Wenn wir gehen, laufen, springen, den Arm heben, jemandem zuwinken, den Kopf drehen oder auch nur stehen, sind das ganz selbstverständliche Dinge, über die sich ein gesunder Mensch keine Gedanken macht. Doch hinter den Bewegungen, die wir Tag für Tag ungezählte Male verrichten, steckt ein ausgefeiltes System aus Knochen, Gelenken, Muskeln, Bändern und Sehnen in Zusammenarbeit mit unserem Gehirn. So sind zum Beispiel bei einem einzigen Schritt nach vorn 75 Manöver beteiligt.
Aber wie fühlen sich Menschen, die eine neuronale Schädigung erlitten haben, denen diese Selbstverständlichkeiten nicht mehr natürlich sind? Für den dreißigjährigen Protagonist von "8 1/2 Millionen", dem Debütroman von Tom McCarthy, für den der 1969 geborene britische Schriftsteller und Künstler 2008 den "Believer Book Award" erhielt, sind solche Bewegungsabläufe alles andere als normal. Nach einem Unfall - "Etwas fiel vom Himmel, damit hatte es zu tun. Technologie. Teile, Bruchstücke." - muss der namenlose Ich-Erzähler
in einer Therapie diese für einen gesunden Menschen völlig unspektakulären Handlungsabläufe in mühsamer Arbeit neu erlernen.
McCarthys Protagonist gelingt zwar die Rekonvaleszenz, aber fortan muss er über jede Bewegung, die er macht, nachdenken. "Kein Tun ohne Verstehen, das war die Hinterlassenschaft des Unfalls - eine immerwährende Umleitung." Da helfen auch die titelgebenden 8,5 Millionen Pfund Entschädigung nicht, die sein Anwalt für ihn bei der gegnerischen Partei herausschlägt. Denn diese "Umleitungen", diese gedanklich vergegenwärtigten Handlungen empfindet der traumatisierte Londoner als unecht, unnatürlich, nicht authentisch, als bloße Duplikate. Sie sind für ihn nur noch "second hand". Das Gefühl unmittelbarer Echtheit stellt sich für ihn im Alltag nicht ein. Bis er - ausgelöst durch einen Riss in der Wand des Badezimmers eines Bekannten - ein Déjà-vu-Erlebnis erfährt. Er erinnert sich an den gefühlten authentischsten Moment seines Lebens. Vor seinem inneren Auge taucht bruchstückhaft ein Mietshaus auf, mit eben diesem Riss in der Wand. Visuelle, akustische und olfaktorische Erinnerungen durchströmen seinen Geist und erzeugen ein wohliges Kribbeln in seinem Körper.
Mit Hilfe seiner immensen Abfindung beginnt er die Realität nach seinen Vorstellungen zu gestalten: zuerst die monströse Rekonstruktion des Gebäudes, "damit ich wieder das Gefühl haben konnte, echt zu sein, wirklich.", dann die sequenzielle und fortwährende Nachstellung bestimmter Handlungen, die er je nach Gusto verlangsamen, verändern, anhalten oder wiederholen lässt, um die richtige Bewegung zu verinnerlichen. Aber zunehmend verlagert er diese Wiederherstellung seiner Authentizität ins reelle Leben, wo sie immer abstrusere, schizophrenere, ja morbidere Formen annimmt und letztendlich zu einer ans Wahnhafte grenzenden Obsession wird.
McCarthys Duktus, der sensibel von Astrid Sommer ins Deutsche übertragen wurde, zeichnet sich durch eine unfassliche Präzision und Kälte aus, offenbart aber alles andere als ein langweiliges Romankonstrukt. Trotz der minutiösen Beschreibung und Analyse der surrealen Ideenumsetzung des neurotischen Kontrollfreaks, gelingt ihm ein unglaublich fesselndes, aberwitziges, aber gleichzeitig auch philosophisch durchwobenes Buch, das die Fragen der menschlichen Identität aufgreift und hinterfragt. Es geht um Zufriedenheit und Entfremdung, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des menschlichen Daseins, um Schönheit und Gewalt, um Erinnerung und Bewusstsein und nicht zuletzt um Rezeption und Produktion von Kunst und Künstlichkeit selbst. Vielleicht ist unser Leben gar nur eine Simulation?
Fazit:
In "8 1/2 Millionen", seinem Erstling, lässt der britische Autor Tom McCarthy seinen durch einen Unfall traumatisierten Ich-Erzähler auf die Suche nach der verlorenen Authentizität gehen, die sich zu einer zunehmenden Epiphanie - einer Erscheinung oder Selbstoffenbarung einer Gottheit vor den Menschen - ausweitet. Ein großartiges, ein unbedingt lesenswertes Buch!