Kurze philosophische Texte, verständlich, auf den Punkt und mit einem Kern, der zum Diskutieren anregt: wer gelegentlich bis beruflich damit zu tun hat, Philosophie an Außenstehende zu "verkaufen", weiß, wie schwer so etwas zu finden ist. Die Sammlung von 99 philosophischen Rätseln M. Cohens scheint da ein Geschenk des Himmels zu sein.
Auf meist nicht mehr als 1-2 Seiten wird in einem kurzen Text ein mehr oder minder klassisches Problem aufgearbeitet, dem Leser zur gefälligen Diskussion überlassen und im Anhang dann vom Autor diskutiert. Ein kurzes "Lexikon" mit Fachbegriffen und wichtigen Personen rundet das Buch ab. Man kann es getrost überblättern; der Autor verzichtet im Hauptteil dankenswerterweise weitgehend auf Jargon und aufs Zitatefallenlassen.
So weit, so schön: nur taugt das Buch über längere Strecken nichts. Obwohl Cohen laut Klappentext Professor für Philosophie ist, häufen sich die fachlichen Fehler. Dabei geht es nicht um kleinere Ungenauigkeiten und Saloppheiten, wie sie bei populärwissenschaftlichen Büchern leider oft zu finden sind.
In einem seiner Rätsel behandelt Cohen z. B. "Hilberts Hotel" (wenn auch unter anderem Namen): Das hat unendlich viele Zimmer. Cohen fragt sich, was passiere, wenn man die Zimmer jeweils in der Mitte teile - und kommt zu dem Schluss, man hätte dann doppelt so viele Zimmer. Das ist Unsinn - was jeder, der Mathematik studiert, im 1. Semester lernt. Zum Kern des Problems - dass es tatsächlich sinnvoll ist, verschiedene Arten von "Unendlichkeiten" zu unterscheiden - stößt Cohen weder im Rätsel noch in der "Auflösung" vor.
An anderer Stelle präsentiert Cohen das Paradox vom Barbier, der alle rasiert, die sich nicht selbst rasieren - und zwar in einer Form, in der das eigentliche Problem nicht auftaucht. Mehrfach tauchen dieselben Probleme nur in etwas anderer Aufmachung wieder auf, ohne dass dem Autoren die Wiederholung bewusst gewesen wäre: Kein Wunder, mehrmals sind die Aufgabenstellungen so unpräzise und verwirrend formuliert, dass das auch nur Menschen auffallen dürfte, die die Probleme bereits kennen.
Ein weiterer Tiefpunkt ist dann Cohens langes Lamento über Nietzsche, den er als geistigen Vater des Nationalsozialismus' zu "enttarnen" versucht. Seine Hauptquelle für diesen Vorwurf ist - ein Buch, das aus der Feder von Nietzsches Schwester stammt und nun von keinem seriösen Forscher mehr dem angeblichen Autoren selbst zugeschrieben wird.
Zu guter Letzt entpuppen sich mehrere der philosophischen Rätsel als unspektakuläre Denksportaufgaben ohne große Substanz, oder lassen - wie die Seiten mit den optischen Täuschungen - den Leser ohne jeglichen Hinweis auf Erklärungen zurück.
Kurzum: Seinen eigentlichen Zweck - Neulingen mal einen anderen Einstieg in die Philosophie zu bieten - verfehlt das Buch um Meilen. Fachlich ist es über weite Strecken unhaltbar. Nur etwa zwei Drittel der Rätsel bzw. Lösungen sind in der vorliegenden Form brauchbar.
Das Problem liegt darin, zu erkennen, welche Texte zu diesen zwei Dritteln gehören. Überdurchschnittliche Philosophie- oder Ethiklehrer, Uni-Dozenten und fortgeschrittene Studenten dürften das können, und sie haben dann eine sehr brauchbare Fundgrube an Kurztexten.
Allen anderen empfehle ich zu Rosenbergs "Einführung in die Philosophie", Warburtons "Was können wir wissen, was sollen wir tun?" oder Weischedels "Philosophische Hintertreppe" zu greifen. Anders als bei Cohen läuft der Leser dort nicht Gefahr, laufend Halbheiten und Unsinn aufgetischt zu bekommen.