Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Jede Geschichte, jede der etwa 300 Adressen wird exklusiv vor Ort recherchiert. Mit 12 bis 14 Reportagen, vielen kurzen Geschichten und ausführlichen Infoteilen sind die ADAC reisemagazine nicht nur spannende Lektüre für alle, die vom Reisen träumen möchten, sondern auch Ratgeber und Anleitung für einen gelungenen Urlaub. In jeder Ausgabe finden Sie auch zahlreiche Karten und viele nützliche Hinweise zu Restaurants, Hotels, Sport- und Freizeitvergnügen.
Auszug aus ADAC Reisemagazin : Polen von . Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wie macht die Ostsee? So hat Günter Grass gefragt in seinem Gedicht "Kleckerburg" und die Antwort selbst gegeben, eingebettet in zauberhaft schräge Verse über Erinnerungen an seine Kindheit.
"Bucheckern, Bernstein, Brausepulver, / dies Taschenmesser und dies Abziehbild, / ein Stück vom Stück, Tonnagezahlen, Minutenzeiger, Knöpfe, Münzen, / für jeden Platz ein Tütchen Wind."
An der polnischen Ostseeküste ist er geboren und aufgewachsen ("zwischen Heiligem Geist und Hitlers Bild"), hier greift er als Schriftsteller einer kaschubischen Bäuerin unter die Röcke, erzählt von kleinem Leben und großen Sorgen und drückt schließlich seinem kleinen Riesen Oskar eine Blechtrommel in die Hand. Kein Idyll und doch anheimelnd, so beschreibt es Grass, eine schwitzende, keuchende, sehnsüchtige Welt unter einem Himmel, der über dem Meer hängt wie ein verwaschenes Tuch.
Wie also macht die Ostsee? In "Kleckerburg" macht sie "blubb", "pifff", "pschsch" auf Deutsch - und auf Polnisch "blubb", "pifff", "pschsch".
Wer dichten kann, hat es leicht. Wie erklärt unsereins eine Küste? Eine, die kein einheitliches Bild abgeben will, deren Natur wechselt von weißen Stränden zu Steilküsten, deren Felsen leuchten wie von Curry gepudert. Dahinter dicht bewaldete Landschaften, durchzogen von türkis schimmernden Seen aus der Eiszeit, oder flaches, weites, stilles Land. Da sind Seebäder, die einmal mondän waren, und Fischerorte, die immer Provinz geblieben sind. Im Wolliner Nationalpark äsen Wisente in Rufweite von Party-Getümmel, und im Slowinski-Nationalpark türmt sich der Sand, als ob die Sahara baden ginge.
So geht das entlang der Ostsee vom Stettiner Haff (Zalew Szczecinski) bis zur Frischen Nehrung (Mierzeja Wislana) im Osten, wo einmal Ostpreußen begann. Nichts ist schlüssig, kein gemeinsamer Nenner. Dafür begegnet einem Geschichte auf Schritt und Tritt, deutsche Geschichte, Brandenburger, preußische, Naziherrschaft. Und polnische. In den Werften in und um Danzig (Gdansk) hat mit Solidarnoc der Zusammenbruch des Sowjetimperiums begonnen. Nun blüht hier der Tourismus. Halb Pommern, Ermland und Masuren zieht es zwischen Juni und September ans Meer - und immer mehr Ausländer dazu.
Die Schiffe der Reederei Adler kommen täglich. Sie kommen aus Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin. Und sie bringen deutsche Ausflügler. Bis zu 115 Meter breit sind die Strände von Swinoujscie, weshalb der Ort, als er noch Swinemünde hieß, 1876 ans Eisenbahnnetz angeschlossen und so zur "Badewanne Berlins" wurde. Marlene Dietrich kam gerne, danach die Stars der Ufa. Theodor Fontane, der in Swinemünde seine Kindheit verbracht hatte, wo sein Vater die Adler-Apotheke betrieb, schrieb: "... ein unschönes Nest, aber ... von jener eigentümlichen Lebendigkeit, die Handel und Schifffahrt geben." Unschön ist Swinoujscie nicht, alleine schon wegen der liebevoll restaurierten Villen und dieses magischen Zaubers, der bei Sonnenuntergang über die Stadt kommt. Doch wenn die Badesaison vorbei ist, dann wird das Leben langsamer. Dann bleiben polnische und deutsche Rentner im Kurpark unter sich, und es sieht nicht so aus, als ob man sich sehr nahe käme. Im Foyer des Hotels Polaris beschwert sich ein deutscher Gast über den nächtlichen Lärm im Nebenzimmer. "Sagen Sie dem Chef, das muss nicht wieder vorkommen." Als ob der Chef seine Gäste auf Etikette überprüft. "Ein Ort von ganz besonderem Reiz", befand Fontane, "es kam ... ganz darauf an, an welche Stelle der Stadt man sich stellte."
Von Swinoujscie nach Miedzyzdroje (Misdroy) könnte man zu Fuß gehen, einfach nur nach Osten, am Wasser entlang. Doch was für ein Unterschied. Es ist Mitte August, und auf der Hauptstraße staut sich der Verkehr. Über die Promenade strömen die Flaneure. Am Strand stapeln sich die Badenden. Über allem ein Hauch von Auspuffgasen, Sonnenöl und gebratenem Fisch. Und nachts tanzen sich Jung und Alt in Ekstase in den Diskotheken an der Mole, obwohl ihnen anschließend nicht viel Schlaf bleibt. "Schon verrückt", sagt Sebastian Hejnowski, "da stellen sich die Leute im Urlaub den Wecker, damit sie einen Platz am Strand reservieren können. Wer nach acht Uhr morgens kommt, hat keine Chance."
Hejnowski kann es recht sein. Er macht Geschäfte mit dem Badeboom. Eine Strandbar, dachte er sich, das wäre was. Die Konzession kostete 12.200 Zloty für zwei Monate, ein paar zusammengenagelte Bretter, fertig. Nun schenkt Hejnowski mexikanisches Bier aus, Rotwein mit Brombeersaft und Weißwein mit Traubensaft. Dazu gibt's Techno vom Band, und nachts lodern Fackeln. Wenn die Saison vorbei ist, fährt er mit seiner Freundin Anielka nach Dubai; mehrere Monate in Südamerika, New York und den USA haben sie schon hinter sich. Hejnowski ist 25, seine erste Firma gründete er mit 19, als er Vorbereitungskurse für Studenten anbot.
"Wir sind", sagt Kamil Kryzanowski, ein Freund Hejnowskis, "längst im Westen angekommen." Kryzanowski ist Marketing-Assistent im Hotel Amber Baltic, in dem alljährlich während des Filmfestivals polnische Kinostars und Promis absteigen. Wie ein weißer Ozeandampfer schiebt sich das Amber Baltic ans Wasser, weithin sichtbares Symbol einer Zeitenwende. Zu Zeiten des Sozialismus schickte die Partei noch Kumpel aus Kattowitz (Katowice) und Bauern aus Schlesien zur Erholung hierher. Jetzt treffen sich im Amber Baltic, zu dem Nachtclub, Bowlingbahn und Golfplatz gehören, "die Schönen und die Reichen", wie Kryzanowski sagt.
Im Dreißigjährigen Krieg wüteten die Schweden, 1761 legten die Russen, 1807 Napoleons Truppen es in Schutt und Asche: Kolberg, eine Stadt, die größer ist als ihr Name. Nicht zuletzt, weil NS-Propagandaminister Goebbels im Juni 1943 den gleichnamigen Film in Auftrag gab, ein monumentales Werk der Geschichtsfälschung mit 18.500 Komparsen und Drehbuchanweisungen des Führers. Die heroische Verteidigung der Stadt durch General von Gneisenau gegen die napoleonischen Truppen stellte er dar, und er sollte die Moral im Land stärken, als der Krieg schon verloren war. Kaum eine Stadt verteidigte die Wehrmacht erbitterter. 90 Prozent zerstört, als alles vorbei war. Kolberg gab es nicht mehr....