Die Bezeichnungen Urgestein oder Mega-Klassiker dürften auf die folgende Version eines Abenteuers haargenau zutreffen: Pitfall ist so ziemlich jedem Zocker eines etwas älteren Semesters bekannt. Vor über zwei Jahrzehnten landeten die Entwickler von Activision einen Mega-Hit, der sehr gut auch als Meilenstein der Videospielgeschichte bezeichnet werden konnte. Dabei handelt es sich in erster Linie um ein Hüpfspiel, welches seinerzeit selbstverständlich und auch bei den Nachfolgern in einem 2D-Gewand daherkam. Einige jener Versionen in den Folgejahren waren ebenfalls erfolgreich, ein böser Bruch entstand erst im 3D-Zeitalter, speziell Ende der 90er-Jahre gab es auf der alten Sony Playstation wenig Erfreuliches zu berichten. In der aktuellsten Version Pitfall Die verlorene Expedition wurden die damals angesagten Spielsysteme allesamt bedient, sowohl Playstation 2, Nintendo Gamecube als auch Microsoft X-Box wurden bedacht. Meinem Kenntnisstand zufolge gleichen sich ale drei Fassungen wie ein Ei dem anderen, mit allen Vor- und Nachteilen, ich jedenfalls berichte Euch über die X-Box-Version.
Bedauerlich das gleich vorweg ist, dass Freunde eines gepflegten Multiplayerspaßes hier definitiv nicht auf ihre Kosten kommen werden und dies weder online noch offline. Daran allein liegt es aber sicherlich nicht, dass wir es insgesamt leider nur mit einem Durchschnittsabenteuer zu tun haben, welches einiges von seinem ursprünglichen Charme verloren hat. In erster Linie gibt es unübersehbare Macken im Gameplay, bei dem offensichtlich gehörig der Feinschliff fehlt. Es drängt sich der Eindruck auf, als sollte der große alte Name allein genügend Käufer anlocken, so dass eine doch ziemlich lieblose Umsetzung flächendeckend auf die drei Konsolen als völlig ausreichend gehalten wurde. Das ist nicht nur äußerst schade, sondern diese Schlamperei dazu gleich im Detail mehr - muss derbe Abzüge im Hinblick auf die Gesamtspielspaßwertung haben. Vergurkt wurde dieses Hüpfabenteuer rund um den altbekannten Protagonisten Harry zwar nicht, doch wahre Begeisterungsstürme kann der Spielverlauf wiederum auch nicht entfachen. Zu viele nervige Kleinigkeiten sorgen in der Summe dafür, dass eine Empfehlung letztlich nur erschreckend hauchdünn ausfallen darf.
Die Geschichte dreht sich um den Wissenschaftler Harry, der auf einem Trip zu einem Forschungsgebiet mit dem Flugzeug verunglückt. Dabei ist Harry nicht alleiniges Opfer des Absturzes, sind doch ebenso Kollegen zugegen, unter anderem auch die nicht unattraktive Tochter des Forschungsleiters und somit Harrys direktem Vorgesetzten. Diese aufzuspüren und schließlich zu retten, ist somit quasi Ehrensache, doch (leider) ist die Suche nicht nur auf sie beschränkt, auch die anderen Opfer wollen geborgen werden. Dass dies nicht ganz so gefahrlos abläuft, liegt nicht zuletzt darin begründet, dass die Absturzstelle im tiefen Dickicht des Dschungels liegt, in dem man kaum einen Meter weit sehen kann und das sehr unwegsame Gelände die Fortbewegung typischerweise ordentlich erschwert. Als Held wider Willen nehmen wir als Harry die Strapazen aber selbstverständlich trotzdem auf uns, dass wir in der Folgezeit auf zahlreiches feindliches Gesocks treffen, kommt sicherlich nicht überraschend.
Auf unserer langen und beschwerlichen Reise durchstreifen wir vier umfangreiche Areale, so dass wir unser Unwesen nicht nur im Busch, sondern auch in dunklen Höhlen, in Siedlungen der Eingeborenen und auch hoch oben in der verschneiten Bergregion treiben. Wer hier zünftige Balleraction erwartet, der schaut in die Röhre, denn Harrys Metier sind weder Maschinengewehr, Schrotflinte, Raketenwerfer, Sniperwumme oder Ähnliches, vielmehr räumt er das feindliche Gesocks zunächst mit Faustschlägen und beherzten Tritten aus dem Weg. Ansonsten greifen wir später lediglich noch auf eine Schlinge zurück, mit der sich kleine aber feine Geschosse aus Stein durch die Walachei pfeffern lassen. In erster Linie versteht sich Harry aber aufs Rennen, Klettern und natürlich Hüpfen und dies ist angesichts der nicht immer leicht zu bewältigenden Flora auch bitter nötig.
Dicke Minuspunkte müssen wir hier leider konstatieren, alles Andere wäre Augenwischerei: beim Durchstreunen der Landschaften fallen zuweilen arge spielerische Längen auf, ewig lange Fußmärsche zehren auf Dauer am Nervenkostüm. Und zwar erheblich. Beim Schwingen von einem Ast zum anderen per Liane gibt es zudem ärgerliche Passagen, Abstürze ohne eigenes Verschulden stehen hier oft auf dem Programm. Da dies regelmäßig bedeutet, die Passage über die Abgründe hinweg zu wiederholen, kommt es spätestens nach dem ersten Drittel des Spiels zu wiederholten Wutanfällen. Lassen wir die Phlegmaten einmal außen vor. Da schließlich die Speicherpunkte oft viel zu weit auseinander sind oder überhaupt an ungünstigen Stellen platziert sind, rutscht der Spielspaß nicht selten empfindlich in den Keller. Hier fehlt das Feintuning und ehrlich gesagt ist dies noch milde ausgedrückt.
Damit es nicht zu monoton wird, kommen noch andere Elemente zum Einsatz, so zum Beispiel das Freisprengen von Durchgängen, eine ABC-Maske an kniffligen Stellen für ausreichend Sauerstoff, das Erhellen dunkler Gänge mit einer Fackel, das Klettern von Wänden in luftiger Höhe mit einem Eispickel, das Wetzen über glühendheiße Lava und das mehr oder weniger gemütliche Gondeln über unruhiges Wasser mit einem notdürftig zusammengebastelten Floß. Motivieren soll schließlich das Aufspüren versteckter Tempelanlagen, als Belohnung für Eure Mühen erwarten Euch dann Uraltversionen des alten Pitfall. Das ist nett, keine Frage, kann aber die Mängel im Gameplay nicht verdecken. Einige Frustmomente und oft vorkommendes orientierungsloses Herumlaufen Hinweise sind leider sehr rar gesät - sind nicht gerade das, was für einen mitreißenden Spielverlauf spricht. Als ob das nicht schon genug wäre, ärgert uns ab und an die verunglückte Kameraführung, welche uns insgesamt fast schon mehr Probleme bereitet als die Feinde selbst. Zu allem Unglück erweist sich auch die Handhabung sprich das Benutzen der Ausrüstungsgegenstände, als nicht immer besonders komfortabel, eine umständliche Tastenbelegung sorgt für ein zusätzlich stockendes Prozedere.
Dies war nicht gerade eine kleine Auflistung an negativen Gesichtspunkten, so dass es nun höchste Zeit wird, auch lobende Worte über Pitfall, Die verlorene Expedition zu verlieren. Der Spielwitz kommt gut rüber, nicht zuletzt die Animationen machen Laune. Die Atmosphäre wirkt sehr dicht und sorgt für eine angenehme Grundstimmung, zudem überzeugt die Grafik insbesondere durch das Leveldesign. Besonders die Licht- und Schattenspiele sind gut, die sonstigen Spezialeffekte gehören hingegen eher zum Standardprogramm. Leider fanden weder 16:9-Breitbildformat noch 60-Hertz-Modus eine Berücksichtigung, wenigstens die deutschen Bildschirmtexte trösten über diesen Makel hinweg, zumal die Synchronisation sehr gut gelungen ist und für einen eigenwilligen Charme sorgt. Gleiches gilt für die Sprachausgabe, die sicherlich zu den Stärken dieses Hüpfspiels gehört. Die Soundeffekte kommen glasklar aus den Lautsprechern, doch über mitreißende Hintergrundmelodien kann man wiederum auch nicht reden. Sowohl Optik als auch Akustik sind leicht überdurchschnittlich, doch reizen sie die Hardware-Power der X-Box bei weitem nicht aus.
Insgesamt stehe ich Pitfall Die verlorene Expedition zwiegespalten gegenüber. Einerseits freue ich mich über das Revival eines Megaklassikers und die gelungene Portierung des englischen Humors dank guter deutscher Synchro. Dieses Hüpfspiel ist unterhaltsam und gefällt durch eine dichte Atmosphäre. Speziell Charaktere und Leveldesign sind gut und auch die Tatsache, dass die Klassiker als versteckte Extras freigespielt werden können, ist sicher nicht verkehrt. Dass kein Multiplayer existiert, ist schade, jedoch speziell im Jump-and-Run-Genre eher üblich. Doch gibt es auch viel Verdruss: schlecht verteilte Speicherpunkte, manchmal böse Patzer der Kamera, gelegentlich unfaire Elemente speziell beim Überwinden von Abgründen und insbesondere der Punkt, dass wir viel zu oft ohne konkreten Hinweis durch die Walachei herumirren drücken die Spielfreude erheblich. Da sowohl die uns präsentierte Grafik als auch Soundkulisse allenfalls leicht überdurchschnittlich sind, bleibt unter dem Strich dann doch nur leider eine relativ knappe Empfehlung übrig. Spielspaßwertung: 62%.
PLUS --> Charakter- und Leveldesign gelungen, dichte Atmosphäre, Humor, gute deutsche Synchro, Klassiker als freispielbare Boni
MINUS --> Unfaire Elemente, nervige Wiederholungen nötig, partielle Orientierungslosigkeit, monotone Laufwege, Patzer der Kamera, kein Multiplayer, kein 60-Hertz, kein 16:9