Es gibt Bücher, die sprechen einen einfach irgendwie an. Sei es das Cover, der Titel oder irgend etwas am Thema. Ich interessiere mich randläufig für Frisuren und Frisurgeschichte und habe selbst bereits einige erfolgreiche, wenn vielleicht auch nicht professionelle Experimente im Perückenmachen hinter mir. Da finde ich nun zufällig '5000 Jahre Frisierkunst' und erhoffe mir von einem Buch mit einem solchen Titel natürlich eine Fundgrube an Wissen, vor allem aber praktische Tips und Tricks.
Meine Vorrezensentin spricht ja davon, dass dieses Buch sich an Menschen mit Vorkenntnis richtet und grundlegendes Fachwissen vorausgesetzt sei. Ich sah mich durchaus in der Lage, den ein oder anderen Begriff mal nachzuschlagen und ansonsten einen Versuch zu wagen.
Die erste Enttäuschung schon, als ich das Buch dann erhielt: Ein eher dünnes Heft, in dem kaum 5000 Jahre Frisierkunst Platz haben konnten. Aber, erstmal aufgeschlagen und reingeguckt.
Schon im Vorwort schafft es die Autorin, einen unsympathischen bis verwirrenden Eindruck zu hinterlassen, indem sie anscheinend auf Maskenbildner-interne Berufsquerelchen eingeht und den Leser in allzu jovialem Ton als "Kollegen" anspricht bzw. selbst mit "Ihre Kollegin Renate" unterschreibt. Das macht auf mich einen irgendwie unprofessionellen Eindruck.
Im Text dann ein ums ander' Mal eher ärgerliche Verballhornungen wie das in Laienkreisen übliche "Mittelalter" als Zeiteinteilung (immerhin eine Epoche, die sich geschichtlich über 800 Jahre erstreckt und von der Völkerwanderungszeit bis zum Hochmittelalter doch frisurlich einiges an Veränderungen umfaßt hat). Die Modelle aus dem Mittelalter sehen dann auch aus wie aus einer 1930er Inszenierung einer Wagner-Oper. Das ganze Machwerk beginnt jedoch schon früher, nämlich mit den alten Ägyptern und Griechen. Der Text bietet eine Abhandlung über griechische Theatermasken, plus etliche Zeichnungen dazu - für ein Maskenbildner-Buch sicherlich in gewissem Umfang sinnvoll - jedoch erläutert die Autorin nirgendwo den Zusammenhang zwischen oder den Einfluß dieser Masken auf die Frisurenentwicklung im alten Griechenland.
Gerade in dem griechischen Kapitel fällt massiv auf, dass beim Layout entweder mächtig was schiefgegangen ist, oder aber hier einfach ein Stümper am Werk war. Abgesehen von einer nicht gerade lesefreundlichen Schriftart in Punktgröße 16, die man fürs komplette Buch ausgewählt hat, ist der Textfluß einfach immer wieder durch mitten auf der Seite plazierte Bilder gestört, die teilweise sogar einzelne Wörter auseinanderreißen. Das Auge muss mühsam den Anschluß suchen und verrutscht dabei schon öfter mal versehentlich in der Zeile. Die Illustrationen sehen aus wie von Hand ausgeschnitten, eingeklebt und auf einem nicht gerade hochwertigen Gerät fotokopiert. Einzig das Papier ist von etwas besserer Qualität.
Bei der Bebilderung handelt es sich dann durchweg um s/w Zeichnungen aus der Feder der Autorin, die leider zum größten Teil schrecklich unproportioniert sind: Übergroße Nasen, Überbisse, Quellaugen oder generell total verzerrte Gesichtszüge. Gut, in einem Frisurenbuch muss ja nicht unbedingt das Gesicht perfekt gezeichnet sein, aber einen gewissen ästhetischen Anspruch hat man ja dann doch, und zudem sagen die Bilder leider auch rein gar nichts über die Frisuren an sich aus - keine Konstruktionstips; keine Einsicht, wie etwas geflochten oder gesteckt oder drapiert ist. Nichts.
Das ist ein weiteres Manko dieses Buches. Ich hatte mir ein wenig mehr praktisches Handwerkszeug erwartet; Anleitungen oder Tips. All das fehlt in diesem Buch; der Text gibt lediglich allgemeine historische oder epochenkundliche Hinweise, wie z.B. dass die Frisuren im Rokoko höher wurden als in der Zeit davor - ach was? Hier fehlt dann allerdings auch noch die zusätzliche Recherche, denn Frisuren waren keineswegs das gesamte Rokoko über so hoch. In den 1720er und 30er Jahren trug man die Haare eher flach, etwas gewellt und mit Spitzenkäppchen, Schleifen oder Blumen geschmückt. Die exaltierten Frisuren, die man aus diversen Marie-Antoinette-Filmen kennt kamen dagegen erst gegen Ende des Rokoko auf.
Bleiben wir bei diesem Beispiel. Es wird mehrmals davon gesprochen, zur Konstruktion einer solchen Frisur am Besten ein Drahtgestell zu verwenden. Leider findet sich jedoch nirgends eine Anleitung oder ein Schema, um ein solches Gestell herzustellen. Lediglich der praktische Hinweis, es könne aus Draht (quelle surprise!) oder einem anderen, beliebigen Material angefertigt werden. Aha.
Auch finden sich keine anderweitigen Anleitungen, z.B. zum Flechten komplizierter Zöpfe, zur Herstellung von Pomade oder Puder, zur Knüpftechnik von Perücken etc.pp.
Bei aller Liebe, aber das ist mir etwas zu dürftig. Zudem geht mir die Praxis gegen den Strich, in ein Buch leere Seiten einzufügen und diese dann fadenscheinig als "Für Ihre Notizen" zu deklarieren - wohlgemerkt mitten im Text, nicht irgendwo hinten oder so (und das wäre schon grenzwertig). Niemand wird sich Notizen in ein solches Buch machen, denn um es tatsächlich hinter die Bühne als Arbeitsanleitung mitzunehmen, dazu gibt es zuwenig her. Jeder Maskenbildner wird also entweder eigene Unterlagen besitzen, oder aber auf ein anderes Lehrbuch zurückgreifen. Insofern dienen diese "Notiz"-Seiten nur dazu, den Umfang des Heftchens zu steigern.
Möglicherweise fehlt mir die berufliche Herangehensweise des Maskenbildners oder Friseurs. Es heißt ja auch, alles Überflüssige sei weggelassen. Jedoch bleibt nach dem Weglassen des Überflüssigen nicht die Konzentration aufs Wesentliche, sondern ein schaler Mischmasch aus Standard-Epochenblabla, für das der Laie sich ein anderes Buch mit einem weniger hochtrabenden Titel und besseren Illustrationen kaufen kann, und das der Fachmann, der die ganzen hier *nicht* angesprochenen Techniken bereits erlernt hat, ohnehin nicht braucht. Es stellt sich also die Frage, für welche Zielgruppe Frau Bittel-Moritz dieses Büchlein überhaupt verfaßt hat.