Rezension
AD(H)S
Symptome
Psychodynamik
Fallbeispiele
Psychoanalytische Theorie und Therapie
Evelyn Heinemann
Hans Hopf
Kohlhammer Verlag 2006
ISBN-10: 3-17-019082-2
Preis: 23,00
Fachbuch (193 Seiten), das die psychoanalytische Sichtweise für Kinder mit Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsproblemen darstellt.
Ziele des Buches
Zu den häufigsten Diagnosen im Kindes- und Jugendalters zählt die Aufmerksamkeits-Defizit-Störung mit und ohne Hyperaktivität AD(H)S.
Die Autoren untermauern mit Zahlen und Fakten den feststellbar überhöhten Gebrauch dieser Diagnose und wehren sich gegen die gesellschaftliche Tendenz, dafür ausschließlich hirnorganische Ursachen in Erwägung zu ziehen. Ferner wird die alleinige Behandlung der Betroffenen mit Stimulanzien wie Ritalin sehr stark kritisiert.
Ziel der Herausgeber ist es, die veränderten soziokulturellen Verhältnisse (Einfluss auf Erziehungsstile und Familiendynamiken) genauer zu untersuchen, indem sie AD(H)S als hyperkinetisches Störungsbild verstehen und psychoanana-
lytisch darlegen, inwiefern spezifische intrapsychische und interpersonelle Konflikte sowie Strukturdefizite die Auslöser sind.
Sowohl im pädagogischen Alltag in Familie, Schule und sozialem Umfeld als auch in der psychoanalytischen Behandlung kann AD(H)S erfolgreich behandelt werden, wenn es gelingt, die Aushandlung des Rahmens, die Arbeit an Strukturdefiziten, sowie die Entwicklungsförderung zu gewährleisten.
Inhalt
In insgesamt 11 Kapiteln wird die hyperkinetische Störung" aus differenzierten Blickwinkeln betrachtet. Von der Darstellung der Symptome und den unterschiedlichen Definitionen der Internationalen Klassifikationen ICD-10 und DSM IV in Kapitel 1 ausgehend, wird in Kapitel 2 (Ursachendiskussion), die alleinige Sichtweise einer hirnorganischen Grundlage abgewiesen und Hyperaktivität als Symptom von vier psychischen Grundkonflikten gesehen.
Diese lauten: Trennungs- und Bindungsstörung (mangelnde Loslösung von der Mutter; ambivalente Bindungsmuster), Individuationsstörung (Selbst- und Objektabgrenzung durch Motorik - Körperwahrnehmung - aufgrund früher Traumatisierung - ebenso autoerotische Stimulanz), Sexualisierung und Aggressivierung (Fehlen der väterlichen Funktion; ungelöste Bindung zur Mutter; fehlende Geschlechtsidentifikation, die sich oft manifestiert in hyperphallischen Verhaltensmustern) und Reizschutz gegen eine depressive Grundstörung. Im folgenden Kapitel werden die Ergebnisse eines Forschungsprojektes, das sich mit frühkindlicher Entwicklung von Kindern mit AD(H)S beschäftigte, tabellarisch und graphisch sehr anschaulich dargestellt. In Kapitel 4 werden sieben anonymisierte Fallbeispiele hinsichtlich ihrer Familiendynamik psychoanalytisch interpretiert. Anschließend wird anhand von vier konkreten Beispielen AD(H)S bei Jungen und Mädchen mit Hyperaktivität mit Jungen und Mädchen ohne Hyperaktivität geschlechtsspezifisch verglichen.
Auch die psychoanalytischen Theorien, AD(H)S als Mentalisierungs-, Symbolisierungs- und Spielstörung zu sehen, werden in Kapitel 6 diskutiert. Der eigentliche Schwerpunkt des Buches ist in Kapitel 7 zu finden, denn hier wird die Psychodynamik der Kinder mit AD(H)S mittels Fallstudien umfassend beschrieben und erläutert. Es folgen Ausführungen zu aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen - auch die unterschiedlichen Erziehungsstile
xxbetreffend -, die zu der entsprechenden Symptomatik führen können. In Kapitel 9 analysieren die Autoren kritisch die medikamentöse Behandlung mit Ritalin und hinterfragen dessen Funktion hinsichtlich psychischer Entwicklung und Konfliktabwehr. Sie schätzen die Verabreichung von Ritalin als Versuch ein, die fehlende väterliche Funktion zu ersetzen".
Abschließend werden die Psychoanalyse und Pädagogik bei Mädchen mit AD(H)S und die Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S erörtert.
Zielgruppe - Empfehlung
Dieses Buch eignet sich für psychoanalytisch orientierte Therapeuten, die sich in diesen Störungsbereich einlesen wollen, aber auch für verhaltenstherapeutisch orientierte Psychologen und Mediziner, die einmal über ihren Tellerrand schauen und mehr über die psychoanalytische Theorie und Therapie erfahren wollen.
Stärken des Buches
Eine interessante und preiswerte Publikation, die psychoanalytische Theorie und Therapie von Kindern mit der Diagnose AD(H)S recht klar und übersichtlich anhand von zahlreichen Fallbeispielen erläutert.
Schwächen des Buches
Andere psychotherapeutische Therapieformen und -ansätze bezüglich der AD(H)S-Diagnose bleiben weitgehend außen vor und werden - wenn überhaupt - nur kurz angerissen.
Stefan Meier
Clara-Schumann-Str. 24
87740 Buxheim