1984: Die Erste Allgemeine Verunsicherung tourt regelmäßig in kleineren Hallen umher und verunsichert das österreichische Publikum mit wortgewandten und auf den Punkt getroffener satirischen Bühnenshows. Die Gruppe hat damals erst recht kein Blatt vor dem Mund gehabt und hat immerzu mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür gesorgt, dass das die Besucher einer solchen Show die Kinnlade herunterfallen lassen. Schließlich wurden gesellschafts- und politikbezogene Wahrheiten und Skandale in wunderbar komödieninszenierter Darstellung aufgeführt. Zur Popularität verhalfen unter anderem die bizarren originellen Comic-Maskeraden, die sie auch u.a. in ihren gewagten (unbekannten) Musikvideos benutzten. "Spitalo Fatalo" war das aktuelle Programm, veröffentlicht wird aber nun eine LP mit den Namen "à la carte", ein Album mit Liedern, die schon 1983 gleichzeitig mit dem "
Spitalo Fatalo"-Album entstanden sind (bis auf "Guru"). Betiteln Sie die CD wie Sie wollen: Etwa "Die Ruhe vor dem Sturm" aufgrund dem kommerziellen Durchbruch mit "
Geld Oder Leben", der nur ein Jahr später auf sich warten ließ oder "Vergessene Perle", welche mit eher unverbreiteten EAV-Liedgut ausgestattet ist. "á la carte" ist sicherlich kein Ausfall in der Ersten Allgemeinen Diskographie.
Lassen Sie sich nicht vom Reinhören abhalten: Obwohl dieses vierte Werk der Verunsicherung keinesfalls eine so hohe Ohrwurmqualität bietet wie z.B. "
Liebe,Tod und Teufel" (1987), liegt die Stärke (wieder mal) in den Lyrics. So begegnet man gesellschaftsbezogene Veräppelungen, wie einer übertriebenen ökologischen Fanatikerin, in die sich ein naiver Stadtmensch verliebt ("Du, du, du, du, du / Dein Apfelmus lässt mir keine Ruh..., die Zwiebelringens, die bringens!") in "Oh, Bio mio", oder dem Metaler-Klischee in "Heavy-Metal Pepi", welches mit seinen harten Gitarrenklängen nach einem Song ("Woman from Tokyo") von Deep Purple anhört. Dann im Refrain grölt Bottazzi: "Meine Herren, härter werdn!". Einfach genial inszeniert. Einer der besten Metal-Parodien, die ich zu Ohren bekommen habe.
Auch gesellschaftskritisch sind "Die Intellektuellen", die ihr Leben lang lernen, studieren und alle möglichen Theorien beherrschen, diese aber nicht umsetzen, um die Welt zu verbessern. Die rockig-bluesig verträumte Musik ist hervorragend mit einem tollen Sänger - Mario Bottazzi. Ein weiteres Highlight ist gleich der Opener "Wir jetten", in dem die Stammgäste eines Lokals ihren Alkoholkonsum gutheißen, da sie quasi damit den Staat finanzieren und ihn vor einem Zusammensturz beschützen. Also gilt: Saufen, was das Zeug hält! Klaus Eberhartinger singt da: "Und der Finanzminister, ohne Chancen ist er / Weil wenn wir nicht mehr löten, gehen die Steuern ihm flöten!". "Knieweich" ist der musikalisch bizarrste Song der EAV, bei dem Bassist Eik Breit den Durchschnittsmenschen und seine bösen Eigenschaften, die er verbirgt satirisch aufweist. Erinnert mich oft an den Satirefilm "
American Beauty" 1999, in dem auch die scheinbar perfekten Vorstadtbürger mit ihren verborgenen, inneren Trieben zu kämpfen haben. Gefällt mir sehr gut.
Aber auch die Organisation der Religion wird nicht verschont: Bei "Guru" wird man in einem kirchlichen Geschehen hineinverwickelt, indem Lobgesänge und Spenden für den Guru veranstaltet werden, damit dieser die Bürger vor Problemen schützt. Dann allerdings begibt sich dieser auf die nächste Fahrt nach Rio De Jenairo und lässt die Bürger allein. Musikalisch untermalt mit heiterer Samba-Musik :D . "Aloahe" gehört ebenfalls zu den besten Liedern und Ohrwurmgaranten der Platte (wurde auch als Single veröffentlicht). "Liebelei" ist auch ganz amüsant, ist aber besser auf der "
Kann Denn Schwachsinn Sünde Sein...?" Version von 1989. "Go, Karli, Go", der Hit des Albums sollte man unbedingt anhören, die meisten kennen den Rock `n` Roll Aufstieg vom Streber zum Rockstar Karli sowieso schon. "Schweinefunk" wurde schon in den jungen Jahren von Geniekomponist Thomas Spitzer und Gesangskünstler Klaus Eberhartinger verfasst. Diese zwei Stücke sind die gängigsten auf diesem EAV-Album und wurden gemeinsam mit dem "Alpenrap" gelegentlich im Radio gespielt.
Fazit: Textlich und satirisch gesehen, wieder ein geniales (teils verkanntes) Frühwerk der legendären Österreicher. Die Musik ist nicht wirklich von hoher Priorität (anders als bei seinem Nachfolger), erfüllt dennoch seinen Zweck als humoristische Untermalung. Dennoch gefällt mir der Vorgänger "Spitalo Fatalo" noch einen Tick besser, da ich es als raffinierter und handgemachter empfinde als "à la carte" mit seinem in den Vordergrund gesetzten Beats und melodiösen Grooves. Dies ist allerdings nur ein kleiner Kritikpunkt, der sich im Schatten dieser komödiantischen Perle befindet. Fans der EAV sollten sich auch diese Rarität wieder einmal nicht entgehen lassen.
Favoriten/Anspieltipps: "Wir jetten" // "Die Intellektuellen" // "Aloahe" // "Heavy-Metal Pepi"