Der abendländische Kulturkreis tut sich schwer mit der Toleranz gegenüber Liebe, Lust und Sinnlichkeit. Obwohl die Antike sehr offen zu sexuellen Gesinnungen stand und dies auch Ausdruck in unzähligen Statuen und anderen Kunstwerken fand, legte das Mittelalter einen eisernen Mantel der Scham über das menschliche Begehren. Seit dieser Zeit schwankt die Kunst in der Darstellung erotischer Fantasien zwischen Ver- und Enthüllung hin und her. Oft reicht nur ein verräterischer Blick, eine Geste oder eine lasziv gehaltene Zigarette, um erotische Gedanken auszulösen.
Autor Jean-Manuel Traimond schickt den Leser in seinem großformatigen Bildband "69 erotische Verführungen" auf einen Streifzug durch die Geschichte der erotischen Kunst von den Anfängen in der Antike über den üppigen Barock bis hin zur modernen Fotografie. Ein Vorwort des Autors führt unterhaltsam in den Bildband ein und umreißt kurz die Geschichte der erotischen Kunst im europäischen Kulturraum. Dabei sind die Themen, die erotische Fantasien auslösen, unterschiedlicher Art.
Die 69 Abbildungen sind verschiedenster Art und ein Spiegel der Gesellschaft, in der sie entstanden sind. So sind zu Anfang freizügige Statuen von Aphrodite und Pan, kopulierend mit einer Ziege, dargestellt, da die Antike auch tolerant gegenüber Sodomie war. Der sich lasziv räkelnde Körper der Venus in Diego Velázquez Gemälde "Venus mit Spiegel" versprüht ebenso viel Lust und Leidenschaft wie das unschuldig wirkende Werk "Die Schaukel" von Jean-Honoré Fragonard, das ein schaukelndes, junges Mädchen zeigt, welches mit einem gewinnenden Lächeln dem neben ihr im Gras liegenden Jüngling ihren Schuh zuwirft.
Neben entblößten Nymphen, Göttinnen und Frauen sind in der Kunst nur wenig nackte Männer zu bewundern. Darstellungen von weiblichen, sexuell begehrenswerten Objekten setzten sich erst allmählich durch. Dies ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass der Beruf des Künstlers erst ab dem 18. Jahrhundert von Frauen ausgeführt wurde. Dennoch finden sich heroische Darstellungen von gesunden, muskulösen Männerkörpern in Gemälden wie der "Prometheus" von Jean-Louis-César Lair wieder.
In den sehr ausführlichen Bilderklärungen erfährt der Leser viel Wissenswertes und Kurioses über den jeweiligen Künstler oder die Gründe, die zum Entstehen des Werkes führten. Da Jean-Manuel Traimond die Ich-Erzählform benutzt, verleiht er seinem Bildband eine sehr persönliche, intime Note. Mit aufgeschlagenem Buch vor der Nase, schaut, guckt und vergleicht man immer wieder die Beschreibungen des Autors mit seinen eigenen Eindrücken. "69 erotische Verführungen" wird so zu einer kleinen Galerie für die Couch, durch die die Texte des Autors unterhaltsam und geistreich führen.
Ein Beispiel dazu: Einer der letzten Verführungen ist die Marmorstatue "Der Kuss" von Auguste Rodin, die Malatesta und Francesca aus Dantes "Divina Comedia" sich verliebt küssend zeigt. Sie löste bei der Weltausstellung 1893 in Chicago Entsetzten bei den prüden amerikanischen Bürgern aus und wurde daraufhin in einem eigenen kleinen Raum ausgestellt. Das Schockierende dieses Kusses ist nicht etwa, das was er zeigt, sondern was er im Raum stehen lässt. Nach mehrmaligen Hinsehen und mit den Worten des Autors im Hinterkopf, dämmert es dem Leser langsam und er muss schmunzeln. So helfen uns die zahlreichen Bilderklärungen dabei, das Skandalöse und Verruchte zu sehen. Sie sind auch immer ein kleiner Ausflug in die Philosophie, Kulturgeschichte und Psyche des Menschen.
Eine weitere Besonderheit von "69 erotische Verführungen" neben den brillanten Erklärungen ist, dass es neben der Bilderklärung zuerst einen Ausschnitt der doppelseitigen Abbildungen zeigt, danach folgt dann die großformatige Gesamtdarstellung. Alle Abbildungen sind auf hochwertigem Kunstpapier gedruckt und dadurch ein Genuss für die Augen. Jeder Illustration ist ihr ist Name, ihr Fund- und Aufbewahrungsort, Künstler und Entstehungszeit beigefügt, damit der Leser einen geschichtlichen und kunsthistorischen Überblick behält.
Als imposantes Gesamtkunstwerk über ein nicht nur in der Kunst oft tabuisiertes Thema ist der Bildband von Jean-Manuel Traimond ein einzigartiger, facettenreicher Streifzug in die sinnliche Kunst von der Antike bis zur Gegenwart. Lassen auch Sie sich von "69 erotische Verführungen" betören!