Kicken und Kloppen als Lebensinhalt
Sie prügeln sich gerne mit anderen Hooligans, sie geben alles für ihren Verein. Und sonst? Kommt nicht viel Konstruktives heraus. Mit "66/67 - Fairplay war gestern" ist ein Kinofilm angelaufen, der auf angenehm unprätentiöse Weise zeigt, dass Gewalt keine Perspektive ist.
Die guten Tage der Braunschweiger Eintracht liegen lange zurück. In der Saison 1966/1967 wurde der Club aus Niedersachsen Deutscher Fußballmeister - zum ersten und bislang einzigen Mal. Paul Breitner spielte einst für Braunschweig, Torwart Bernd Franke avancierte dort zum Nationalspieler. Heute messen sich die "Blau-Gelben" in der Dritten Liga mit No-Names wie Sandhausen, Heidenheim oder Regensburg.
Den Niedergang hat auch Carsten Ludwig miterlebt. "Zwischen 1977 und 1988 hatte ich zwölf intensive Jahre als Eintracht-Fan", sagt Ludwig, der 1970 in Braunschweig geboren wurde. Zusammen mit Jan-Christoph Glaser, Jahrgang 1976, hat er den Film "66/67 - Fairplay war gestern" gedreht, der jüngst in den deutschen Kinos anlief. Es ist nach "Detroit" (2003) und "1. Mai - Helden bei der Arbeit" (2009) die dritte Zusammenarbeit der beiden.
In "66/67" (Drehbuch: Ludwig) geht es um sechs Freunde, Ende 20, Anfang 30. Ihr Leben wird bestimmt von Eintracht Braunschweig und Prügeleien mit gegnerischen Fans. Sie sind die letzten Überbleibsel einer ehemals großen Hooligan-Truppe. Die anderen führen inzwischen ein Leben ohne Kicken und Kloppen. Auch das Bündnis von Anführer Florian (Fabian Hinrichs), Christian (Christian Ahlers), Tamer (Fahri Ogün Yardim), Otto (Christoph Bach), Henning (Maxim Mehmet) und Mischa (Aurel Manthei) ist in Auflösung begriffen. Sie alle stehen zwischen Stillstand und Aufbruch, finden aber den Absprung nicht.
Außer Kontrolle im "Gewaltrausch"
Florian zum Beispiel hat sein Ingenieursdiplom längst in der Tasche, mag sich mit einem bürgerlichen Lebensstil aber nicht anfreunden. Otto verleugnet, schwul zu sein. Henning, ein Polizeibeamter, hasst seinen Job. Als ein verabredeter Battle mit Hooligans des verhassten Lokalrivalen Hannover 96 abgesagt wird, greifen die sechs Eintracht-Fanantiker ("Hurra, hurra, die Braunschweiger sind da!") aus Frust unbeteiligte Stadionbesucher an. Florian gerät bei dem "Gewaltrausch", so Co-Regisseur Glaser, außer Kontrolle und schlägt auf einen Flüchtenden ein, bis dieser sich nicht mehr bewegt. Auch Christian rastet völlig aus, er hat die Trennung von seiner Freundin nicht verwunden.
"Für mich ist Hooliganismus heute eine groteske und anachronistische Spielart des Aufbegehrens gegen Konformität und Mittelmäßigkeit", sagt Co-Regisseur Ludwig, "es ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit, die mich bei überhöhter Betrachtung anrührt, im konkreten Fall aber anekelt." Ganz so weit geht Florians Freundin nicht. Sie sagt ihrem neben ihr im Bett liegenden Freund aber schon: "Ich habe nichts gegen dieses Gewaltding, weißt du. Jungs brauchen das vielleicht so mit 17." Und dann fügt sie lachend hinzu: "Aber mit 30?" Da wird Florian, der sonst gerne einen Spruch bringt, stumm.
Mischung von derben Kommentaren, Humor und Dramatik
"66/67", eine Co-Produktion mit Arte und dem ZDF für die Reihe "Das kleine Fernsehspiel", beginnt langsam, steigert sich jedoch mit jeder Minute. Dabei findet der Sieger in der Kategorie "Deutschsprachiger Spielfilm" auf dem diesjährigen internationalen Filmfestival in Zürich die richtige Mischung aus derben Kommentaren, Humor und Dramatik. "66/67" ist kein klassischer Hauerstreifen wie etwa "Undercover" (1995, Regie: Philip Davis), "The Football Factory" (2004, Regie: Nick Love) oder Lexi Alexanders "Hooligans" (2005, mit "Herr der Ringe"-Star Elijah Wood).
Vielmehr ist "66/67" ein Film über die Probleme junger Männer mit dem Erwachsenwerden und deren Zerrissenheit. Er zeigt den Zwiespalt auf, in dem sich radikale Fußballfans befinden. Sie haben sich einst Loyalität und Zusammenhalt geschworen, müssen aber erkennen, dass nicht ewig ihr Verein und die Gruppe an erster Stelle stehen können.
Dass manche Fußballfans noch immer Probleme damit haben, zu akzeptieren, dass "Gewalt keine Lösung ist", wie es Co-Regisseur Glaser formuliert, zeigte sich vor kurzem wieder einmal. Vor knapp zwei Wochen wurden Anhänger von Hannover 96 auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel ihrer zweiten Mannschaft überfallen. Hooligans attackierten auf einem Bahnhof den Zug, es blieb zum Glück bei Sachschäden. Die Polizei konnte die Täter noch nicht ermitteln. Welchem Club die Angreifer sich verbunden fühlen steht hingegen fest: Eintracht Braunschweig.