ihm geht es den meisten. Surfen heißt Opfer bringen. Jobs sind rar, der Lebensstandard ist nicht eben hoch. Und seit ein Freeway die Südküste mit Wahiawa auf dem zentralen Hochplateau verbindet, ist Honolulu nur noch gute 45 Autominuten entfernt, für amerikanische Verhältnisse ein Katzensprung. Seitdem wogt an Wochenenden ein Meer aus Blech über Kamehameha Highway. Und Pendler aus Town, wie sie die Hauptstadt des Archipels nennen, machen sich zunehmend hier oben breit. Logisch, dass die Immobilienpreise kräftig anzogen und die Zeiten vorbei sind, da man sich für 100 Dollar pro Monat irgendwo einquartierte und mit weiteren 100 Dollar über die Runden kam.