Ich kann mich noch genau an mein erstes Mal erinnern. Es war wirklich ein echter Höhepunkt: Ich hatte mir an dem Tag einen neuen Plattenspieler gekauft. Und um den zu testen, mußte natürlich auch eine noch jungfräuliche Platte her. Peter Gabriel? Hm, kenn ich von Genesis... Und deren unerreichter Geniestreich war ja wohl ,,The lamb lies down on broadway". Also einfach mal mitnehmen und ausprobieren.
Zuhause hatte ich schon in leichter Erregung mit zitternden Fingerchen die Nadel justiert. Eigentlich wollte ich dann noch während des Hörgenusses die Bravo lesen. Man lernt mit 14 schließlich immer noch dazu. Aber daraus wurde nichts: Schon der erste vibrierende Glockenschlag von ,,Rhythm of the heat" ließ mich das Heft in raschem Tempo in die Ecke werfen. Als ob meine Mutter zur Tür hereingekommen wäre. Danach steigert das Stück sich selbst und den Hörer in eine Extase, bei der Dr. Sommer nur noch vor Neid erblassen kann.
Aber während man noch mit offenem Mund dasitzt und über die eigenen Glückshormone staunt, folgt mit ,,San Jacinto" schon die nächste große Liebe. Schon in den ersten Sekunden setzt ein so vielschichtiges Glöckchengeklingel ein, daß sich sogar ,,Unfinished Sympathy" von Massive Attack noch eine Scheibe davon abschneiden könnte.
Auch die darauf folgenden Stücke glänzen: Traumwandlerische Melodien, melodramatische Spannungsbögen und die gewohnt charismatische Stimme des schmerzlich vermißten Ex-Genesis-Sängers überzeugen hier uneingeschränkt. Kein einziges Lied auf dieser Platte enttäuscht. Als mit ihr nach dem ,,Kiss of Life" völlig unvermittelt Schluß war dachte ich die Welt würde jetzt sofort untergehen. Doch, für ein paar Sekunden habe ich das wirklich geglaubt.