Thomas Lehrs viel beachteter Roman, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war, ist ganz unbestritten ein sehr kluges, sehr gut durchdachtes und sprachlich sehr gelungenes Buch mit unverbrauchten Bildern und einem singulären Erzählstil.
Am Anfang ist der Zeitstillstand: Um 12:47 und 42 Sekunden - daher der Titel - an einem schönen Sommertag bleibt die Zeit stehen. Einfach so, ohne Vorwarnung. Alles und jede/r hält in der jeweiligen Bewegung inne, wie auf einem Foto. Von diesem Zeitfluch ausgenommen ist eine Gruppe von 70 BesucherInnen und Besuchern des Kernforschungszentrums CERN in der Nähe von Genf. Thomas Lehr präsentiert uns ein Sozialexperiment: Wie verhalten sich Menschen, die wider Willen in einer unheimlichen Gemeinsamkeit in ewiger Mittagshitze festgehalten werden (..."wir, die souveränen U-Boote der Stunde Null"...), ohne zu wissen, ob es jemals einen Morgen geben wird? Das klingt spannend und ist es auch. Die ersten 50 Seiten habe ich verschlungen, auch wenn der Erzählduktus ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig ist. Philosophische Diskussionen über die Ursache der Katastrophe (eine höhere Gewalt?) wechseln sich ab mit der Befriedigung so grundlegender menschlicher Bedürfnisse wie Sex. Praktisch, dass tausende Frauen - und, anatomisch bedingt, weitaus weniger Männer - zur willigen Verfügung stehen. Unrechtsbewusstsein hat Sendepause in der Welt der „Chronifizierten" oder „Zombies", wie sich nennen. Anfangs passieren nachvollziehbare Dinge wie Selbstmorde: „Stell dir vor, das Weltall macht die Tür zu und du stehst draußen." Mit der Zeit werden die zwischenmenschlichen Zusammenhänge deutlich komplizierter (Morde) und die Ereignisse weniger greifbar. Fest steht: In der gesamten Welt - nachweislich zumindest in jenem Teil, der zu Fuß erreichbar ist - ist die Zeit stehen geblieben: „Die Gegenwart, das einmal flüchtigste, unfassbare Element, ist immer für uns da, kolossal und unerbittlich, mit steinernem Gesicht." Alles ist Stillstand - kein Motor und somit kein Fortbewegungsmittel funktioniert mehr, weshalb sich der Icherzähler auch zu Fuß zu seiner Frau aufmacht, um schließlich festzustellen, dass sie nicht mit einer Freundin an der Ostsee, sondern mit ihrem Liebhaber in Italien war. Kurz und bündig zusammengefasst liest und erzählt sich der Inhalt des Buches also sehr gut. Das Problem ist, dass dieses Buch auch für routinierte Leserinnen und Leser eine echte Herausforderung ist. Oder, ganz ehrlich: Ein hartes Stück Arbeit, bei der ich schließlich den Eindruck hatte, das mir gesteckte Ziel trotz großer Bemühungen nicht erreicht zu haben. Wie der österreichische Literaturkritiker Sebastian Fasthuber (Der Standard, Falter) in einer mündlichen Würdigung des Buches in Wien sinngemäß sagte: Bei der Lektüre dieses Buches fühlt man sich über weite Strecken ziemlich klein und ziemlich dumm. Man muss zurückblättern und ganze Passagen nochmals lesen, um den Faden nicht zu verlieren. Andererseits ist dieser Roman eine Entdeckung für Leute, die nichts mehr verabscheuen als Bücher, die sich selbst erklären. In meinen Augen hat Thomas Lehr allerdings übers Ziel hinaus geschossen. Jemandem, dem es grandios gelungen ist, ein Sozialexperiment auf hohem sprachlichen Niveau absolut lesenswert zu machen, ist José Saramago in „Die Stadt der Blinden" (an diesen Roman hat mich „42" anfangs auch erinnert). Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass sich dieser Roman in die lange Reihe jener Bücher einfügen wird, die zwar aufgrund ihrer unbestritten intellektuellen Note gerne gekauft, jedoch selten zu Ende gelesen werden. Ich habe „42" sehr wohl vollständig gelesen und einige interessante philosophische Betrachtungen über das Wesen der Zeit für mich mitgenommen. Summa summarum gebe ich aber gerne zu, dass dieses Buch meine literaturanalytisch-intellektuellen Fähigkeit maßlos überstrapaziert hat. Ein Buch für intellektuelle Überflieger?