Alle Jahre wieder schmeißt die Plattenindustrie mit Weihnachtsalben um sich, dass man nur noch in Deckung gehen kann. Doch wenn eine Frau vom Format einer Annie Lennox eine CD veröffentlicht, die ohne Rentier & Santa aufmacht, dann kann man ruhig mal Augen und Ohren weit öffnen.
Die Optik ist zunächst ein wenig abschreckend: Annie Lennox engelsgleich und märchenhaft im Stil alter Oblaten-Bilder, umrahmt von verschnörkeltem Kitsch. Der tiefere Sinn ergibt sich erst, wenn man weiß, dass das weihnachtliche Füllhorn - so die Übersetzung des Titels "A Christmas Cornucopia" - ein mythologisches Symbol des Glückes ist und mit Blumen und Früchten dargestellt wird. Entsprechend ist auch das Booklet mit allen Liedtexten sehr aufwändig nostalgisch gestaltet.
Im akustischen Fokus des Werkes steht natürlich Annies fantastische Stimme, die man am ersten Ton erkennt. Begleitet von Piano und Streichern holt sie alles aus ihr heraus, setzt kraftvolle Akzente und schwebt zusammen mit dem afrikanischen Kinderchor in ungeahnte Höhen.
Die Lieder sind überwiegend christliche Choräle, aber so unterschiedlich arrangiert, dass man nicht sofort an den Gottesdienst oder die Heiligabend-Messe denkt. In Verbindung mit Percussions und Flöten diffundiert der Sound Richtung Weltmusik, etwa bei "God Rest Ye Merry Gentlemen". Das französische Lied "Il Est Ne Le Divin Enfant" ist einfach zauberhaft und "The First Noel" fast schon eine klassiche Pop-Ballade. "The Holly And The Ivy" klingt wie der Soundtrack zu einem Märchenfilm und "Silent Night" ist von Annie Lennox gesungen eine Offenbarung.
Das Highlight jedoch wartet ganz am Ende auf den geduldigen Hörer, denn "Universal Child" ist nicht nur zur Weihnachtszeit eine Ode an die Menschlichkeit, so eindringlich in Text und Stimme, dass selbst einem Atheisten die Tränen kommen können. Dieser großartige Song ist der einzige von Lennox selbst geschriebene, während die anderen Traditionals sind.
So bleibt am Ende die schöne Erkenntnis, dass Weihnachtsalben nicht zwangsläufig anspruchslose Unterhaltungsmusik bieten, sondern jenseits von Kitsch und RTL-Chart-Show echte Kunst präsentieren.