"Thick as a Brick" war ein sensitives und beeindruckendes Album: Ein Track von 50 Minuten, der so gut komponiert war, Melodien, Rhytmuswechsel und sich wieder neu aufbauende Höhepunkte. Die Stimmung wurde getragen von der Akustikgitarre, Flöte und nicht zuletzt von John Evans mit seinen sensitiven Hammond- und Pianoeinlagen. Ich spielte damals die LP manchmal 3 mal hintereinander ... - Schwerer verdaulich hört sich die ersten Male das Nachfolgewerk 1973 "A Passion Play" an: Stilistisch am Vorgänger orientiert, ein einziger langer Track. Mutig und selten bis heute! Das macht Jethro Tull sympathisch, trotz Millionenerfolge machen sie die Musik, die gerade in Ihrem Bewußtsein ist und nehmen auf den Markt und ihre Plattenfirma wenig Rücksicht. Das Werk kam (sagte zumindest die Presse und die das später abschreibenden Historiker) weder beim Publikum noch der Kritik an: Ian Anderson war beleidigt und hörte einige Zeit auf Konzerte zu geben. Zugegeben, die Texte sind wirr und spiegeln Andersons (damals etwas oberflächliches) Religions- und Weltverständnis wieder. Mehrfach schon gehörtes ("Aqualung")diesmal in verschlüsselter und überintellektueller Sprache, manchmal penetrant ironisch-besserwisserisch oder gar geschmacklos. Das dies nicht ankam ist verständlich. Aber Jethro Tulls Erfolg war doch seit Beginn ihr Sound und die Musik, warum wurde gerade diesmal dem Text so großes Gewicht beigemessen, den man sonst gar nicht beachtete? Die Musik ist meiner Ansicht zu zwei Dritteln exzellent und hat manchmal gar gute Melodien und Höhepunkte, die emotionale Bandbreite ist wie beim Vorgänger wieder enorm - von zart bis agressiv -. Besonders wenn Anderson zur Akustikgitarre singt und die Flöte zu hören ist kommen die besseren Momente des Mammuttracks zu Hören. John Evans besticht wieder mit seinem einfühlsamen Piano und Hammond, sogar Synthezizer-Klänge setzte er ein. Zufall? Das letzte gute Tull Album (1978) war auch das letzte wo der klassische Keyboarder der ersten Stunde noch dabei war. Genug abgeschweift ... Das Album gehört nicht zu den schlechtesten der Gruppe, man sollte es vorurteilsfrei anhören und sich die gefälligeren Parts überspielen, evtl sogar kaufen. Origineller und besser als das meiste der letzten Zwanzig Jahre von Jethro Tull! Thomas Richter