Mit "85555" vollzogen Spliff einen gravierenden Stilwechsel: Weg von dem Power-Rock ihrer Rock-Revue "Radio Show" und dem Einsatz von Gast-Vokalisten, hin zu einer Art innovativem Kunst-RockPop (dieser spezielle Spliff-Stil wurde fälschlicherweise als NDW deklariert - diese Fehleinschätzung hat den Jungs meiner Ansicht aber nicht geschadet...) mit deutschen Texten, der von den Jungs selbst gesungen wurde. 1981 waren die hier verwendeten Sampler und Synthesizer ebenso neu und "unerhört" wie die eingesetzten Simmons-Drums und Mannes geslappte Bässe. Hier verwirklichte sich (fast) Mittereggers Konzept von den vier Individualisten, die alle gleichberechtigt Songs in ihrer speziellen Handschrift abliefern (Ausnahme: Potsch Potschka tritt auf dieser Platte "nur" als Gitarrist in Erscheinung). So mauserte sich Manne Praeker zum Spezialisten für Liebesballaden ("Duett Komplett"), Reinhold Heil zum Experten für allerbeste deutsche Pop-Musik ("Carbonara", "Kill"), welche das Lebensgefühl der Jugendlichen damals bestens einfing, und Herwig Mitteregger zum Fachmann für sozialkritische, mithin politische Rock-Songs ("Déja Vu", "Jerusalem"). Spiel, klang- und produktionstechnisch war/ist diese Musik auf sehr hohem Niveau. Diese scheinbar "kalte" Virtuosität ist Spliff bisweilen zum Vorwurf gemacht worden. Aber man sollte nicht vergessen, unter welchen Umständen diese Musik entstanden ist: in einer (damals noch) geteilten Stadt Berlin - genauer gesagt: in Kreuzberg...