Jeder hat es schon einmal erlebt: Man kann nicht einschlafen, wälzt sich im Bett, die Gedanken kreisen. Und irgendwann kommt die Zeit, zu der es sich auch nicht mehr lohnen würde, einzuschlafen. "Too late to end it now. Too early to start again", heißt es im Opener "5:55". Bei Charlotte Gainsbourg, der - muss man es erwähnen? - Tochter des vielleicht wichtigsten, mit Sicherheit aber skandalösesten Pop-Stars, den Frankreich jemals hervorgebracht hat, Serge Gainsbourg, und der britischen Schauspielerin Jane Birkin, muss das wohl öfter vorkommen. Zumindest hat sie über diese schlaflose Zeit, die zwischen der Nacht und dem Tag liegt, ein Album gemacht. Oder halt: Vielmehr hat sie ein Album machen lassen. Und das von niemand geringeren als Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel, besser bekannt als Husch-Pop-Gruppe Air. Doch damit nicht genug: Für die Texte zeichneten sich neben Air auch noch Neil Hannon (The Divine Comedy) und Jarvis Cocker (Pulp) verantwortlich. Hinterm Mischpult saß niemand geringerer als Produzenten-Gott Nigel Godrich.
Dass es sich hier um ein inoffizielles Air-Album handelt hört man an allen Ecken und Enden. Musikalisch ist man zurückgekehrt auf eine weitere "Moon Safari" - was könnte auch schon besser zu dem Thema passen? Wahrhaft traumhafte Pop-Musik erwartet den Hörer, bestens geeignet für die Zeit nach dem Aufstehen, am besten an einem Sonntagmorgen. Man kann sich noch mal rumdrehen, ein wenig dösen, die Klänge von Klavier, Glockenspiel und Streichern wirken lassen. Und über all dem liegt die zarte Stimme von Charlotte Gainsbourg. Die französische Schauspielerin singt nicht, sie haucht, sie flüstert - man spürt förmlich, wie ihr Atem am Ohr kitzelt, wie sich die feinen Härchen am Ohr aufstellen, wie man schlaftrunken, aber doch aufmerksam lauscht, wenn sich die meist englischen Worte mit dem süßen französischen Akzent an einen schmiegen. Romantische Seelen dürfen sich dann auch gerne vorstellen, wie Madame Gainsbourg morgens ihren Ehemann, den Schauspieler Yvan Attal, hauchend weckt. Und das, wie in einer Traumwelt üblich, ganz ohne Mundgeruch.
Natürlich sind nicht alle Songs wirklich überragend. Aber schlecht ist kein einziger. Die Qualität der beteiligten Künstler ist einfach zu hoch, um wirklichen Schrott zu produzieren. Süß zum Beispiel "Beauty mark", in dem Gainsbourg ihren Schönheitsfleck besingt, den sie in der Nähe ihres Herzens trägt. "Little monsters" handelt von der Schwelle zum Erwachsenwerden. "Jamais" könnte glatt der zu einem Song verarbeitete Gainsbourg-Film "Meine Frau, die Schauspielerin" sein, der von Ehemann Yvan Attal gedreht wurde. Richtig cool kommt daher "Night-time intermission", eine Collage aus Wortfetzen und Sätzen.
Wirklich herausragend ist nur ein Song - der grandiose "The songs that we sing" mit seiner markanten kleinen Glockenspiel-Melodie. Ein zynischer Text, der auch noch das künstlerische Schaffen in Frage stellt: "The songs that I sing, do they mean anything to the people I'm singing them to?" Mit Sicherheit, Charlotte. Sie bedeuten eine ganze Menge.