Als der amerikanische Physiker Edwin Herbert Land 1933 ein Patent für Polarisationsfolien einreichte, ahnte noch niemand, dass "Polaroid" zum generischen Begriff für Sofortbilder werden würde. Und bis zum Siegeszug der Digitalfotographie sollte es noch einige Jahrzehnte dauern. Die Geschichte von Edwin Herbert Land und seinem Unternehmen ist übrigens so spannend und außergewöhnlich, dass ich kaum verstehen kann, weshalb sie bisher noch nicht verfilmt wurde. Doch vom Aufstieg und Fall dieser Firma ist in diesem Buch nicht die Rede. Vielmehr geht es darum, wie der bekannte Schweizer Fotograf Bruno Bisang dieses Medium benutzt. Und von einem Medium im Sinne von Marshall McLuhan darf man bei Polaroidkameras und -filmen durchaus sprechen.
In seinem ausgezeichneten und leider allzu kurzen Einleitung schreibt der Fotokritiker und stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift fotoMagazin, Manfred Zollner: "Im Blick zurück erscheint uns heute das Polaroidbild wie die Umkehr der Erinnerung. Es begann stets blass und bleich, wurde dann zunehmend schärfer, kontrastreicher und bunter. Am Ende stand das fixierte Bild eines Augenblicks, während die Erinnerung daran zu verblassen begann."
Wie stark die eigenen Geschichten die Wahrnehmung eines Bildbandes beeinflussten, zeigte mir wieder mal dieses Buch. Denn die Bilder von Bruno Bisang weckten bei auch Erinnerungen an meine jugendlichen Versuche, ein weltbekannter Fotograf zu werden, an illegale Aktionen, um an die sündhaft teuren Polaroidfilme zu kommen und an die ersten Begegnungen mit bekannten Fotografen in meiner Agenturzeit. Kurz: Meine Eindrücke sind persönlich stark gefärbt und sicher nicht objektiv.
Im Gegensatz zu anderen Bildbänden mit Polaroidaufnahmen ist in diesem kein breites Spektrum von Motiven zu sehen. Obwohl Bruno Bisang in den letzten dreißig Jahren nicht nur schöne Frauen fotografierte, liegt der Schwerpunkt seines Schaffens klar in der Werbefotografie, wo Models ihre häufigsten Auftritte haben. Wer also experimentelle Polabilder, Landschaftsaufnahmen oder Alltagseindrücke sucht, ist im falschen Buch.
Der Reiz dieser Bilder ist mindesten ein doppelter. Sie zeigen, worauf es beim fotografischen Festhalten eines Augenblicks wirklich ankommt und weisen auf die Elemente des Authentischen hin. Denn Polaroidbilder konnte man nicht so manipulieren, wie dies heute mit ausgebufften Bildbearbeitungsprogrammen möglich ist. Aber wenn wir Polabilder von Michelle Hunziker, Naomi Campbell, Monica Bellucci, Magda Gomez oder Linda Evangelista sehen, teilen wir wohl die Meinung, dass es so etwas wir natürliche Schönheit gibt.
Mein Fazit: Ein Bildband, der Freunde der Polaridfotografie und schöner Frauen begeistern wird, für Schnäppchenjäger aber kaum in Betracht kommt. Auch wenn verständlicherweise das Bild im Zentrum steht, hätte ich mir doch noch einige Texte gewünscht, die von den Besonderheiten der Polaroidbilder und ihrer Geschichten handeln würden. Auch wenn es zu diesem Thema spezielle Bücher gibt. Aber das Konzept ist nun mal ein ganz anderes. Dieser Bildband ist dem Schaffen des Schweizer Fotografen Bruno Bisang gewidmet und zeigt, wie geschickt und gekonnt er die besondere Natürlichkeit der Polas mit der Schönheit seiner Models zu verbinden weiß.