In einer Zeit, in der sich manche Filmemacher veranlasst fühlen, in komplizierten Leinwand-Sudokus Handlungen zerlegt (
8 Blickwinkel) oder gar rückwärts (
Memento) zu präsentieren, stellen die 2008 produzierten, gradlinig erzählten "96 Hours", produziert von Luc Besson[1] mit Regisseur Pierre Morel nach dem Buch Robert Mark Kamen und Luc Besson, geradezu schon etwas Exotisches dar. Endlich kann man sich mal wieder entspannt mit dem befassen, was einen Film ausmacht.
Geheimagent Bryan Mills (Liam Neeson, 56) hat zwar unfreiwillig die Ehe dem Beruf geopfert, dann aber doch den Job an den Nagel gehängt, um in der Nähe seiner 17-jährigen Tochter Kim (Maggie Grace, 25) leben zu können. Eines Tages möchte Kim alleine mit ihrer 19-jährigen Freundin nach Paris fliegen. Das findet Bryan zu riskant, willigt auf Druck seiner Ex-Frau aber schließlich doch ein. Schon beim ersten Anruf von Kim aus Paris stellt sich heraus, dass seine schlimmsten Befürchtungen wahr geworden sind. Ganze 96 Stunden bleiben ihm, um seine Tochter zu retten...
Wer auf den Namen Luc Besson vertraut hat, wird nicht enttäuscht werden. Die Härte und Unmittelbarkeit erzeugen eine Atmosphäre, Spannung und Dramatik, die mit wenigen Ausnahmen den üblichen Technik- und Action-überladenen Computer-generierten Filmen inzwischen verloren gegangen ist.
Der Unterschied liegt einfach im Realismus. Zwar spielen sich die Kämpfe Bryans ebenfalls freundlich gesagt im Grenzbereich des Denkbaren ab, aber sie führen den Zuschauer doch unmittelbar in und durch das Geschehen - und darauf kommt es an. Man lernt einen besorgten Vater und seine Situation kennen. Man kann vielleicht zunächst seine Bedenken nicht ganz nachvollziehen. Dann aber versteht man seinen Zorn. Und wer das Leben kennt, weiß, dass in einer solchen Lage ein Vertrauen auf die Behörden nichts anderes wäre, als die Tochter hilflos ihrem Schicksal zu überlassen.
Man kann sich kaum eine geeignetere Besetzung für den gleichermaßen liebevollen wie entschlossenen Vater vorstellen als den Jedi-Ritter Qui-Gon Jinn, Liam Neeson - einen Schauspieler, der sich weit mehr durch Charakterrollen als durch Action hervorgetan hat, hier aber seine ungeheure Intensität und Bandbreite in die Wagschale werfen kann.
Es ist allgemein bekannt, dass sich - wie im Film - das organisierte Verbrechen überall auf der Welt durch bestochene Staatsdiener den Rücken freihält. Wer, wenn nicht die Betroffenen selbst, kann denn überhaupt noch helfen? Und die sollen dann - sarkastisch formuliert - eine Verfügung erwirken, bevor sie Kidnapper und Mörder befragen?
Wer dem Vater im Film, der in einer Grenzsituation versucht, seine Tochter zu retten, vorhält, er hätte auf Gewalt und Selbstjustiz verzichten müssen, verniedlicht damit letztlich den status quo: nämlich den überall, bekanntlich auch in allen großen deutschen Städten ja doch real existierenden Menschenhandel, allgegenwärtige Mafia-Organisationen, korrupte Verwaltungen oder Methoden wie das Willig-Spritzen von Opfern unter Inkaufnahme der Todesfolge. Jeder wünscht sich einen Rechtsstaat, der seinen Bürgern ein sicheres Leben ermöglicht. Aber die traurige Wirklichkeit sieht ja nun mal völlig anders aus.
Echt schade, dass es wohl nur in der Traumwelt des Films Menschen wie Bryan geben kann, die quasi im Alleingang mit der albaníschen Mafia aufräumen.
Im Original läuft der Film 93 Minuten, Format 2,35:1 auf Film und Video, HDTV 2K, DTS|DD (IMDB) - die Laufzeit auf der DVD beträgt entsprechend knapp 90 Minuten, das Format ist 2,4:1. Das FSK-Logo auf der Steelbox kann nicht entfernt werden.
Wie bei neueren, digital post-produzierten Filmen eigentlich zu erwarten sein sollte, lassen Bild und Ton im Rahmen des DVD-Mediums wenig Wünsche offen. Wo auf 35 mm Film gedreht worden war, bleibt - vor allem in dunklen Szenen - ein leichtes Korn sichtbar. Auf der Steelbook vom Juli 2009 stehen Tonspuren in Dolby Digital 5.1 und Untertitel in Italienisch, Englisch und Deutsch zur Verfügung.
Extras: "Making Of", "Die Filmpremiere in Frankreich", "Von der Produktion zum finalen Film".
"96 hours" dürfte einer der besten Action-Thriller sein, die man seit langem gesehen hat. Dem faszinierenden und ausdrucksstarken Spiel des Iren Liam Neeson gebührt großes Lob. Ihm verdankt der Film die emotionale Spannung, die zwischen seiner freundlichen, ruhigen Gelassenheit, seiner verzweifelten Liebe und der geradezu explodierenden Dynamik im Kampf steht - in perfekt "choreografierter" Action, die beeindruckender und härter kommt als all der Computermüll der letzten Jahre: weil sie "echt" ist.
Das Ganze ist nicht nur von Morel - auch an der Kamera - atemberaubend gefilmt, selbst die pochende Musik von Nathaniel Mechaly und der trockene, beinharte Sound erinnern in bester Manier an die starken Momente von Luc Bessons Filmen.
film-jury 5* A0813 1.2.2012eg Genre: Action | Krimi | Thriller
Luc Besson (* 18. März 1959 in Paris)
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1990 5*
Nikita1994 5*
Leon - Der Profi1997 -*
Das fünfte Element2004 -*
Die purpurnen Flüsse 2 - Die Engel der Apokalypse2005 -*
Transporter 1-3 - Triple-Feature [Blu-ray]
2006 5*
Chanson d'Amour (5 Sterne)
2008 5*
96 Hours [Blu-ray] (Buch und Produktion)
2009 -*
Staten Island New York - Es gibt kein perfektes VerbrechenWilliam John Neeson (* 7. Juni 1952 in Ballymena, Nordirland)
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1993 -* A0000 Schindlers Liste (AA)
....... R: Steven Spielberg (AA) D: Liam Neeson (aa), Ben Kingsley, Ralph Fiennes (aa)
1994 -* A0000 Nell
....... R: Michael Apted D: Jodie Foster, Liam Neeson, Natasha Richardson
1999 -* Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung
....... R: George Lucas D: Liam Neeson, Ewan McGregor, Natalie Portman
2008 5* A0813 96 Hours [Blu-ray]
....... R: Pierre Morel BP: Luc Besson D: Liam Neeson, Maggie Grace