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"70 mm - bigger than life" ist der aufwändig gestaltete Begleitband zu der 2009er Berlinale-Retrospektive, die sich dem Überwältigungskino hauptsächlich der 1960er Jahre widmete. Heutzutage bedeutet Breitwand in vielen Kinos nicht einmal mehr eine Bildvergrößerung: Das Bild wird am Rand etwas breiter, und stattdessen oben und unten gestutzt, ganz wie die Schwarzbalken im TV. Selbst als Inhaber eines Breibildfernsehers hat man es nicht besser, denn Breitbild ist nicht gleich Breitbild: Das TV-Seitenverhältnis von ca. 1:1,85 entspricht dem heutigen Normalformat des US-Kinos, wohingegen Standard-Cinemascope 1:2,35 misst. Es gibt also auch auf modernen Fernsehern die Schwarzbalken; das Bild wird nicht breiter, sondern kleiner.
Der vorliegende Band führt uns jedoch ein in die Pracht, die seit 1953 dem Fernsehen Konkurrenz machen sollten. Mit Cinemascope fing alles an, aber es ging um mehr als um ein nach rechts und links erweitertes bzw. ein oben und unten gekapptes Bild: Es ging darum, mehr optische Informationen in die Linse und wieder zurück auf die Leinwand zu bekommen, ohne dass das Bild am Rande/in der Mitte unscharf oder bei großen Projektionsabständen grobkörnig wurde. Im Einzelnen beschriebene Fotografierverfahren wurden entwickelt, und feiner ließ sich ein Film eben belichten, wenn er die titelgebenden 70 mm anstatt die normalen 35 mm breit war. Dass nicht alle Kinos über die entsprechenden, oft gekrümmten Panoramaleinwände verfügten, führte mitunter dazu, dass ein Film für die Masse wieder auf 35 mm herunterkopiert werden musste, wobei das Bild schmaler wurde (die breitesten Verfahren wie Cinerama bringen es auf ein Format von 1:2,76, auf 35 mm wurde daraus wieder 1:2,35). Manche Regisseure ließen daher rechts und links immer etwas Platz... Die besten aber machten aus der sinnfälligen Füllung der breiten Wand eine Kunst; nach meinem Geschmack William Wyler, Robert Wise und Anthony Mann. Die Lektüre des Buches verschafft einen Eindruck, wie das gewesen sein muss, Wylers Ben-Hur (1:2,76) auf der großen Leinwand zu sehen! Wyler selbst hat die Frage verneint, ob er sich je eine Fernsehausstrahlung dieses seines Filmes vorstellen könne. Mittlerweile kennen ihn viele gar nicht mehr anders. Wer auf der Berlinale war, konnte dies nun nachholen (obwohl ein Kino mit einer besonders großen Leinwand nicht mehr zur Verfügung stand, weil - haha - es ausgerechnet in ein Geschäft umgewandelt worden war, in dem nun DVDs verkauft werden). Aber schon die Lektüre vermittelt mit zahlreichen Schwarzweißfotos in sehr guter Qualität und ausführlichen technischen Erläuterungen (sowie einem Glossar der Fachbegriffe) ein Stück dieses Glanzes. Vor allem kann man beim DVD-Kauf überprüfen, was man bekommt. "Ben-Hur" ist beispielsweise im Originalformat von 1:2,76 verfügbar; "Khartoum" nur im "herunterkopierten" Cinemascope-Format. Der Cover-Hinweis, dass der Film im aufwändigen Cinerama-Verfahren hergestellt wurde, ist zwar nicht gelogen, aber vor diesem Hintergrund faktisch Etikettenschwindel.
Nach einer technisch-ästhetischen Darstellung verschiedener Breitwandverfahren werden die einzelnen, auf der Berlinale gezeigten Filme vorgestellt; hierzu gehören neben den US-Prachtfilmen der späten 50er und der 60er Jahre beispielsweise auch Filme aus den ehemaligen Ostblockstaaten, die Hollywood nicht hinterherhinken wollten. Besonders hervorzuheben sind die ausführlichen Stab-, Besetzungs- und Hintergrundangaben, z.B. über Kürzungen und verschiedene Schnittfassungen der oft überlangen Filme. Für den, der mehr wissen will, finden sich stimmige Literaturhinweise (beispielsweise habe ich "Pictures Will Talk" von Kenneth Geist selbst gelesen und kann nur bestätigen, dass sich dort ein gutes, ausführliches Kapitel über Produktionsgeschichte und Schnittfassungen von "Cleopatra" findet, der als Zweiteiler mit mehr als drei Stunden pro Teil geplant war, aber in deutlich kürzerer Fassung in die Kinos kam). Wohl um den Bedürfnissen eines internationalen Berlinale-Publikums zu entsprechen, finden sich sodann bei den einzelnen Filmen eine deutsche und ein bis zwei englische Rezensionen aus der Zeit, als die Filme Premiere hatten (dies gilt nur für die im Original englischsprachigen Filme). Dies ist ein munteres Lesevergnügen und ein buntes Kaleidoskop aus positiven, kritischen und mitunter auch skurrilen Ansichten. Gelegentlich spürt man, wie sehr die Texte ihrer Zeit verhaftet sind, was mir eher zum Gewinn gereichte - erfährt man auf diese Weise doch vom Zeitgeist einer bestimmten Epoche quasi nebenbei. So ist 1965 ein deutscher Filmkritiker bei John Fords "Cheyenne" bereits politisch sehr sensibilisiert, wenn er einen Großteil der Rezension darauf verwendet, wie minderwertig die Indianer in früheren Filmen Fords porträtiert worden seien. Eine der beiden US-Kritiken zeigt im Gegenteil eine ultrarechte engstirnige Betrachtungsweise, wenn es heißt: "[It] will bore all except those un-democrats who think a minority ipso facto righter than a majority." Gelegentlich sind die Texte eben auch Beleg für das häufige Phänomen, dass sich ein Film seine Meriten erst verdienen muss und in seiner Premierenzeit nicht viel gilt (und/oder im Ausland mehr gilt als in seinem Ursprungsland). Für mich persönlich war es ferner äußerst erfreulich, dass eines meiner Lieblingsmusicals ("Hello, Dolly!") in der SZ vom 25.12.1969 nicht nur hymnisch, sondern auch mit kenntnisreichem Verständnis für diese Art von getanztem Bewegungskino gefeiert wurde - vermutlich bevor klar war, dass es ein gigantischer Flop würde und sich alle Kritiker darauf einschossen, auf diesen Film wie die Lemminge einzudreschen.
Nein, Kino ist nicht das Leben. Aber ich konnte mich auf der Berlinale selbst überzeugen, dass man im Film "Star!" tatsächlich im Kino mehr sehen kann - und hören! Die Ouvertüre dieses Musicals, die einmal nicht eine schwarze Wand zeigt, sondern tatsächlich ein ganzes Orchester, ließ jeden Musiker noch deutlich erkennbar sein. Und das, obwohl die Szene in einer einzigen Einstellung eine Totale zeigt, so wie das auch ein Theaterbesucher sähe. Ferner ist allem Heimkino zum Trotz ein akustisch gut ausgestatteter Vorführraum unersetzlich, zumal Regisseur Robert Wise in "Star!" ein bißchen mit dem Ton herumspielt und Übergänge zwischen knarzendem Einkanalton und vollem Sechskanalton einbaut, um pseudodokumentarische und spielfilmartige Szenen ineinander übergehen zu lassen (Wise hatte u.a. als Toncutter sein Handwerk erlernt und wusste immer auch als Regisseur virtuos mit Ton umzugehen). Wann man wieder die Gelegenheit haben wird, diese Filme im Kino zu sehen, ist mir nicht bekannt. Aber das Buch hat einen bleibenden Wert, auch wenn man sich für die Filme in DVD-Editionen interessiert.