Wer sich von den "50 Schlüsselideen: Philosophie" eine Klarlegung der wichtigsten philosophischen Ideen der Menschheit erwartet, sollte nicht allzu sehr auf dieses Buch bauen. Zunächst einmal ist das Konzept, jeweils 50 Schlüsselideen der wichtigsten Wissenschaften in knapper Form vorzustellen, eigentlich eine gute Idee. Leider wurde das Konzept zumindest in diesem Band der Reihe für meine Begriffe nicht so gut umgesetzt.
Für jede Idee exakt vier quadratische Seiten zu reservieren, ist an sich schon recht sportlich, wenn diese Seiten eng bedruckt wären. Sind sie aber nicht. Es gehen im Mittel zusammengerechnet noch ein bis zwei Seiten davon ab, die für Überschriften nebst einer Einleitung ins Thema und breite Aussparungen für Zitate in großer Schrift von namhaften Leuten verwendet werden, sowie für eine Zeitleiste am unteren Seitenrand, deren Nutzen eher fragwürdig ist, ein "Worum es geht" in ein paar knappen Worten als Motto, das leider manchmal knapp daneben liegt, und Texte in Boxen (teilweise umrandet, teilweise als Notizzettel dargestellt), die in den Haupttext eingebettet sind und in kurzer Form Zusatzinformationen, weitere Aspekte und Kuriositäten enthalten, oft aber auch einen zweifelhaften Bezug zum Haupttext haben. Letzteres fördert nicht gerade den Lesefluss, macht aber den Haupttext noch kürzer, als das jeweilige Thema eigentlich verträgt. Soviel zur Form. Das Buch hat jedoch auch inhaltliche Mängel.
Behandelt werden neun Themenkomplexe in jeweils einzelnen Beiträgen. Dabei nimmt der Komplex "Ethik" mit 13 Beiträgen den größten Raum ein. Komplexe wie "Tierrechte" und "Ästhetik" dagegen sind mit nur je zwei Beiträgen vertreten.
Exemplarisch gehe ich hier etwas genauer auf den Beitrag "Ockhams Rasiermesser" aus dem Themenkomplex "Wissenschaft" ein, bei dem alle kritisierten Punkte zusammen auftauchen. "Ockhams Rasiermesser" ist eine Metapher, für das bekannte Sparsamkeitsprinzip in der Wissenschaft, das auf den Philosophen Wilhelm von Ockham zurückgeht, der es erstmalig formuliert hat. Es besagt, dass man für die Erklärung von Phänomenen nur diejenigen Hypothesen betrachten sollte, die mit den wenigsten Voraussetzungen auskommen. Alle anderen werden "wegrasiert".
Vom eigentlichen Text des Beitrags gehen hier ca. 1,5 Seiten ab: Drei umrandete Boxen, ein "Notizzettel", die Zeitleiste, Überschriften nebst Einleitung und das Motto. Der Artikel betont eher den Aspekt "Einfachheit" als den der Sparsamkeit und kommt somit auch zu falschen Resultaten über die Bedeutung von "Ockhams Rasiermesser". Zwar erkennt der Autor noch, dass es sich um eine gute Faustregel handelt, die die Eingangsannahmen bei Hypothesen betrachtet (Prinzip der Sparsamkeit), rekurriert dann jedoch nur noch auf die Einfachheit, die natürlich auch das Ergebnis der Anwendung von "Ockhams Rasiermesser" sein kann, aber eben nicht sein muss. So ist z.B. die Kinetik in der Speziellen Relativitätstheorie nicht einfacher als die Newton'sche, verzichtet aber auf das absolute Raum-, Zeit- sowie auf das Ätherkonzept der letzteren und kommt daher mit weniger Annahmen aus. Das Entscheidende bei "Ockhams Rasiermesser" ist also nicht die Einfachheit, sondern die Sparsamkeit der Annahmen. Damit kann das Rasiermesser aber auch nicht stumpf sein, wie der Autor meint. Denn wenn nach seiner Anwendung von mehreren immer noch zwei Erklärungen übrig bleiben, hat es seine Aufgabe erfüllt. Für diesen Fall kann nur Empirie helfen, um zwischen den zwei gleichwertigen Erklärungen eine Entscheidung herbeizuführen. Dupré bemerkt weiter:
"Ockhams Rasiermesser wird oft eingesetzt gegen eine Reihe dualistischer Ansätze mit dem Grund, dass es einfacher ist, nicht eine weitere Ebene der Realität, eine weitere Erklärungsebene usw. einzuführen. Unnötige Komplexität - die voneinander verschiedene mentale und physikalische Bereiche postuliert und dann darum kämpfen muss, diese irgendwie zu verbinden - bildet den Angriffspunkt mancher Kritik am Kartesischen Dualismus von Geist und Körper. Das Rasiermesser mag eine Ebene der Realität wegschneiden, aber woher sollen wir wissen, welche der Ebenen wir entfernen sollen."
Gerade noch erklärt der Autor plausibel, warum überflüssige Ebenen dem Messer zum Opfer fallen (nämlich um unnötige Komplexität zu vermeiden), nur um dann in Ratlosigkeit zu verfallen, welche der Ebenen denn nun entfernt werden sollen - doch wohl die, auf deren Existenz man am ehesten verzichten kann! Im Falle des Geist-Körper-Dualismus ist das natürlich der Geist.
Den Text des "Notizzettels", der die Herkunft von "Ockhams Rasiermesser" erklärt, hätte man auch mühelos im Haupttext unterbringen und damit den Platz einsparen können. Die drei umrandeten Boxen haben wenig bis gar nichts mit dem Thema zu tun:
"Pferde, nicht Zebras" enthält eine aphoristische Umschreibung von "Ockhams Rasiermesser", die jungen amerikanischen Medizinstudenten und Ärzten immer vorgehalten wird: "Wenn Sie Hufgeklapper hören, dann erwarten Sie nicht, ein Zebra zu sehen." Auch hier liegt der Autor mit seinem Kommentar wieder neben der eigentlichen Intention von "Ockhams Rasiermesser": "Die einfachere Erklärung ist nicht unbedingt immer die richtige."
"Das KISS-Prinzip" sieht das Wirken des Rasiermessers sogar im Software-Bereich, indem es Programmierer dazu auffordert, Programme möglichst einfach zu halten (Keep It Simple, Stupid). Was das jedoch mit dem eigentlich erkenntnistheoretisch angewendeten Rasiermesser zu tun haben soll, blieb mir schleierhaft.
In "Buridans Esel" behauptet der Autor, dass "Ockhams Rasiermesser" die rationale Entscheidung zwischen zwei konkurrierenden Theorien eigentlich erleichtern sollte. Im Gleichnis von Buridans Esel, der sich nicht zwischen zwei gleichgroßen Heuhaufen entscheiden kann und deshalb verhungert, illustrierte Ockhams Schüler Buridan die Unmöglichkeit einer logischen Entscheidung zwischen zwei gleichwertigen Lösungen. Auch das geht am Thema vorbei, denn zwei gleichwertige Theorien haben entweder beide dem Messer standgehalten (dann kann nur Empirie zwischen ihnen entscheiden) oder sie fallen dem Messer beide zum Opfer, weil möglicherweise eine dritte Theorie noch sparsamer in den Voraussetzungen ist.
Am Schluss des Beitrags steht unter "Worum es geht": "Immer schön einfach!" Knapp daneben ist allerdings auch vorbei. Besser wäre nämlich gewesen: Immer schön sparsam!
Fazit: Das Buch ist nur bedingt lesenswert. Dennoch gibt es auch einige gute Beiträge (z.B. "Die Verteidigung der Willensfreiheit"). Von den Textboxen hätte man besser eine Reihe zugunsten eines ausführlicheren Haupttextes streichen sollen. Die Zeitleiste halte ich für überflüssig. Weniger kann eben oft mehr sein. Das könnte man nicht nur als Quintessenz von "Ockhams Rasiermesser" bezeichnen (und es hätte daher sehr viel besser als Motto gepasst), sondern auch als Empfehlung für eine eventuelle Überarbeitung des Buches.