Der große Mozart Exeget Karl Böhm spielte in den 60er Jahren einen Schubert Zyklus ein, der damals beinahe noch eine Pioniertat war. Böhms schicksalsschwere, nie unbekümmerte Art zu dirigieren, wird allerdings nicht jeder Sinfonie gerecht.
So zum Beispiel den Sinfonien Nr. 3 und 5. Diese fröhlichen, unbeschwerten Stücke gedeihen unter Böhms Federführung beinahe zu pathetischen Werken spätromantischen Ausmaßes. Der Dirigent lässt das Orchester spielen, als sei der Komponist dieser Sinfonien ein altersweiser Mann gewesen.
Ganz anders dagegen die Einspielung der ersten Sinfonie: Hier spielt das Orchester frisch, munter und heiter. Die weitgehend unspektakuläre sechste Sinfonie gebart sich unter Böhms Dirigat als durchaus hörenswertes Frühwerk Schuberts. Die zweite Sinfonie wird grundsolide, aber nicht mitreißend interpretiert.
Besonders gefallen hat mir die Aufnahme der "tragischen" vierten Sinfonie. Das einleitende Adagio zeigt sich in seiner vollen Bandbreite an Furcht, Trauer und Schrecken. Auch das weniger gelungene Allegro des ersten Satzes wird auf Hochglanz poliert.
Die "Unvollendete" hat mich dagegen weniger überzeugt. Böhm verschleppt den ersten Satz, weil er teils zwischen den starken Akzentuierungen zu lange Pausen setzt. Das Andante des zweiten Satzes ist zwar nicht schlecht, aber nie und nimmer kann diese Einspielung mit der gewaltigen Kleiber Einspielung mithalten.
Die "große" C Dur Sinfonie ist aber ohne Frage das Highlight dieser Gesamtaufnahme. Böhm zögert die Verschleierung der Tonart im einleitenden Andante weit hinaus, so dass der Spannungsbogen möglichst weit gesteigert wird. Besonders erlesen ist der zweite Satz interpretiert, hoch dramatisch, aber dennoch subtil.
Die Berliner Philharmoniker spielen tadellos, der Klang ist einwandfrei vor allem angesichts des Alters der Aufnahmen.
Fazit: Referenzstatus erlangt für mich die Einspielung der Sinfonien Nr. 1, 4, 6 und "9"; für solide halte ich die Aufnahme der Sinfonie Nr. 2; weniger gelungen sind die Nr. 3, 5 und "8". Insgesamt eine sehr hörbare Alternative zu Blomstedt, Kleiber und Mackerras, sehr transparent und technisch einwandfrei.