Nach eingehender Lektüre des Romans und dem Anschauen der Verfilmung entschließe ich mich zu einer Rezension dieses thematisch nicht einfachen Buches.
Die vorliegende Ausgabe ist stark gekürzt und sprachlich simplifiziert, um den eingeschränkten Englischkenntnissen von Jugendlichen (ab 15-16) gerecht zu werden. Als Schullektüre eignet sich die Ausgabe, wobei man sich dem Ganzen inhaltlich kritisch gegenüber stehen muss - v.a. dem leichtfertigen Rechtfertigen von Gewalt und Selbstjustiz (dazu später mehr). Zumindest lesen die Jugendlichen das Buch gerne und freiwillig, nicht nur als Synopsis im Kindler oder auf Wikipedia.de.
Die Story ist rasch erzählt: Schwarzer Vater erschießt weiße Vergewaltiger seiner Tochter, wird (im Süden der USA) angeklagt und mit der Hilfe eines jungen, idealistischen weißen Anwalts freigesprochen.
Klingt nach Klischees à la Hollywood?
Das dachte ich auch. Und ehrlichgesagt, ich fand die Handlung und die Darstellung der Charaktere zuweilen hart an der Grenze zur Stereotypisierung und Reproduktion hollywood'scher Schablonen, dennoch lohnt sich die Lektüre des Romans. Der Ausgang des Prozesses erfüllt zwar die Postulate der "poetic justice" ("Der/das Gute siegt!"), doch erscheint er mir recht unglaubwürdig und eher als Wunschdenken denn harte Realität im konservativen, nicht ganz vorurteilsfreien Süden der USA.
Es ist ohne Frage eines der fesselndsten Werke Grishams, in dem sein Anliegen klar zum Ausdruck gebracht wird. Aber welches Anliegen überhaupt???
Ich meine, dass der Roman den Leser auf eine gefährliche Reise führt und verführt - nämlich die der Billigung von Gewalt und Selbstjustiz. Ich bin nicht so naiv zu denken, dass sich die Gewalt und Probleme der Welt mit blauäugigem Pazifismus und Jesus-Sprüchen lösen lassen, dennoch ertappte ich mich dabei, wie befriedigend und gerechtfertigt ich es fand, dass z.B. der schwarze Police Chief einem weißen Bombenleger mit seinem Knüppel die Knochen bricht (= foltert), um aus ihm Infos herauszudreschen. Oder dass ich die - juristisch gesehen - Ermordung der weißen Vergewaltiger und Rassisten durch den Vater mit innerem Applaus billigte (bin selbst Vater zweier Kinder und wüsste wirklich nicht, wie ich in diesem Falle handeln würde). Darin liegt die Verführung des Romans, damit spielt der Autor mit der Verführbarkeit des innerlich aufgewühlten Lesers! Grisham spricht die Emotionen an (ist im Grunde m.E. für ein Buch legitim), reflektiert wird nach vollendeten Tatsachen.
Man kann Grisham vielleicht vorwerfen, dass er sehr simplistisch arbeitet, dennoch bin ich mir bewusst (und das rechne ich dem Autor positiv an), dass ein aufgeklärter, rational denkender Abendländer oft emotional berührt werden muss, um zum Handeln und echten Verständnis für die Opfer bewegt zu werden. Z.B. weiß jeder Jugendliche in Deutschland, dass Millionen von Juden unter Hitler umgekommen sind, jedoch berührt sie das Schicksal der Anne Frank mehr als alle statistischen Zählungen. Ich weiß, dass Vergleiche mit dem Dritten Reich nie aangemessen sind, aber ich möchte nur eine Analogie aufzeigen.
Ergo muss jeder Leser das Buch für sich selbst entdecken, dennoch muss man sich bewusst machen, mit welcher Brutalität und Gewalt Gewalt und Brutalität begegnet wird. Der Leser verlässt dabei leicht die Rolle des Beobachters und begibt sich in die des heimlichen billigenden Unterstützers.
Letztendlich muss ich diesem Werk eine Empfehlung aussprechen - mit einem Stern Abzug für die zuweilen fragwürdige unterschwellige Sicht der Gerechtigkeit, die das Buch transportiert.
Hoffe, dass dies hilfreich war.