"Mich zwingt keiner auf die Knie" lautet einer der älteren Karattitel, der neben "Schwanenkönig", "Sieben Brücken", oder "Der Blaue Planet" zu den größten Hits einer Gruppe wurde, die aus der ehemaligen DDR kam und anfang der Achziger Jahre auch in der BRD bekannt wurde. Dieser Song fehlte bei keinem der Karat-Konzerte. Er ist autobiographisch für Herbert Dreilich; er war ein Kämpfer und bewieß bis zuletzt, daß ihn keiner auf die Knie zwingen kann. Nach dem Fall der Mauer ereilte die Band ein Schicksal, das damals beinahe allen ehemaligen DDR-Bands traf. Durch die "Verwestlichung" der Musikbranche fand man kaum Abnehmer bei den Plattenfirmen im Westen, die Promotion lief nicht so recht, Karat spielten 1990 ein Konzert vor etwa nur 20 Besuchern; kaum jemanden schien zu interessieren, was Karat spielten.
1995 feierte man "20-Jahre-Karat", was so etwas wie ein Comeback der Gruppe war; in jeder Hinsicht. Es gab ein neues Album ("Die Geschenkte Stunde"), Martin Becker war als neuer Keyboarder zu Karat dazugestoßen und man konnte wieder Erfolge verbuchen.
So schien es gut zu laufen, bis im Herbst 1997 ein neuerlicher Schicksalsschlag erreichte. Kurz nach Veröffentlichung erlitt Herbert Dreilich bei einem Konzert einen Schlaganfall und war erstmal ein halbes Jahr weg vom Fenster. Doch schon 1998 ging Dreilich wieder auf die Bühne. "Der Ozean" vom Balance-Album wurde zu seinem Comeback-Hit.
Die nächsten Jahre liefen gut, es folgte 2000 das Jubiläumsalbum "Ich liebe jede Stunde", 2001 erschien das Livealbum zur Jubiläumstournee.
2003 ging Herbert mit dem Karat-Album "Licht Und Schatten" noch einmal auf Tournee. Für den Herbst 2003 war aufgrund der, nicht zuletzt durch den Kinofilm "Goodbye Lenin" ausgelösten "Ostalgie-Welle" eine Tournee mit "City" und den "Puhdys" geplant gewesen, doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Herbert erkrankte an Krebs und es wurden alle Termine abgesagt.
Von Krankheit schwer gezeichnet machte sich der Sänger noch mal an die Arbeit, ein neues Album zu schreiben, das Karat ende 2004 herausbringen sollten. Herbert gab bis zuletzt, was er konnte und nahm 2004 einige Demos auf. Letztendlich war sein Zustand jedoch völlig zusammengebrochen und er hatte durch die Chemotherapie auch nicht mehr die Kraft zu singen. Von ein paar seiner neuen Lieder gab es nicht einmal mehr Demos. Im Dezember 2004 erlag Herbert schließlich seiner Krankheit.
Nun liegen Herberts letzte Songs vor. Auf Cd 2 dieses neuen Doppelalbums. Die Gesangsstimme kommt von den Demospuren aus dem Jahr 2004, die Instrumente wurden 2005 (nicht von Karat, sondern von Musikern von Peter Maffay) neu aufgenommen und abgemischt. Bei 3 Songs, wo es keine Demos gab, oder bei solchen, wo Herberts Stimme schon zu schwach war, übernehmen andere Sänger Herberts Part (u.a. Peter Maffay und Thomas Natschinski, der selbst viele Jahre bei Karat spielte).
Mir geht es bei dieser neuen Produktion weniger um die Cd 1, die wieder einmal nur eine von zig Compilation-Cds darstellt, als vielmehr die Cd 2, mit komplett neuem Material und zwei älteren Titel im neuen Gewand. Dieses Album zeigt, wieviel Lebensmut und Zuversicht dieser Mann, der es gewußt hat, sich durch nichts und niemanden auf die Knie zwingen zu lassen, bis zuletzt gehabt hat. Daher kann ich diesem Doppel-Album nur 5 Sterne geben; einzig und allein wegen Cd 2.