Neue Zürcher Zeitung
Das Unkraut der Hoffnung Jdl. Seit H. C. Artmann ein Kuppler der Worte sein wollte, ist das Bett der poetischen Liebe gemacht. Christian M. Fuchs , im Brotberuf Chefdramaturg am Salzburger Landestheater, erreicht die Nähe des Meisters nicht ganz, nimmt aber immerhin 66-mal Anlauf zu einem Satz über die Liebe. Mit wechselnder Prägnanz rückt er einem Phänomen zu Leibe, das eben verwickelt sein kann oder ziemlich klar. Und weil es tatsächlich immer nur ein einziger Satz ist, der die Konstellationen der Liebe beschreibt, mäandriert die Sprache oft über mehrere Seiten hinweg nur von Semikolon, Komma und Doppelpunkt im Zaum gehalten. Sommers wie winters, im Träumen und Wachen: Es ist ein Anfassen und ein «Sichfassen in Gedanken», das Fuchs mit sprachlichem Geschick auf die Spitze treibt. Alles da: Kitsch, Schweiss und Sehnen. Die Liebe, «Herzensarbeit» und «frostige Steppe», ist von «flackernder Untreue» bedroht. Aus «leidenschaftlichem Begehren kann «sportliche Kollegialität» werden. Bei Christian M. Fuchs ist es dennoch ein schönes «Raunen und Ranken»: «Manchmal wartest du auf die Gärtnerin, um dich an ihrem Anblick zu erfreuen oder unter ihren Umtrieben zu leiden: schon jätet sie das Unkraut deiner Hoffnung.»
Kurzbeschreibung
66 Annäherungen an etwas Unsagbares, an die Liebe; daran, einst, noch oder gerade erst geliebt worden zu sein, selber zu lieben. Das Erstaunen über das erlebte Glück oder Unglück in Sätze gefaßt. Ein unerschöpfliches Thema in Momentaufnahmen von ersten und letzten Begegnungen, Fallstudien, Geständnissen und Lügen, falschen Erinnerungen und wahren Träumen. 66 Sätze; manche sind länger, andere kürzer. Es kommt bloß darauf an, wie lang der Atem der Liebenden anhält, oder: wie viele Wörter eine Liebe noch wert ist, oder: ob manchmal die Sprache in Leidenschaft erstickt, oder: ob man nicht oftmals zu Tode redet, was man durch Wörter retten wollte: das Gemeinsame, oder: was man lieber nicht gesagt hätte, oder: was dir in den Kopf kommt, wenn du die Geliebte siehst, oder ... 66 Zugeständnisse an den schönen Zustand der Schwäche, wie ihn die Verliebten kennen, an jene Augenblicke, wo jeder unendlich verwundbar und gleichzeitig empfänglich ist für das Schönste im Leben: die verliebte Blindheit, an jenen Aspekt des Lebens, der uns den langweiligen Rest des Daseins erst erträglich macht.