In seinem pophistorischen Essay "Ich war Stevie Winwood" erinnert sich der damals 14jährige deutsche Rockpoet Heinz Rudolf Kunze, wie ihm bewusst wurde, dass er nunmehr ohne die Fab Four als Lotsen auskommen musste. Als youngest keyboard player in town spielte er damals in einer Band im südöstlichen Emsland eine stilistische Mixtur aus Bluesbreakers, Soft Maschine und Santana. Für die Zeit des vermeintlichen Post-Beatles-Interregnums bringt der Autor seine Analyse, in der z. B. er "The Kinks" als die besseren Beatles und "The Who" als die besseren Rolling Stones bezeichnet. Seiner Meinung nach sei die Zeit musikalisch gesehen durch und durch britisch gewesen, während Amerika komatös gelegen habe.......
In der Rubrik "Das Jahr in Bildern" bilden Werbeplakate für sozialistische Konsumprodukte aus der damaligen Deutschen Demokratischen Republik mit 8Seiten den Schwerpunkt. DDR Mit weiteren Fotos werden u. a. die Hotpants-Mode, Stanley Kubricks Kultfilm "Clockwerk Orange", die Gründung von Green Peace und George Harrisons "Concert for Bangladesh" thematisiert.
"Das Fundstück" bringt unter dem Titel "Und dann warf Mick mit Narzissen" einen Artikel des Rolling Stone Magazine vom 15.04.1971. Obwohl mit dem Gitarristen Taylor ein zweiter Mick bei der neuen Tournee auf der Bühne stand, kann es nur Jagger gewesen sein, der gerade diese Sorte Blumen an das Publikum verteilte. Mit ihrem neuen Album "Sticky Fingers" und dem von Andy Warhol entworfenen Cover zeigten die "The Rolling Stones" ihr neues Logo der herausgestreckten Zunge und begründeten ihren Nimbus als "größte R'n'R Band der Welt", die auch noch 35 Jahre später auf Welttournee gehen sollte......
Im letzten Kapitel des 80seitigen Büchleins gibt es Informationen die, auf der beigefügten Audio-CD vertretenen Musikstücke. "Die 20 Songs des Jahres" starten mit dem Ex-Byrd Gene Clark und seinem mit akustischer Gitarre sparsam instrumentierten "With Tomorrow".
Dagegen ist Bob Dylans "George Jackson" in der "Big Band Version" mit Mundharmonika, Tambourine, Countrysteelguitar (!) und Chor geradezu üppig arrangiert. Als dritter Singer/Songwriter präsentiert Yusuf Islam, damals noch als Cat Stevens, seinen Welthit Stevens "Peace Train". "Evening Over Rooftops" ist ein gefällige Ballade der ehemaligen Politrocker der Edgar Broughton Band. Mit Marvin Gayes "Inner City Blues" (Make Me Wanna Holler) Swamp Doggs "God Bless America, For What" gibt es zwei gesellschaftskritische Soulnummern. Ex-Wailer Peter Tosh bringt als Richter in seinem "Here Comes The Judge" elf historische Entdecker, u. a. Vasco Da Gama, Christopher Columbus vor Gericht, wo sich sie ihrer Verbrechen zu verantworten haben. Mit seinem "Man in Black" erklärt Johnny Cash, warum er stets in diese Farbe gekleidet ist. "I?m Not Awake Yet" ist ein Track, in dem der im Jahre 1995 verstorbene, einzigartige irische Folkblues-Gitarrist Rory Gallagher seine Virtuosität beweist, die ihm Angebote von Deep Purple und den Stones einbrachte. Die Allman Brothers Band liefert mit ihrer instrumentalen Liveversion von ?Hot ?Lanta?, einen Meilenstein für den fließenden Übergang des Rock zum Jazz. Der Southern Soul des Stax Label ist neben Jean Knight ("Mr. Big Stuff") und Bill Withers Hit "Ain?t No Sunshine" durch Issac Hayes goldenglobe- und oscarprämiertes "Theme from Shaft" vertreten. Sly & The Family Stone lässt bei "Family Affair" bereits die Tendenz zum späteren Funk erkennen. Von den übrigen Titel verdient noch "Kings And Queens" von eine Erwähnung, da Soft Machine, zu den Protagonisten des instrumentalen Progrocks gehörte.
"1971 - Ein Jahr und seine 20 Songs" lässt in den Textbeiträgen und den Musikstücken wesentliche Aspekte vermissen. So bleibt die Hymne des Jahres "Joy To The World", der US-Supergruppe Three Dog Night ebenso unerwähnt, wie das Wirken der Bee Gees, Osmonds, Don McLeans mit seinem Welthit American Pie, Aretha Franklin (Spanish Harlem) u. a. Als ein pophistorisches Zeitdokument dennoch empfehlenswert und mit 4 Amazonsternen zu bewerten.