Eine beliebte Frage im Rock- und Probenraum-Kontext: Warum gründen so viele Männer und nur so wenige Frauen eine Band und ziehen ihr Projekt Monate, gar Jahre durch? Die Antwort könnte lauten: Der weibliche Teil der Menschheit kann sich auf Dauer Angenehmeres vorstellen, als in verdreckten, müffelnden Kammern an Demos zu feilen. Jungs machen so was. Weiß auch nicht, warum. Denn die wenigsten sind "Künstler" im Sinne einer sich Bahn brechenden Könnerschaft, die allerwenigsten nutzen Lieder als Ausdruck ihrer ganz persönlichen Erfahrungen, vieles ist nur zusammen gestoppelt, handwerklich verschlurft, wohl eher Lust am Lärm oder an der Stilkopie, es den Helden gleich tun (wer auch immer das ist), Rockposen einnehmen, Energie abgeben, und seien wir ehrlich: Frauen beeindrucken. Das ist kein Klischee, beziehungsweise es ist natürlich ein Klischee, aber trotzdem wahr. Wer singt, wer Leadgitarre spielt, wirkt attraktiv. Es gibt in jedem größeren Provinznest in Deutschland, Frankreich oder Italien eine Band, die Altbekanntes covert. Und in jeder größeren Stadt zwei oder drei Dreier- oder Viererbanden, die "wirklich eigenes Material" spielen, "kommt doch mal vorbei, die sind echt gut." Gipi erzählt uns, wie seine vier Protagonisten, alle unter 20 Jahre alt, eine Band gründen, wie sie proben, wie sie sich zueinander verhalten. Es geht nicht um Inspiration, nicht um Kreativität oder Messages, um Jugendkultur schon gar nicht, sondern um - jetzt kommt nichts, was Sie umhauen wird - Freundschaft, und zwar zwischen völlig unterschiedlichen Charakteren, die, würde man sie getrennt kennen lernen, gar nicht als Gruppe denkbar wären. Da ist Alex, der mit den Symbolen und Artefakten des Nazismus kokettiert. Er wäre gerne Nazi, ist aber keiner. Für ein Hitlerportrait gibt er 100 Euro aus. Den Kommunismus findet er aber auch attraktiv. Dann Stefano: Er lernt durch seinen Vater einen oberkörperfreien Produzenten kennen. Nein, die Band wird nicht "entdeckt", der Produzent interessiert sich nur dafür, inwieweit ein "Musiker" bei anderen (möglichst vielen) ein klar konturiertes, einzigartiges Image erzeugt. Es geht um den Drang, das Tonband zu zeigen, nicht um das, was sich darauf befindet. Tocotronic hätten es mit dieser Haltung bestimmt nicht geschafft. Giulianos Vater haben sie den Schuppen zu verdanken. Als Kind wurde er entweder gar nicht oder nur mit Hund fotografiert. Seine Freundin heißt Nina. Es gibt da eine Szene am Strand mit den beiden, eine Annäherung, so wunderbar leicht, so verspielt und wahrhaftig, dass ich spätestens hier verzaubert war - dabei habe ich nie eine Band gegründet, nie gesungen, weiß nicht, welches Kabel zum Verstärker führt. Alberto noch, der Normalo, der mit seinem Vater motorbetriebene Flugmodelle kreisen lässt. Diese Jungs sind noch zu jung, um etwas erreicht zu haben, an eine Karriereplanung denkt hier auch niemand. Aber sie halten an ihrem Projekt fest, begehen dafür sogar eine Straftat. All das und sehr viel mehr, ich will die Details nicht verraten, ist in einem hinreißenden Ungefährstrich hingekritzelt, und die Kolorierung (Wasserfarben) ist brillant, einzigartig, eigenwillig. Man kann die fünf Songs der namenlosen Band nicht hören, sie strukturieren dieses Album, doch man sieht den Enthusiasmus, der hier nicht nur Posing ist, wir sehen vier Jungs, die Liebe machen, ohne sich dafür ausziehen zu müssen. Noch etwas lernen wir: Dass Death-Metal-Typen nett sein können wie jeder andere auch, verzeihen können wie jeder andere auch. Es gibt übrigens auch Heavy-Metal-Fanatiker, die sich am rechten Rand der CDU verorten. Gleichwohl dürfte es keinen Reinhard-Mey-Wannabe-Groupie geben, der heimlich Das-Boot-ist-voll-Sticker verteilt.