Als ich im September Kanyes erste, noch recht unbeholfene, aber sehr emotionale Performance von Love Lockdown, der ersten Single dieses Albums sah, dachte ich etwa: "Ach Du Scheiße! Was ist denn jetzt los?" Dann kamen verschiedene überarbeitete Versionen, die zum Teil in seinem Blog (www.kanyewest.com) veröffentlich wurden. Die Sache wurde ausgereifter. Schließlich wurde das tolle Video zu Heartless produziert und ich dachte: "Schon geil irgendwie. Aber warum bloß immer dieses Autotune?" Aber auch die Gerüchte über noch mehr Autotune und ein gesungenes Album wurden immer mehr. Mit anderen Worten: Als schließlich sein Album 808s & Heartbreak erschien, war man vorgewarnt. Ich weiß nicht, wie ansonsten mein erster Eindruck gewesen wäre.
Als ich es dann zum ersten Mal komplett hörte, dachte ich in der ersten Hälfte der Platte: "Geil!", in der zweiten Hälfte: "Mal sehen". Dabei wußte ich aber eigentlich schon, daß sie mich bereits überzeugt hatte. Als ich sie dann am Abend das zweite Mal hörte war ich verliebt.
Das Album ist dabei kaum noch HipHop. Und obwohl ich durchaus hoffe, daß sein nächstes Album wieder aus Raps besteht, finde ich es ungemein gelungen und rund. Ein Konzeptalbum, das man am besten immer komplett hört, damit es sich entfalten kann. Dabei ist es nachdenklich und sehr gefühlvoll. Kanye demonstriert halt seine aktuelle Stimmung.
Die Sache mit der durch Autotune verzerrten Stimme stört mich dabei plötzlich gar nicht mehr. Ich glaube, es liegt daran, daß hier einfach alles zusammenpaßt. Normalerweise würde mich dieser Stimmenverzerrer tierisch nerven (und hat dies im Vorfeld auch getan).
808s & Heartbreak beginnt sehr ruhig, steigert sich in der Mitte mit Paranoid und RoboCop und wird am Ende wieder ruhiger und melancholischer. Dabei flashen mich besonders ruhigere Stücke wie Welcome to Heartbreak oder Amazing, aber auch Coldest Winter, in welchem Kanye den Tod seiner Mutter verarbeitet (R.I.P.). Das plötzliche Auftauchen der rauhen Stimme von Young Jeezy am Ende von Amazing bildet einen starken Kontrast innerhalb dieses "weichen" Albums, der aber paßt.
Das Album ist durchzogen von Herzschmerz und viel Gefühl. Kein Partyalbum (obwohl das elektrohafte Stück Paranoid durchaus nach vorne geht und "tanzbar" ist), sondern eher zum zurücklehnen und genießen. Kanye vermittelt seine Gefühle dabei auf eine sehr authentische Art und Weise, die bei allem Pathos nicht nervt. Wenn man seine Interviews und Kommentare in letzter Zeit verfolgt hat, ist so ein Album eigentlich nur konsequent. Dabei äußert er aber auch schon mal den Wunsch, daß demnächst alle Leute "Okay, Okaaay..." singen, den in diesem Fall eher fröhlichen Refrain von RoboCop. So verbindet er Melancholie und Lebensfreude.
Einige Fans werfen Kanye vor, sich mit diesem Stil zu verkaufen. Ich sehe es genau umgekehrt. Dieses im wahrsten Sinne des Wortes eigenartige Album birgt ja gerade das "Risiko", nicht im Mainstream anzukommen und sich schlechter zu verkaufen. Kanye scheint das egal zu sein. Er zieht mutig sein Ding durch und verkauft sich damit eben gerade nicht (sofern man dies bei einem Popstar seines Kalibers überhaupt sagen kann!).
Ich finde Kanye West hat mit 808s & Heartbreak eine Scheibe abgeliefert, die ihresgleichen sucht, sich schwer mit anderen Alben vergleichen läßt und letztendlich ganz stark geworden ist. Wer HipHop im "klassischen" Sinne (also Rap) erwartet könnte enttäuscht werden. Wer sich keinen Dogmen hingibt und auf dieses Album einläßt hat große Chancen begeistert zu sein.
Much Respect!