Pressestimmen
"Eindrucksvoll beschreibt Parrado den Kampf ums Überleben zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Das Buch dokumentiert eine grausige Zeit. Aber es geht auch im Liebe und Freundschaft und um die Frage, was wichtig ist im Leben." (Straubinger Tagblatt )
"Das Drama der Überlebenden des Flugzeugabsturzes fasziniert und schockt seit über 30 Jahren. Jetzt erzählt der Held der Geschichte, wie es wirklich war." (NZZ am Sonntag )
Kurzbeschreibung
Am 12. Oktober 1972 besteigt Nando Parrado gemeinsam mit Freunden eine Maschine nach Santiago de Chile. Doch sie werden ihr Ziel nie erreichen, denn das Flugzeug stürzt fern jeglicher Zivilisation über den argentinischen Anden ab. Nando Parrado gehört zu den wenigen Überlebenden, aber er muss bald wie alle anderen begreifen, dass sie kaum eine Chance haben inmitten von Schnee und Eis. Bis Nando Parrado den kühnen Entschluss fasst, Hilfe zu holen. Zusammen mit einem Freund macht er sich auf den Weg durch das ewige Eis der Andengipfel …
Klappentext
Jon Krakauer, Autor des Bestsellers "In eisige Höhen"
"Eindrucksvoll beschreibt Parrado den Kampf ums Überleben zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Das Buch dokumentiert eine grausige Zeit. Aber es geht auch im Liebe und Freundschaft und um die Frage, was wichtig ist im Leben."
Straubinger Tagblatt
"Das Drama der Überlebenden des Flugzeugabsturzes fasziniert und schockt seit über 30 Jahren. Jetzt erzählt der Held der Geschichte, wie es wirklich war."
NZZ am Sonntag
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Freundschaften sind heute so wichtig wie nie zuvor. Nicht wie manche meinen, weil wir gute Kontakte brauchen, um noch effizienter zu sein. Wir entdecken Freundschaft neu, weil die Bindungen zu unseren Lebenspartnern und Familien immer öfter zerbrechen. Der Bruch ist zur Normalität geworden. Aber er hat eine große Lücke hinterlassen - und eine neue Sehnsucht geweckt. Nach dem Ende der alten Beziehungen wollen wir eine neue Verbindlichkeit schaffen. Nichts eignet sich dafür besser als Freundschaft - aber nur, wenn wir sie neu bestimmen.
In diesem Buch geht es um eine neue Freundschaft. Freundschaft im 21. Jahrhundert - das ist Freundschaft unter Menschen einer neuen Generation. Ich bin einer davon: eigenwillig und anspruchsvoll, empfindsam und kritisch, Typen, denen man es eigentlich nie recht machen kann, vor allem wenn es um die Beziehungen zu ihren Nächsten geht. Aber wir fordern nicht nur, wir sind auch bereit, in unsere Freundschaften zu investieren, heute viel mehr noch als früher einmal.
Was andere unbescheiden oder charakterlich bedenklich nennen, rechne ich uns nur allzuhoch an: Denn dieses Buch ist von der Überzeugung getragen, daß wir nicht dazu geboren sind, uns im Leben mit Kompromissen abspeisen zu lassen - nicht wenn es um Beziehungen zu Menschen geht, denen wir uns verbunden fühlen. Mag sein, daß der heilige Kompromiß in anderen Lebensbereichen manchmal tatsächlich der goldene Mittelweg ist. In den Beziehungen zu unseren Lebenspartnern und Freunden ist er durchweg nur faul und billig. »Man muß sich eben mit der Welt und ihren Menschen arrangieren.« Ein grauenvoller Satz, meist nur aus den Mündern von Frustrierten - oder den Behäbigen und Bequemen. Arrangieren tut man sich nur mit Zellengenossen und allerlei Mißständen, die man für sich irgendwann als unabänderlich akzeptiert hat, am Ende mit der eigenen Resignation. Sich mit dem Leben nur zu arrangieren - dazu sollten wir uns zu schade sein. Das Leben ist zu kurz, um sich mit Kompromissen abzugeben. Wir wollen wahre Freunde!
Auf diesen Seiten geht es darum, wie wir es schaffen, unsere Freunde durch das Auf und Ab einer Freundschaft zu bewahren und die Beziehungen zu ihnen verbindlicher zu gestalten, indem wir unsere Wünsche und Erwartungen aussprechen und verwirklichen, aber genauso die Schwachpunkte ausloten und die Gefährdungen umschiffen, von denen auf Dauer keine Freundschaft verschont bleibt. Mir geht es nicht um die Beschreibung eines unerreichbaren Ideals, sondern darum, wie es gelingt, die bestehenden Beziehungen zu unseren Freunden auf eine neue bewußtere, befriedigendere Ebene zu stellen.
Aber sind wir hybriden Individualisten überhaupt zur Freundschaft fähig? Braucht es dazu nicht viel pflegeleichtere Typen? Wenn diese neue Freundschaft eine so anspruchsvolle Angelegenheit ist, muß man dann nicht befürchten, daß wir zum Scheitern verurteilt sind? Sollte man sie nicht gleich als Schwärmerei, Hirngespinst, als eine überdrehte Utopie abtun? Ist es mit der Freundschaft nicht weit profaner, weil wir Menschen keine Engel sind - und bleibt am Ende nur, wer auf so hohe Ideale setzt, ein einsamer Mensch? Ein Freund hat mit gesagt: »Mit deiner Haltung stellst du dich selbst ins soziale Abseits, eine solche 5-Sterne-Freundschaft gibt es doch gar nicht.«
Ich bin anderer Meinung: Das Ideal paßt zum Menschentyp dieser Zeit. Ein anspruchsvolles Ideal zu verfolgen heißt auch nicht automatisch, einsam zurückzubleiben. Ganz im Gegenteil. Einsam sind wir doch längst. Erst wenn wir es schaffen, eine neue Form von Freundschaft zu realisieren, in der wir auch in unserer ganzen Persönlichkeit anerkannt und geschätzt werden, werden wir die Verbundenheit schaffen, die uns aus der Isolation herausführt. Denn von unseren Freundschaften wollen wir nicht länger nur ein wenig Zerstreuung und Kurzweil, sondern viel mehr, was man eine tiefgehende Beziehung nennt.
Freunde der schweigenden Zunft oder diejenigen, die Gefühlsdinge für prinzipiell nicht mitteilbar halten, werden mit diesen Zeilen nichts anfangen können. Auch jene nicht, die sich vor Konflikten lieber wegducken und denen der Weg des geringsten Widerstands der angenehmste ist. Das Buch ist vielmehr für alle geschrieben, die willens sind, sich und ihre Freundschaftsbeziehungen zu reflektieren und in Frage zu stellen. Es richtet sich an jene, denen es nicht genug ist, Freundschaft unter Schenkel- und Sprücheklopfern zu suchen oder unter denen, die den Leiterwagen mit zwei Kästen Bier beim Vatertagsausflug hinter sich her ziehen und sich allein schon deshalb unter besten Freunden wähnen. Es richtet sich an die, die Lust auf wirklich erfüllende Beziehungen haben - aber ganz gewiß nicht an die, die die eigene Bindungsunfähigkeit hinter einem ewig verklemmten Bildungsdünkel verbergen, Ehrentölpel und Tugendgänse, die mit erhobenem Zeigefinger von der »hehren Freundschaft« ä la Goethe psalmodieren, jedoch in ihrer eigenen Lebenspraxis keine einzige verbindliche Sozialbeziehung zustande bekommen.
Es kommt im Leben nicht alles auf die Freundschaft an. Trotzdem, sie ist nicht wenig. Wer wahre Freunde hat, kann sich glücklich schätzen, denn sie machen das Leben schöner und reicher. Viel schöner und reicher als jeder Erfolg in Beruf und Karriere. Warum machen wir dann
nicht ernst damit? Warum findet sie so oft nur am Rande statt - und so selten zur prime time unserer Lebenszeit? Warum fassen wir unser ganzes Leben nicht mehr als eine Art Spiel auf, das wir alle zusammen absolvieren müssen, jeder auf seine Art, jeder mit seinem Glück unterwegs und seinem Päckchen beladen, warum sehen wir nicht in den Freunden Menschen an unserer Seite, die den gleichen eng gesteckten Parcours des Lebens durchlaufen müssen, ganz so wie wir selbst, und warum teilen wir nicht mehr unserer Empfindungen und Erlebnisse - und werden reich daran?
Es braucht dazu nicht nur den einen Freund, auf den wir ein Leben lang warten und ihn womöglich verpassen. Es braucht zuerst einmal den Willen und den Mut, Freundschaften zu schließen und dazu die richtige Steuerkunst, um das Schiff der Freundschaft sicher durch die unruhigen Wasser eines ganzen Lebens zu lenken. Es braucht dazu, mehr denn je, eine Kunst der Freundschaft. Wer sie beherrscht, dem winkt ein schöner Preis. Wer wahre Freunde hat, hat mehr vom Leben.
Martin Hecht
Einleitung - Netzwerk statt Fachwerk
Beziehungsbruch ist die soziale Grunderfahrung unserer Zeit. Zuerst zerbrach, was man die traditionellen Sozialbeziehungen nennt: Familie und Ehe, Großfamilie und Gemeinde. Doch längst geht der Riß tiefer und hat auch die freien Wahlbeziehungen zu unseren Liebes- und Lebenspartnern erfaßt. Wir haben uns daran gewöhnt, ein unvorhersehbares Leben zu führen und immer wieder neu anzufangen.
Das ist kein Zeichen einer neuen Übermütigkeit. Nicht aus Jux und Tollerei sind wir alle plötzlich Beziehungshasardeure und Bruchpiloten geworden, verantwortungslose Egoisten und beziehungsunfähige Lüstlinge im Trümmerfeld der Erlebnisgesellschaft. Wenn heute mehr und mehr Beziehungen brüchig werden oder bereits zerbrochen sind, dann nicht, weil wir nicht mehr den nötigen Ernst mobilisieren könnten, den sie erfordern. Vielmehr hat der Bruch den Schrecken verloren, der ihn einst umgab - und wir selbst sind mutiger geworden.
Die meisten Ursachen dafür liegen außerhalb unserer Zuständigkeit: Der äußere, soziale Druck, der die Menschen in alter Zeit noch in die alten Beziehungen hineinpreßte und verhinderte, daß einer ausscherte, hat deutlich nachgelassen. Gleichzeitig haben aber der Wille und das Selbstbewußtsein erheblich zugenommen, Beziehungen auch aufzugeben, wenn sie die eigene Lebensqualität so sehr beeinträchtigen, daß alles nach einer Alternative schreit. Beides sind Wirkungen weltgestaltender Entwicklungen: des Erlahmens der Tradition und ihrer disziplinierenden Kraft auf die Menschen und der...
Auszug aus 72 Tage in der Hölle: Wie ich den Absturz in den Anden überlebte von Nando Parrado, Vince Rause, Sebastian Vogel. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Freundschaften sind heute so wichtig wie nie zuvor. Nicht wie manche meinen, weil wir gute Kontakte brauchen, um noch effizienter zu sein. Wir entdecken Freundschaft neu, weil die Bindungen zu unseren Lebenspartnern und Familien immer öfter zerbrechen. Der Bruch ist zur Normalität geworden. Aber er hat eine große Lücke hinterlassen - und eine neue Sehnsucht geweckt. Nach dem Ende der alten Beziehungen wollen wir eine neue Verbindlichkeit schaffen. Nichts eignet sich dafür besser als Freundschaft - aber nur, wenn wir sie neu bestimmen.
In diesem Buch geht es um eine neue Freundschaft. Freundschaft im 21. Jahrhundert - das ist Freundschaft unter Menschen einer neuen Generation. Ich bin einer davon: eigenwillig und anspruchsvoll, empfindsam und kritisch, Typen, denen man es eigentlich nie recht machen kann, vor allem wenn es um die Beziehungen zu ihren Nächsten geht. Aber wir fordern nicht nur, wir sind auch bereit, in unsere Freundschaften zu investieren, heute viel mehr noch als früher einmal.
Was andere unbescheiden oder charakterlich bedenklich nennen, rechne ich uns nur allzuhoch an: Denn dieses Buch ist von der Überzeugung getragen, daß wir nicht dazu geboren sind, uns im Leben mit Kompromissen abspeisen zu lassen - nicht wenn es um Beziehungen zu Menschen geht, denen wir uns verbunden fühlen. Mag sein, daß der heilige Kompromiß in anderen Lebensbereichen manchmal tatsächlich der goldene Mittelweg ist. In den Beziehungen zu unseren Lebenspartnern und Freunden ist er durchweg nur faul und billig. »Man muß sich eben mit der Welt und ihren Menschen arrangieren.« Ein grauenvoller Satz, meist nur aus den Mündern von Frustrierten - oder den Behäbigen und Bequemen. Arrangieren tut man sich nur mit Zellengenossen und allerlei Mißständen, die man für sich irgendwann als unabänderlich akzeptiert hat, am Ende mit der eigenen Resignation. Sich mit dem Leben nur zu arrangieren - dazu sollten wir uns zu schade sein. Das Leben ist zu kurz, um sich mit Kompromissen abzugeben. Wir wollen wahre Freunde!
Auf diesen Seiten geht es darum, wie wir es schaffen, unsere Freunde durch das Auf und Ab einer Freundschaft zu bewahren und die Beziehungen zu ihnen verbindlicher zu gestalten, indem wir unsere Wünsche und Erwartungen aussprechen und verwirklichen, aber genauso die Schwachpunkte ausloten und die Gefährdungen umschiffen, von denen auf Dauer keine Freundschaft verschont bleibt. Mir geht es nicht um die Beschreibung eines unerreichbaren Ideals, sondern darum, wie es gelingt, die bestehenden Beziehungen zu unseren Freunden auf eine neue bewußtere, befriedigendere Ebene zu stellen.
Aber sind wir hybriden Individualisten überhaupt zur Freundschaft fähig? Braucht es dazu nicht viel pflegeleichtere Typen? Wenn diese neue Freundschaft eine so anspruchsvolle Angelegenheit ist, muß man dann nicht befürchten, daß wir zum Scheitern verurteilt sind? Sollte man sie nicht gleich als Schwärmerei, Hirngespinst, als eine überdrehte Utopie abtun? Ist es mit der Freundschaft nicht weit profaner, weil wir Menschen keine Engel sind - und bleibt am Ende nur, wer auf so hohe Ideale setzt, ein einsamer Mensch? Ein Freund hat mit gesagt: »Mit deiner Haltung stellst du dich selbst ins soziale Abseits, eine solche 5-Sterne-Freundschaft gibt es doch gar nicht.«
Ich bin anderer Meinung: Das Ideal paßt zum Menschentyp dieser Zeit. Ein anspruchsvolles Ideal zu verfolgen heißt auch nicht automatisch, einsam zurückzubleiben. Ganz im Gegenteil. Einsam sind wir doch längst. Erst wenn wir es schaffen, eine neue Form von Freundschaft zu realisieren, in der wir auch in unserer ganzen Persönlichkeit anerkannt und geschätzt werden, werden wir die Verbundenheit schaffen, die uns aus der Isolation herausführt. Denn von unseren Freundschaften wollen wir nicht länger nur ein wenig Zerstreuung und Kurzweil, sondern viel mehr, was man eine tiefgehende Beziehung nennt.
Freunde der schweigenden Zunft oder diejenigen, die Gefühlsdinge für prinzipiell nicht mitteilbar halten, werden mit diesen Zeilen nichts anfangen können. Auch jene nicht, die sich vor Konflikten lieber wegducken und denen der Weg des geringsten Widerstands der angenehmste ist. Das Buch ist vielmehr für alle geschrieben, die willens sind, sich und ihre Freundschaftsbeziehungen zu reflektieren und in Frage zu stellen. Es richtet sich an jene, denen es nicht genug ist, Freundschaft unter Schenkel- und Sprücheklopfern zu suchen oder unter denen, die den Leiterwagen mit zwei Kästen Bier beim Vatertagsausflug hinter sich her ziehen und sich allein schon deshalb unter besten Freunden wähnen. Es richtet sich an die, die Lust auf wirklich erfüllende Beziehungen haben - aber ganz gewiß nicht an die, die die eigene Bindungsunfähigkeit hinter einem ewig verklemmten Bildungsdünkel verbergen, Ehrentölpel und Tugendgänse, die mit erhobenem Zeigefinger von der »hehren Freundschaft« ä la Goethe psalmodieren, jedoch in ihrer eigenen Lebenspraxis keine einzige verbindliche Sozialbeziehung zustande bekommen.
Es kommt im Leben nicht alles auf die Freundschaft an. Trotzdem, sie ist nicht wenig. Wer wahre Freunde hat, kann sich glücklich schätzen, denn sie machen das Leben schöner und reicher. Viel schöner und reicher als jeder Erfolg in Beruf und Karriere. Warum machen wir dann
nicht ernst damit? Warum findet sie so oft nur am Rande statt - und so selten zur prime time unserer Lebenszeit? Warum fassen wir unser ganzes Leben nicht mehr als eine Art Spiel auf, das wir alle zusammen absolvieren müssen, jeder auf seine Art, jeder mit seinem Glück unterwegs und seinem Päckchen beladen, warum sehen wir nicht in den Freunden Menschen an unserer Seite, die den gleichen eng gesteckten Parcours des Lebens durchlaufen müssen, ganz so wie wir selbst, und warum teilen wir nicht mehr unserer Empfindungen und Erlebnisse - und werden reich daran?
Es braucht dazu nicht nur den einen Freund, auf den wir ein Leben lang warten und ihn womöglich verpassen. Es braucht zuerst einmal den Willen und den Mut, Freundschaften zu schließen und dazu die richtige Steuerkunst, um das Schiff der Freundschaft sicher durch die unruhigen Wasser eines ganzen Lebens zu lenken. Es braucht dazu, mehr denn je, eine Kunst der Freundschaft. Wer sie beherrscht, dem winkt ein schöner Preis. Wer wahre Freunde hat, hat mehr vom Leben.
Martin Hecht
Einleitung - Netzwerk statt Fachwerk
Beziehungsbruch ist die soziale Grunderfahrung unserer Zeit. Zuerst zerbrach, was man die traditionellen Sozialbeziehungen nennt: Familie und Ehe, Großfamilie und Gemeinde. Doch längst geht der Riß tiefer und hat auch die freien Wahlbeziehungen zu unseren Liebes- und Lebenspartnern erfaßt. Wir haben uns daran gewöhnt, ein unvorhersehbares Leben zu führen und immer wieder neu anzufangen.
Das ist kein Zeichen einer neuen Übermütigkeit. Nicht aus Jux und Tollerei sind wir alle plötzlich Beziehungshasardeure und Bruchpiloten geworden, verantwortungslose Egoisten und beziehungsunfähige Lüstlinge im Trümmerfeld der Erlebnisgesellschaft. Wenn heute mehr und mehr Beziehungen brüchig werden oder bereits zerbrochen sind, dann nicht, weil wir nicht mehr den nötigen Ernst mobilisieren könnten, den sie erfordern. Vielmehr hat der Bruch den Schrecken verloren, der ihn einst umgab - und wir selbst sind mutiger geworden.
Die meisten Ursachen dafür liegen außerhalb unserer Zuständigkeit: Der äußere, soziale Druck, der die Menschen in alter Zeit noch in die alten Beziehungen hineinpreßte und verhinderte, daß einer ausscherte, hat deutlich nachgelassen. Gleichzeitig haben aber der Wille und das Selbstbewußtsein erheblich zugenommen, Beziehungen auch aufzugeben, wenn sie die eigene Lebensqualität so sehr beeinträchtigen, daß alles nach einer Alternative schreit. Beides sind Wirkungen weltgestaltender Entwicklungen: des Erlahmens der Tradition und ihrer disziplinierenden Kraft auf die Menschen und der Individualisierung der einzelnen, die bald allein der eigenen Person die
Gestaltung der Sozialbeziehungen überträgt. Wo zuvor noch Traditionen, Konventionen, Gepflogenheiten fast alles festlegten, ist es jetzt der befreite Mensch selbst, der seine Beziehungen autonom gestaltet.
Es ist der Individualismus als große Kraft unserer Epoche, der uns dazu führt, Beziehungen, die wir früher nur äußerst selten in Frage gestellt hätten, auf ihre wahren Vorzüge zu prüfen - und gegebenenfalls auch einen Schlußstrich zu ziehen. Die Zeit unverbrüchlicher Gemeinschaftsformen, deren umfangreichste man einmal die »Heimat« nannte, ist zu Ende. In ihr gab es noch einen äußerst haltbaren Kitt, der die Menschen zuverlässig in ihren Sozialbindungen hielt: die Tradition und, ihr zugrunde liegend, die Religion. So unabänderlich sie waren, so unkündbar war die Zugehörigkeit zu den alten Beziehungsformen wie Gemeinde, Stand, Sippe, Großfamilie, Familie, Ehe. Weil sie für das ganze Leben geschaffen waren, waren sie gleichsam Institutionen - mit ewiger, von Gott gegebener Gültigkeit. Jahrtausendelang waren diese starren Institutionen stärker als der eigene Wille. Doch wir haben uns aus den alten Zwängen befreit und folgen nun dem eigenen Willen. Großtante Agathe und Großonkel Wilhelm konnten noch nicht anders, wir dagegen schon.
Was man Individualisierung nennt, ist selbst schon in die Jahre gekommen. Die Gesellschaft in ihrer Breite von Grund auf verändert hat sie aber erst seit ungefähr dreißig, vierzig Jahren. Erst in den letzten Jahrzehnten sind tatsächlich die letzten übriggebliebenen Institutionen zerbrochen. Wir alle sind Zeugen ihres Verschwindens und haben meist nur noch schwache Erinnerungen an die letzten Regungen dieser Zeit. Bei manchen dürfte es in der Kindheit und Jugend noch Reste dieser Lebensform gegeben haben, ein geregeltes Familienleben, festgefügte Institutionen von Heimat. Zum Beispiel Mütter, die sich noch klaglos in ihr Rollenlos fügten, die Küchenschürze anlegten, Hausfrau waren und für zwei, meist aber drei oder vier Kinder die Mahlzeiten bereiteten. Dazu Väter, die vom Büro und vom Büroärger zum Mittagessen nach Hause kamen und stets am oberen Tischende Platz nahmen. Auch wenn vielen Kindern nicht verborgen blieb, daß in manchen dieser Elternbeziehungen nicht gerade die wahre Liebe das tragende Element des partnerschaftlichen Zusammenschlusses war - die Institutionen waren noch mächtiger als der freie individuelle Wille und schafften eine gewisse Heimatlichkeit. Dazu gehörten Kirchgänge, Reste eines kirchlich strukturierten Jahreslaufs mit seinen Festen, Verwandtschaftsbesuche, Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag, vielleicht noch der Ernteeinsatz bei Opa auf dem Bauernhof oder Äpfelauflesen im Garten der Großeltern.
Vielleicht sind wir Menschen des 21. Jahrhunderts die ersten, für deren Lebensführung Institutionen keinen nennenswerten Einfluß mehr ausüben. Wir sind so frei, ungebunden, autonom, wie es keine Generation vor uns je gewesen ist. Aber doch will sich das Glück nicht recht einstellen. Wir sind in eine befreite Autonomie entlassen, machen aber die leidvolle Erfahrung, daß deswegen noch lange nicht das Paradies auf Erden winkt.
Eine neue Verunsicherung hat sich unter vielen breitgemacht, die im offenen Meer der Freiheit treiben, von der Aufgabe überfordert, Bündnisse des Zwangs durch Bündnisse des freien Willens zu ersetzen. Dazu kommt ein Einsamkeitsgefühl, das ganz anders ist als die Art der Verlassenheit, die manchmal den Mensch der alten Zeit befiel. Diese neue Einsamkeit ist grundsätzlicher: eine Art existenzieller Heimatlosigkeit und gemütsbezogener Isolation. Je mehr unsere Persönlichkeit zum Durchbruch drängt und ihr Recht einfordert, um so mehr, so scheint es, verlernen wir, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Wie weit die Vereinzelung fortgeschritten ist, sieht man am besten daran, wie selten es uns nur noch gelingt, uns mit einem Gemeinschaftstyp, einer Gemeinde, einem Verein oder einer Partei zu identifizieren und Zugehörigkeitsgefühle zu mobilisieren. Obwohl es eine neue Sehnsucht nach Verbindlichkeit und Verwurzelung gibt, tun wir uns schwer, neue Bande zu knüpfen. Nicht weil wir nicht wollen, sondern weil es uns immer ausgeschlossener erscheint, Selbstverwirklichung und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft miteinander zu vereinbaren.
Das Sicherheitsnetz der alten Heimat gibt es nicht mehr. Wer nach dem Bruch keine neue Beziehungen zustande bringt, ist heute tatsächlich von Gott und der Welt verlassen. Wenn alle Stricke reißen, landen wir direkt auf dem harten Hosenboden unserer einsamen Existenz. Doch die Einsamkeitserfahrung ist heute nicht nur radikaler, sondern auch ganz anderer Art. Zogen früher einmal Einsamkeitsgefühle auf, wenn man alleine war -jenseits der Heimatgrenzen -, so sucht uns die neue Einsamkeit ausgerechnet inmitten der dichtgedrängten Masse heim, wenn wir von all denen, die uns nahe sind, nicht erkannt, nicht wahrgenommen, nicht berührt zu werden. »Sie haben keine neuen Nachrichten!« ist heute der Satz, vor dem uns vielleicht am meisten graut, vor allem wenn ihn jene künstliche Frauenstimme im Mobiltelefon ohne jeden Trost herunterbetet.
Die alte Welt der Heimat war eine Art emotionaler Behälter, der geliebt oder gehaßt wurde, jedoch eine Zugehörigkeitsgarantie in bestimmten Beziehungsformen mitlieferte. Der Heimat konnte man sich sicher sein, in ihr lag eine unaufkündbare Verbindlichkeit. Sie war immer beides: einmal wohlige Sicherheit und Aufgehobenheit, aber dann auch verhaßtes Gefangensein, zwanghafte Enge und miefige Nähe. Genauso dialektisch ist die Lebensform, die die alte Heimat abgelöst hat. Bestand die Gefahr der alten heimatlichen Lebensweise in der Einengung, im Eingesperrtsein und Unterdrücken des eigenen Willens, so die der neuen darin, im Meer der Möglichkeiten verlorenzugehen, einsam zu bleiben.
Obwohl beide Formen sowohl Vor- als auch Nachteile haben, scheint es doch, als schneide die neue heimatlose Autonomie besser ab als die traditionelle Lebensweise. Der Welt der alten Institutionen wohnt selbst im Idealtyp immer ein gewisses Maß an Zwanghaftigkeit und Unfreiheit inne, die beide der Preis des Schutzes sind, den sie spendet. In Gemeinschaften des freien Willens scheint dagegen beides machbar, ein Maximum an individueller Freiheit und zugleich eine Geborgenheit, wie sie die alte Heimat kannte. Was konservative Kulturkritiker bis heute nicht wahrhaben wollen: Uns modernen Existentialisten winkt nach dem Verschwinden der alten Gemeinschaftsformen tatsächlich die einzigartige Möglichkeit, der neuen Einsamkeit zu entgehen, indem wir neue Bündnisse schließen. Die Haltlosigkeit ist nicht unabwendbar. Es besteht die Chance, anstelle der alten Institutionen neue Netzwerke, neue Wahlverwandtschaften zu gründen. Das Konzept lautet mit einem Wort: Freundschaft. Freundschaft ist die Möglichkeit einer Vertrautheit, ja Geborgenheit ohne jede Zwanghaftigkeit in heimatlosen Zeiten. Sie tritt an mit dem Glücksversprechen, Verbundenheit in die moderne Welt zurückzubringen und dabei alle Zwanghaftigkeit draußen zu lassen. In ihr gelingt die Bewahrung freiheitlicher Autonomie und gleichzeitig ein Leben mit anderen, die uns schützen und verbindlich sind.
Oder trügt die Vision? Könnte es nicht auch so sein, daß am Ende die Freundschaft genauso untergeht wie die traditionellen Beziehungen, weil sie unter dem Druck der Individualisierung selbst über kurz oder lang dem Untergang geweiht ist? Vorab scheint für die Freundschaft zu sprechen: Der Drang nach Autonomie entfesselt in ihr nicht wie in den traditionellen Bindungen über kurz oder lang beziehungssprengende Kräfte. Er ist vielmehr die Voraussetzung ihres Zustandekommens. Das Wesen aller Freundschaft liegt ja in einem Sich-Gegenüber-Treten auf vollkommen gleicher Augenhöhe. Hierin unterscheidet sie sich zu traditionellen Beziehungen, in denen der Zwang oft jede Gleichheit verhinderte. Selbst im Vergleich zur erotischen Liebe wird deutlich: ein Freund oder eine Freundin kann uns Wahrheiten viel rücksichtsloser ins Gesicht sagen, die wir vielleicht unserem Lebenspartner nicht so ohne weiteres verzeihen würden. »Mein Gott, bist Du dick geworden!« oder »Deine Designerbrille sieht vielleicht Scheiße aus!« Gerade in der romantischen Liebe wollen wir nicht verletzen und verkneifen uns die letzte Ehrlichkeit. In der Freundschaft wird sie zur Tugend im Sinne einer konstruktiven Ich-Spiegelung durch den anderen.
Zu dieser schonungslosen Gleichheit kommt aber noch ein weiterer Bonus: Freundschaft ist von höchster Freiwilligkeit, noch viel freiwilliger als etwa eine Liebesbeziehung, denn die Art ihrer Loyalität kennt keine unbedingten Pflichten. Viele Bündnisse der erotischen Liebe pflegen noch immer irgendwann auch zu Gesetzes- oder zumindest Pflichtbeziehungen zu werden, wie Montaigne von den Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau meint. Nur deren Beginn sei wahrhaft frei, schreibt er in seinen Essais, während die Fortführung und Dauer oft von ganz anderem abhängig ist als von unserem Wollen. Nichts hingegen sei »so voll und ganz das Werk unseres freien Willens wie Zuneigung und Freundschaft«. In ihr gelingt die Befreiung von den alten Zwängen und Pflichten, denn nicht mehr mit wem wir zufällig geboren und aufwachsen müssen wir auf Gedeih und Verderb ein Leben lang auskommen, sondern verbunden fühlen wir uns nun den Menschen, die wir uns zur Freundschaft erwählen.
Leider ist es nicht so einfach. Was sich in der Theorie schlüssig anhört, stellt sich in der Praxis nicht ohne weiteres ein. Die gleiche Freiwilligkeit ist nicht nur der Segen aller Freundschaft, sondern ihre höchste Gefahr. Zwar kann man sich als Grundlage einer erfüllenden Beziehung kaum etwas so Ideales vorstellen als höchste Freiwilligkeit, aber genau darin steckt auch erhebliche Brisanz.
Gute Freunde kann man nicht trennen, sagt ein Sprichwort. Das stimmt. »Man« kann sie nicht trennen, sie sich selber aber sehr wohl. Denn in der Freundschaft gibt es kein Treueversprechen mehr, ja nicht einmal irgendeine der Treue vergleichbare Gewähr der Beständigkeit. Freundschaft bezieht ihre ganze Energie einzig aus dem Gefühl und Willen derer, die sich in ihr zugetan sind. Dieser Wille kann aber jederzeit wieder entzogen werden, keine Regel, kein Gesetz oder Vertrag zwingt ihn, länger beim anderen zu verweilen, als er Lust und Laune hätte. Freundschaft ist zwar die freieste aller möglichen Beziehungsformen, zugleich aber auch die riskanteste.