Kurzbeschreibung
89 MILLIMETER beschreibt das Lebensgefühl sechs junger Menschen, die in einem jungen Land aufwachsen, das zerrissen scheint zwischen Stagnation, Protest und Aufbruch. 89 MILLIMETER, das ist auch der Unterschied der Spurweite der Eisenbahngleise zwischen Belarus/Weißrussland und seinen westlichen Nachbarn. Kein großer Abstand. Aber an der Grenze der neuen EU öffnet sich eine andere Welt, angeblich die letzte Diktatur Europas. Sebastian Heinzel, 25, ein junger Filmemacher aus Berlin, begibt sich auf die Spur der kleinen und großen Unterschiede in ein junges Land, das gleich hinter Polen beginnt und über das wir als Westeuropäer im Normalfall wenig wissen. Belarus ist das einzige europäische Land, in dem die Todesstrafe noch vollstreckt wird, hier befindet sich die so genannte letzte Diktatur Europas, regiert von Alexander Lukaschenko, seit er 1994 kurzerhand das Parlament entmachtete und die Präsidialrepublik ausrief. Sebastian Heinzel und sein russischstämmiger Kameramann nehmen den Zug nach Minsk, der Hauptstadt von Belarus. Sie wagen die Reise, um herauszufinden, wie frei die Menschen ihres Alters hier sind und begegnen Slava, einem politischen Flüchtling, Alexander und der Widerstandsbewegung Zubr (dt. Bison ), Pavel, einem Fassadenstreicher, der erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde, Olga, einer GoGo-Tänzerin, der perspektivlosen Journalistin Ludmilla und dem staatstreuen Soldaten Igor. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Porträt einer Generation junger Erwachsener, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versuchen, einen Weg für sich und ihre Zukunft zu finden. Aus den Begegnungen mit dieser Auswahl unterschiedlicher junger Menschen in Minsk ergibt sich ein Stimmungsbild aus spontanen Momentaufnahmen und tiefer gehenden Einblicken in den belarussischen Alltag.
Rezension
Was wissen wir über Belarus, das von Lukaschenko so patriarchalisch beherrscht wird? Wie fühlt sich Freiheit hier an? Sebastian Heinzel, selbst erst 25 Jahre, sucht Antworten bei sieben jungen Weißrussen seiner Generation, den 20-und 30Jährigen. So trifft er den Maler Pavel, der eben noch die Fassaden schönfärben soll, bevor der Präsident daran vorbeifährt. Freiheit bedeutet für ihn der freie Fall aus einem Flugzeug, mit dem Fallschirm auf dem Rücken. Da wird der Widerstandskämpfer Alexander beim Plakatemalen für seine Untergrundgruppe "Zubr" (Bison) begleitet. Sein Engagement, mit dem er sich in Lebensgefahr bringt, kontrastiert Heinzel mit Igor, einem staatstreuen Soldaten, der gar nicht weiß, was das ganze Gerede um Freiheit überhaupt soll. Heinzel und sein russisch sprechender Kameramann haben beeindruckende Protagonisten für ihr Porträt über Weißrußland gefunden. Der nüchtern dokumentarische Anspruch ist dabei einer Intimität gewichen, die man dem Episodenfilm anmerkt. Was die Befragten zu sagen haben, ist selten pathetisch und nie profan. Ihr Bild von Belarus zeichnen sie selbst. (Berliner Morgenpost, 17.11.2005)
Europa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Mit unvoreingenommenen Blick, bemerkenswerter Offenheit und Frische begibt sich das Team (zum Glück spricht zumindest der Kameramann russisch) auf eine Reise in die letzte Diktatur Europas: Weißrussland. Präsident Lukaschenko und sein Machtapparat sind omnipräsent. "89 Millimeter" konzentriert sich auf den Alltag junger Leute in diesem Land. Die vielen Protagonisten nehmen den Druck unterschiedlich wahr. Er lässt die Mittzwanziger in ihrer jeweiligen politischen und sozialen Situation zu Wort kommen. Es entwickelt sich ein Kaleidoskop aus Begegnungen, die sich zu einem spannenden Gesamtbild zusammenfügen. (Jury Dokumentarfilmfest Kassel ("Lobende Erwähnung"))
Die 89 Millimeter, die weißrussische Eisenbahngleise in der Spurbreite von denen des westlichen Europas unterscheiden, sind eine passende Metapher: Hier läuft tatsächlich alles ein wenig anders. Denn in Weißrussland regiert der autoritäre Präsident Alexander Lukaschenko; das Land ist dafür berüchtigt, dass oppositionelle Politiker und Journalisten spurlos verschwinden oder zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt werden. Sebastian Heinzels Dokumentation beschäftigt sich allerdings nur indirekt mit den Machenschaften des Diktators: "89 Millimeter" stellt sechs junge Leute, allesamt Anfang, Mitte zwanzig, mit recht unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben in den Mittelpunkt, wobei die Palette der Porträtierten vom Mitglied einer Widerstandsgruppe bis zum Soldaten reicht, der gar keine Diktatur erkennen kann. Der Freiheitsbegriff der jungen Leute ist letztlich so unterschiedlich wie sie selbst: Was dem einen die Meinungsfreiheit, ist dem anderen die Entenjagd. Heinzel blickt neugierig und interessiert auf das fremde Land und lässt dem Zuschauer stets Raum für seine eigenen Schlussfolgerungen. Ein spannender Film von jungen Leuten für junge Leute, die gern einmal über ihren Tellerrand hinausschauen. (Tip Stadtmagazin, 17.11.2005)