Die ENIGMA-Alben zählen für mich als Fan des Cretu-Sounds zum Schönsten und Gehaltvollsten, was es in der Musikwelt gibt. Wobei ENIGMA meines Erachtens in erster Linie gar nicht mal so sehr Musik im herkömmlichen Sinne darstellt, sondern viel mehr ein Medium, das denjenigen, der sich darauf einläßt, auf Reisen mitnimmt - Reisen in ferne Galaxien ebenso wie Reisen in das eigene tiefste Innere. Die mit viel Emotion und Liebe, höchster Präzision und einem unglaublichen Gespür für die Macht der Töne geschaffenen Klangbilder fungieren dabei als Schlüssel zum Tor in diese unbekannten Welten. Wer sich auch nur ein wenig von seiner kindlichen Neugier, seiner Phantasie, seinen Träumen und Sehnsüchten bewahrt hat, dem wird sich dieses Tor öffnen, sobald er eines der ENIGMA-Alben in den CD-Player legt. Und es sollte nicht immer nur das berühmte und bis heute am meisten verkaufte erste Album "MCMXC A.D." sein. Die Nachfolger "THE CROSS OF CHANGES", "LE ROI EST MORT, VIVE LE ROI" und "THE SCREEN BEHIND THE MIRROR" haben ebensoviel, wenn nicht gar noch mehr, Beachtung verdient - wurde Michael Cretu als Schöpfer aller dieser Werke doch von Album zu Album besser, wurden seine Alben immer besser, ausgereifter, komplexer.
Das aktuelle Werk "A POSTERIORI" ist das mittlerweile sechste ENIGMA-Album und knüpft direkt an seinen Vorgänger "VOYAGEUR" an, mit welchem Michael Cretu im Jahre 2003 ein neues Zeitalter in seiner geheimnisvollen Hexenküche einläutete. Die sanften, einschmeichelnden Klänge, die altbekannten Soundelemente wurden deutlich reduziert oder gleich völlig weggelassen; ENIGMA kam nun aggressiver, experimenteller und verstörender daher. Viele Käufer, ja selbst langjährige ENIGMA-Fans waren darüber entsetzt, für manchen war es gar der Anfang von ENIGMAs unrühmlichem Ende. Zugegeben, auch ich hatte meine Schwierigkeiten mit dem fünften Album und versuche seit drei Jahren, Zugang zu diesem zu finden, was mir noch immer nicht ganz gelungen ist. "VOYAGEUR" beinhaltet zwar zweifelsohne einige sehr gelungene Stücke, doch als Ganzes, als in sich geschlossenes Konzeptalbum funktioniert es meinem Empfinden nach nicht. Dazu sind die viel zu abrupt wechselnden Stilrichtungen der einzelnen Tracks einfach zu verschieden. Dieses Manko aber - so es tatsächlich eines ist - macht "A POSTERIORI" zweihundertprozentig wieder wett.
Das neue Album weist im Vergleich zu seinem Vorgänger einen entscheidenden Vorteil auf: Das Konzept von "A POSTERIORI" ist in sich schlüssig, der rote Faden zieht sich gleichmäßig durch die knapp 54 Minuten, vom ersten bis zum letzten Ton, ohne irritierende Wendungen und Stilbrüche und ohne Langeweile aufkommen zu lassen - im Gegenteil. Das ist ENIGMA, wie ich es mir seit langem gewünscht hatte: Mit Hilfe zuvor nie gehörter Sounds, hypnotisierender Melodien und filigraner Arrangements, die genügend Platz für eigene Deutungen, Bilder und Gefühle lassen, auf eine Reise durch Raum und Zeit gehen, Begriffe wie Unendlichkeit, Neugier, Angst, Schönheit, Melancholie, Romantik, Ruhe, Aufregung und Sehnsucht neu definieren, dabei von Andromeda träumen, mit Mephisto tanzen, Nordlichter bestaunen, 20.000 Meilen übers Meer fliegen und auf dem Mond sitzen - um sich schließlich von der Milchstraße zu verabschieden und in noch fernere Welten einzutauchen. Vielleicht ein Ausblick auf das, was uns auf dem siebenten ENIGMA-Album erwartet?
Ich habe "A POSTERIORI" inzwischen zehnmal gehört und finde darauf keinen einzigen Schwachpunkt, keine Stelle, die ich lieber überspringen würde. Und bei jedem Hören entdecke ich mehr Details, die mir zuvor verborgen blieben. Jeder einzelne Augenblick ist faszinierend, macht neugierig auf das, was noch folgt. Und das ist bei diesem Album überhaupt sehr wichtig: Nicht kurz hineinhören wie in ein vielversprechendes, aber nichtshaltendes Album von Superstar X und TV-Casting-Klon Y, sondern ganz in Ruhe von vorn bis hinten durchhören, hinhören, eintauchen und gespannt lauschen. Wie meinte Michael Cretu doch: "Ich schreibe keine Sketche, sondern Bücher. Ich bin ein Album-Macher." Ein Song sei bei ENIGMA immer ein Weg zum Ziel und so auch nur mit dem Vorher und Nachher zu verstehen. Dem kann ich nur zustimmen. Und ich will auch gar nicht erst versuchen, dieses Album in der Art eines Kritikers musikalisch-technisch zu analysieren, zu sezieren und damit dessen Magie zu zerstören.
Das halbe Dutzend ist bei ENIGMA nun voll. Doch Dutzendware ist das Projekt nicht und wird es auch nicht, solange dessen Schöpfer seinem Produzentencredo treu bleibt, sich niemals selbst zu kopieren. Folglich gibt es bei ENIGMA anno 2006 keinen einzigen gregorianischen Chor, kein noch so winziges Panflötentönchen, selbst Sandras betörendes Flüstern fehlt. Aber vermißt man das alles denn überhaupt? Ganz klar: Nein! Mein Fazit: Hier hat ein Könner ein weiteres Meisterwerk abgeliefert, das die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühle anzusprechen vermag, und damit gleichzeitig neue Maßstäbe gesetzt. "A POSTERIORI" ist ein Album für die Ewigkeit, das viele Menschen glücklich machen wird. Dafür Dank an Michael Cretu.