Eigentlich darf so ein Buch gar nicht rezensiert werden. Es geht hier um persönliche, furchtbare Erlebnisse. Wie soll man die werten? Auch wenn einige schreiben, dass das Buch nicht wirklich Neues bringt. Man darf nicht vergessen, dass es hier nicht um die Unterhaltung des Lesers geht. Ein Betroffener teilt sich mit. Wenn ich so einen Bericht lesen will, darf ich nicht unbedingt reißerische Enthüllungen erwarten.
Und Natascha Kampusch teilt sich mit. Sie (?) beschreibt ihr Martyrium deutlich und eindringlich. Sensationslüsterne Szenen bleiben dem Leser, bis auf einen kurzen Tagebuchausschnitt, allerdings erspart. Ich finde das ehrlich. Natascha Kampusch schließt ab. Wer daran teil haben möchte, ja vielleicht auch versuchen möchte, diesen ganzen Wahnsinn irgendwie zu verstehen und eben auch ihre Sicht kennenlernen möchte, dem sei das Buch empfohlen.
Einen Stern Abzug möchte ich dennoch vergeben: Die Sprache, ja der ganze Stil, scheinen nicht zu der jungen Frau zu passen. Passagenweise meint man die Stellungnahme eines Psychologen vor sich zu haben. Auch das ein 10-jähriges Mädchen sich damals, vor zwölf Jahren, ernsthaft Gedanken darüber macht, möglicher Weise gutes DNS-Material hinterlassen zu haben oder von dem Entführer "Nessesaires" wie im Hotel zu bekommen, wirkt fremd.
Das haben wir wohl den Co-Autorinnen zu verdanken. Persönlich hätte es mir besser gefallen, die wirkliche, echte Natascha Kampusch zu hören, auch wenn es möglicher Weise etwas holprig geklungen hätte. Es wäre authentischer.
Nichtsdestotrotz ziehe ich meinen Hut vor der mutigen jungen Frau, die so eine innere Stärke aufbrachte. Nicht nur dem Täter gegenüber, sondern auch den Medien. Auch wenn sie mit diesem Buch die Tatsachen richtigstellte, wilde Spekulationen und Gerüchte werden wohl leider trotzdem nicht abebben. Pauschale Wertungen auch nicht.
Für jeden, der wissen will, wie es wirklich war: äußerst lesenswert. Für jeden, der zu Selbstmitleid neigt, ebenso. Das ein Mensch so ein Schicksal meistert, macht mich ehrfürchtig.