Eine ganz eigene Sprache in der Beat-und-Bass-Linguistik – das neue Projekt Africa Hitech der Electronica-Legende Mark Pritchard. Bereits mit der Titeltrack bricht sich ein Sound-Bastard vielschichtiger Referenzen Bahn: Obwohl das Off-Beat-Gerüst gerade noch als verspielter Dubstep klassifiziert werden kann, und durch Übereinanderlegung von 2-Step-igen Grime-Elementen ein futuristisches Gesamtbild erzeugt, ist der Opener als Hommage an den Detroiter Techno zu interpretieren. Derart verästelnd daherkommend, ist spätestes beim Song "Future Moves" das Prinzip der Platte ausgebreitet. Pritchard, der mit seinen Projekten ohnehin zur Kontradiktion neigt, setzt hier zur überambitionierten Fusion an: Man nehme die Aggressivität von Drum & Bass, die perkussiven Akzente von Afrobeat, füge die Düsternis des rohen Dubsteps hinzu, überziehe diese Melange mit einer spacigen Beat-Plastik und fertig ist die Pritchard'sche Beat-und-Bass-Linguistik. Doch der Tausendsassa ist für die Entsendung dieser idiosynkratischen Sprache nicht alleine verantwortlich. Steve Spacek, Kompagnon des einstündigen Trips, ist ebenfalls nicht gerade durch Beat- und Bass-Aversionen aufgefallen. Seine Band Spacek und deren 2001er Debüt "Curvatia" gilt nicht nur als eines der meist unterschätzten Trip-Hop-Alben, sondern wies bereits zur Jahrhundertwende einen aufregenden Blick in die Zukunft des elektronisch-basierten Souls. Obschon sich das Gros ihrer Musik mit stolzer Brust in der Instrumental-Ecke aufhält, kommen immer wieder Vocoder-Verzerrungen zum Einsatz. Während zum Beispiel "Light The Way" mit einer immensen Loop-Akribie samt Vocal-Fetzen an progressiver Evolution arbeitet, wird bei "Gangslap" eine peitschende Snare-Überflutung – kontrastiert durch weltraum-artige Versatzstücke – in Perfektion vollführt. Man könnte auch sagen: Statt Kling-Klang gibt es bei Africa Hitech Boom-Boom. Der Verbindung beider musikalischer Welten mangelt es dabei sicherlich nicht an visionärer Kraft – alleine die Basswucht der elf Tracks powert eindeutig in der ersten Liga herum –, dennoch wartet der Langspieler mit einer Fülle an überforderndem Momenten auf. "93 Million Miles" bedarf sicherlich mehrerer Durchläufe, um die Schönheit dieser schmollenden Basslines zu erkennen. Die Freude am Experimentieren ist jeder noch so verfrickelten Melodie anzumerken, sie quillt aus jeder einzelnen Pore dieses Albums. Africa Hitech – so die Verlautbarung des Tradtions-Labels Warp Records – ist eine Ideologie, eine eklektische Diaspora elektronischer Stile. Dem bleibt nichts mehr hinzuzufügen.
Kurzbeschreibung
"93 Million Miles" ist ein unverblümt ambitioniertes Produkt internationaler Globetrotter, das Neuland erschließt im permanent wachsenden Gebiet der 'Bass Music'. Der Vorabtrack "Out In The Streets" mit dem Ini Kamoze-Sample wurde begeistert aufgenommen und fand Verwendung in "Wild Hundreds", einer Doku über Chicagos Untergrund-Juke-/Footwork-Tanzbewegung. Eine brillante Übung in internationaler Stilvermischung, verbindet er die Geister Jamaikas der 1980er mit der heutigen Jugendkulturbewegung des Juke-Stils. Neben weiteren Footwork-Dekonstruktionen enthält das Album Verbeugungen vor Chicago House & Detroit Techno, düstere Vocoder-Verfremdungen im Grime/Dancehall-Style und integriert mühelos noch Afrobeat, Dub & Deep-Jazz-Experimente. Nicht vielen Künstlern gelingt so eine grenzüberschreitende kulturelle Landnahme wie Mark Pritchard & Steve Spacek auf ihrem Africa HiTech Album, das ihre Liebe zu vorwärtsgewandter Musik repräsentiert, die weiss, dass die Wurzeln heutiger populärer Musik zum großen Teil in Afrika liegen.