Das erste Buch von Dean Karnazes "Ultramarathon Man" bekam ich nur per Zufall in die Hände und der Mann war mir gänzlich unbekannt. Obwohl ich selbst über Marathonerfahrung verfüge, konnte ich mir nicht vorstellen, was so toll daran sein sollte, Laufgeschichten (teilweise weit) jenseits der 50 km Marke zu lesen.
Doch schon nach kurzer Zeit konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen! Es war die gelungene Mixtur aus Erfahrungs- und Leidensbericht kombiniert mit lustigen Anekdoten verpackt in einem höchst unterhaltsamen Schreibstil. Mein Interesse an Deans verrückten Lauf-Exkursionen ist seit dem stetig gestiegen.
Nun endlich erschien das zweite Buch auf dem Markt. Dieses Mal schreibt Dean über den Versuch in jedem der 50 Bundesstaten einen Marathon zu laufen - allerdings in 50 direkt aufeinander folgenden Tagen!!! Also 50 Marathons in 50 Staaten in 50 Tagen hintereinander.
Wer kurz darüber nachdenkt, wird merken, dass das technisch/organisatorisch unmöglich ist. Denn auch in den USA finden die allermeisten Marathons am Wochenende statt. Daher wurden die offiziellen Marathonstrecken in den Städten/Staaten extra für den jeweiligen Tag abgesperrt. Somit handelt es sich zwar stets um offiziell vermessene Marathonstrecken, aber mit wenigen Ausnahmen nicht um offizielle Laufveranstaltungen.
Von der ersten Grundidee bis zur Umsetzung des Unterfangens verging weit über ein Jahr. Das ist nicht dem expliziten Training, sondern vielmehr dem Sponsoring und dem Organisationsaufwand geschuldet. Schließlich bedarf es Genehmigungen, Absperrungen, Helfern und natürlich auch einer Planung, die es erlaubt nach einem Rennen schnell genug zum nächsten Startort viele Kilometer entfernt zu gelangen - und das alles bei zu absolvierenden Läufen, Pressekonferenzen, Verpflegung und auch ein wenig Schlaf.
Die Organisation an sich ist schon mehr als ein Ultramarathon, die Durchführung schließlich wohl gestaltetes Chaos. All das ist Teil der Anekdoten.
Zum guten Textverständnis reichen durchschnittliche Grundkenntnisse der englischen Sprache m. E. nicht aus. Man muss aber auch nicht absolut fließend Englisch können. Wer das erste Buch verstanden hat, kommt auch hier zurecht.
Das Buch ist 285 Seiten lang, es gibt ein paar Farbbilder separat in der Mitte, ansonsten ist es eher nüchtern gehalten. Jeder einzelne Marathon ist mit einer kleinen Überschrift gekennzeichnet. (Datum, Ort, Anzahl der zusätzlichen Läufer, verbrauchte [kumulierte] Kalorien etc.)
Im Buch gibt es sowohl kleinere hervorgehobene Sätze, als auch längere Blöcke mit Tipps, die mit einer extra Überschrift versehen sind.
Bei dem Buch handelt sich aber nicht um eine bloße detaillierte Beschreibung aller 50 Marathons: Einige der Marathons werden einigermaßen ausführlich behandelt, andere mit einem einzigen Satz abgespeist. Und es gibt auch welche, über die es nur die kleine Überschrift mit Eckdaten gibt.
Das Buch ist vielmehr über die anderen Teilnehmer der Marathons und andere Läufer mit denen Dean bereits gelaufen ist oder/und gegen die er im Wettkampf angetreten ist (wie bspw. Ann Trason und Tim Twietmeyer) sowie über Läufer, die Dean selbst als seine Helden bezeichnet (so bspw. Steve Prefontaine - ein Läufer aus den 70er Jahren, der bis heute immer noch etliche US Landesrekorde hält und dessen früher Tod sehr an James Dean erinnert -> Film mit Jared Leto in der Hauptrolle.)
Man erfährt viel über ihre Motivation, deren Hintergrund und Lebensgeschichte. Man könnte das Buch phasenweise in "Every Runner tells a Story" umbenennen. Das soll nicht bedeuten, dass diese Geschichten nicht ebenfalls interessant, amüsant oder/und unterhaltsam sind. Nur ist es das, was der Leser von Dean erwartet?
(Es sei erwähnt, dass man auf der www.amazon.com Seite auch Rezensionen von Teilnehmern an einem oder gar mehreren dieser 50 Marathons findet!)
Während der 50 Läufe oder vor dem Start zu einem weiteren Marathon erinnert sich Dean immer mal wieder an (teilweise weit) zurück liegende Geschehnisse. Einige davon kennt man aus seinem vorherigen Buch. Manchmal überträgt er dabei den Willen eines Mitläufers, der unbedingt seinen ersten Marathon beenden will, auf seine eigenen Erfahrungen und erkennt sich in ihnen wieder.
Aber nicht alle Erinnerungen/Rückblicke haben unbedingt etwas mit Laufen zu tun. Oftmals führen Beobachtungen kleiner Dinge während der Läufe zu Ratschlägen und/oder zu weiteren größeren Geschichten aus Deans Vergangenheit.
Eines der Hauptthemen im Buch ist die zunehmende Fettleibigkeit bei Kindern. Dabei handelt es sich um eine Herzensangelegenheit von Dean und er ist auch abseits der Läufe seit langem karitativ und öffentlichkeitswirksam tätig. Entsprechend oft werden Hilfsorganisationen genannt.
Dass es im Buch auch Gedanken über globale Erwärmung und Umweltverschmutzung ist nicht zu erwarten, passt aber recht gut - wer sonst sollte sich über den Verlust von Natur ärgern, als jemand, der sich ständig damit konfrontiert und diese so sehr zum Laufen liebt?
Bedauerlicherweise gibt es im Buch keine Landkarte der USA, auf der die Bundesstaaten und die Städte der 50 Läufe verzeichnet sind. Eine solche hätte es Nicht-Amerikanern sicherlich wesentlich leicht gemacht Deans Reiseroute zu folgen.
Auf die Dauer ist die wiederholte Erwähnung des Sponsors des 50/50 Unterfangens ziemlich nervig. Außerdem werden andere Produkte explizit nur von einem Anbieter genannt (Schleichwerbung).
Glücklicherweise gibt es in diesem Buch keine Erwähnung der verstorbenen Schwester und ihrer Motivation auf Dean, so wie im ersten Buch wiederholt geschehen.
Fazit:
Das Buch keine unterhaltsame Leidensgeschichte aller 50 Läufe geworden. Andererseits stellt eine Marathondistanz an sich auch noch keine Herausforderung für Dean dar. Höchstens, dass sie 50 Tage hintereinander gelaufen wird.
(Allerdings lief der damals 21-jährige Terry Fox bereits 1980 in 143 aufeinander folgenden Tagen jeweils ca. 43 km - aber ohne Sponsor, ohne großes Team und mit einer Unterschenkelprothese! Erst nach fast 5.400 km vereitelte der Lungenkrebs eine Fortführung.)
"50/50" ist dennoch unterhaltsam und auch im Original leicht zu lesen. Daher ist die Anschaffung überlegenswert.
Im Vergleich mit seinem Erstlingswerk "Ultramarathon Man" ist das Buch aber lange nicht so gut, lustig, fesselnd/faszinierend und überraschend. Darüber hinaus wird man hier keine echten "Geheimnisse" finden, die Dean erst während dieser Läufe entdeckt hat. Wer selbst läuft und bereits Laufbücher oder/und Laufzeitschriften hat, der wird dort mehr nützliche Informationen finden. "50/50" ist sicherlich nicht das richtige Buch, um jemanden auf einen (ersten) Marathon vorzubereiten. Unterhaltungslektüre ja, echter Ratgeber nein!
Wer "Ultramarathon Man" gelesen hat, muss zwangsläufig hohe Erwartungen an den Nachfolger haben. Diese können jedoch bei weitem nicht erfüllt werden. Somit auch nur 3 von 5 Sternen.
PS
Wem übrigens die Grundidee der 50 Marathons in 50 aufeinander folgenden Tagen bereits irrwitzig erscheint, der wird sich wundern was Dean ab Tag 51 macht! DAS ist wirklich irre! ;-)