Zwischen den Erwartungshaltungen, die wir zu haben gewohnt sind, schafft es der Radikalist Iglesia immer wieder, Winkel zu finden, in welchen sich filmisches Neuland erschliessen läßt. So wie Rodriguez sich mit "Spy Kids" einen alten Kindertraum erfüllt zu haben scheint (kommerziell sind diese "Familien"-Streifen sicher nicht relevant), so hat sich hier (der durch extreme Gewaltfilme bekannte Spanier) Iglesia einen Kindertraum erfüllt. Entgegen den Erwartungen, die Cover und Beschreibung wecken, sind die Sehnsüchte eines Jungen Thema, der über seinen verstorbenen Vater stets nur nebülöse Gerüchte kannte und der der bürgerlichen Kleinlichkeit entflieht, um seine Wurzeln beim verrufenen Großvater zu suchen. Gewalt und Geschmacklosigkeiten, wie sie des Regisseurs Markenzeichen geworden sind, beherrschen das Geschehen weit weniger als die psychologischen Entwicklungen der Hauptfiguren. Die Phantasie eines Kindes trifft auf eine Welt, in der Freiheit und Abenteuer herrschen sollen, statt Rücksicht und Sicherheit. Diese Welt ist im Untergehen, die Fassade bröckelt - nicht nur seelisch. Der Enkel gerät in den Zauber einer vergangenen Zeit, lernt, woher er kommt und was ihm gefehlt hat, als er aus dem modernen Einerlei seines Zuhauses aufgemacht hat zur Suche nach "seinen Vätern". Der gefundene Großvater ist ein alter Schwerenöter, dessen Geschichten stets erschwindelt scheinen. Der Alte verdrängt die Gegenwart und Zukunft mit Alkohol und Machismo - in seiner untegehenden Westernstadt unter anderen Verlierern ein König zu sein, ist allemal besser, als sich der Wirklichkeit zu stellen, in der er nie mehr sein wird, als ein Säufer und Schwätzer. Ein ewiges Kind, ein nie reifgewordener Mann, der in einem letzten Akt der Rebellion seine Wirklichkeit der hereinbrechenden Realität (in Gestalt von Immobilienspekulanten, die seine Stadt zu einem Hotelparadies für Spiesser machen wollen) mit kindlich-trotziger Verweigerung entgegensetzt. In einem heroischen Akt sucht er sein Ende gemäß seiner Werte von Ehre und Tapferkeit selbst herbeizuführen. Alex de la Iglesia hatte immer eine große Schwäche für diejenigen, die mit der modernen Welt nicht mitkommen können oder wollen, die sich der Verflachung verweigern zum Schutze ihrer Seele. Wenn auch die harte Gewalt in diesem Film zugunsten liebevoller Zeichnung der Verliererpsychologie zurücktritt, provoziert Iglesia dennoch mit einigen Szenen orgiastischer Ausgelassenheit - einer "frohen Botschaft" der anderen Art: das Leben heute zu leben und sich nicht fremdbestimmen zu lassen in diesem einen Leben, das wir haben. Die Angepassten sind in Iglesias Welt das Übel, der Krebs, der alles Unbedingte und Freie auffrisst. Verträgliche Anarchie mit Augenzwinkern.