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Nun stellt sich die müßige Frage: was ist wirklich neu? Ein Song, der unter diesem Titel noch nicht da war, aber in ähnlicher Form schon existiert? Und da gibts für fast jeden auf dem neuen Album ein früheres Parallelbeispiel, was findige DJs freuen wird, die damit nahtlos Mixes aus Alt und Neu basteln können: "It Won't Take Long", "Rain Fall Down", "Back Of My Hand", "Laugh, I Nearly Died" und "Driving Too Fast", wo man gleich "Jumpin Jack Flash" um die Ecke kommen hört. In 40 Jahren sammelt sich ne Menge Ausschussware an, deren Verwertung durchaus legitim ist, und wenn sie nach Stones klingt, zudem schon die halbe Miete. Was für die erste Single, das blasse "Streets Of Love" leider nicht zutrifft. Solider RocknRoll bietet "Rough Justice" und das rauhe "Let Me Down Slow", der funky Groove macht "Rain Fall Down" zum Ohrwurm, Richards Nichtgesang schmälert weder sein Lamento "This Place Is Empty" noch den Bluesrock "Infamy". Jagger brilliert mit der Blues-Neuauflage "Back Of My Hand" und der maniriert-hypnotischen Ballade "Laugh, I Nearly Died".
Über die Viagra-verdächtigen Sugardaddy-Texte aus altpupertärem Macho-Vokabular der notorische Tits-And-Ass-Aufreisser hüllt man besser den Schleier des Schweigens. Manchmal bewegt sich das Songtandem Jagger-Richards inzwischen am Rande der Parodie. Auch wenn viele jubeln, weil die neue Scheibe seit "Exile on Main Street" mit 64 Minuten die längste ist, wäre weniger mehr und runder gewesen. So bleibt es bei solider Ware mit vielen Erkennungswerten. -- Ingeborg Schober
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Oder einfach hinhören, was am besten bei DANGEROUS BEAUTY funktioniert, einem absoluten Höhepunkt auf A BIGGER BANG. Wenn sich das Leben im Rentenalter so gestalten kann, wie die Musik in 3 Minuten 44 Sekunden, besteht Hoffnung für eine gesamte Generation von Midlife-Crisis-Geplagten. Ganz davon abgesehen, dass schon der erste Einsatz von Keefs Gitarre solche Bubis wie die Kaiser Chiefs und Franz Ferdinand zu nassen Waschlappen mit Attitüde degradiert; da brüllt, brilliert und greint hier mit Jagger schließlich einer, der die nachrückende Beat-Phalanx aus dem vereinigten Königreich komplett und locker in diese Welt gesetzt haben könnte. Besser und sicher einfallsreicher waren die Stones oftmals in den letzten Dekaden. Kraftvoller wohl kaum. Charlie Watts präsentiert sich nicht nur genesen sondern bissig, Richards schlägt in bester, ohnehin selbst definierter Piraten-Manier den Enterhaken in ein erdiges Stück Musik. If I was your captain, would you salute me?
Segelt man dann weiter, begibt man sich unmittelbar an die Gestade des wohl tatsächlich besten Songs seit langen Jahren. LAUGH, I NEARLY DIED kriecht und schleicht, windet sich angelockt von Charlies Rim-Shot um eine betörend lässige Harmonie. Am Ende der gospelartige Abschluss mit einem vervielfältigten Jagger. Das Heroische, das Große, das Abstecken der eigenen und oft zu Recht selbst definierten Grenzen macht sich indes häufiger bemerkbar auf dem längsten Studioalbum seit Exile On Main Street. Beim hingeschleuderten Opener ROUGH JUSTICE etwa, bei DRIVING TOO FAST oder IT WON'T TAKE LONG. Allesamt Rocker, bei denen sich Stones-Afficionados, aber auch hörbar die Band von Anbeginn zu Hause fühlt. Apropos Zuhause: dass man sich die Bequemlichkeit leistete nicht im Studio, sondern unter heimischen Dächern in Jaggers französischem Landsitz aufzunehmen, hat dieser Platte gut getan wie das dortige Klima. Anders wäre vielleicht weder ein erdiger Blues wie BACK OF MY HAND, noch die gesamte Stimmung von A BIGGER BANG zu bewerkstelligen gewesen. Selbst die nun eher putzigen beiden Richards-Songs INFAMY und THIS PLACE IS EMPTY (Bare your breasts and make me feel at home) oder auch STREETS OF LOVE, als unvermeidlicher, veritabler Schmeichler für die Charts, können daran kaum etwas ändern.
Ein Albumtitel als Inbegriff der Entstehung allen bekannten Lebens lässt die Frage zu, ob die Rolling Stones nicht ein wenig mehr Understatement hätten walten lassen können. Andererseits: Ehre, wem Ehre gebührt. Sail on, you pirates. We salute you.
Die Songs stecken voll Power. Bei den Texten glaubt man kaum, dass die Jungs schon erwachsen sind. Naja, sie stecken voller Biss und Lust am Leben. Und an Frauen...
16 Songs sind viel für ein Album. 16 wirklich gute Songs findet man kaum wo anders. Sie sind abwechslungsreich, eingängig und haben einen rauen, druckvollen - einen super Sound. Klar, die Stones haben den Rock 'n' Roll nicht neu erfunden. Natürlich erinnert der ein oder andere Stil (zumindenst entfernt) an ein paar frühere Songs von ihnen. Aber so gut war der Stil noch nie.
Nie haben die Stones frischer geklungen. Das war der Grund, aus dem ich die CD gekauft habe und nachdem ich sie inzwischen immer und immer wieder komplett durchgehört habe, kann ich mit bestem Gewissen behaupten: Der Kauf hat sich mehr als gelohnt.
Eine Sache rechne ich den Stones außerdem noch hoch an: Schon vor der Veröffentlichung des Albums konnte man auf ihrer offiziellen Internetseite alle 16 Songs in voller Länge und bester Soundqualität probehören (freilich nicht downloaden). Diese Jukebox hat mich letztendlich auf den Geschmack des Albums gebracht. Für diesen tollen, fortschrittlichen Service gebührt den Rolling Stones ein großes Lob.
Dieses Album ist perfekt: Der Sound, der Spaßfaktor, der Rock 'n' Roll. Hier stimmt einfach alles vom ersten bis zum letzten Titel.
Selbst Eccentrica Gallumbits von Erotikon VI scheint „A Bigger Bang" gekannt zu haben, sagte sie doch im The Hitchhiker's Guide To The Galaxy: „The best Bang since the Big One."
Passt perfekt.
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