Das Vampirgenre leidet seit Jahren unter Blutarmut, daran, dass es an innovativer Kraft mangelt, um Spannung zu erzeugen. In den meisten neueren Produktionen hat der Grusel der Langeweile und unfreiwilligen Komik Platz machen müssen. "30 Days of Night" stellt da eine löbliche Ausnahme dar.
Das liegt vor allem am Setting. Ort der Handlung ist der unwirtliche Ort Barrow, im Norden Alaskas. Dort treffen die Einwohner gerade Vorkehrungen, um sich auf die dreißig Tage andauernde Polarnacht vorzubereiten, als ein gefährlicher Fremder eintrifft. Er macht sich daran, die Schlittenhunde zu töten und den Helikopter zu zerstören. Als ihn der Sheriff in eine Zelle steckt, faselt er wirres Zeug über das nahende Ende der ganzen Siedlung. Der Unheilsvorbote (er erinnert stark an Renfield, den Insekten fressenden Irren aus Bram Stokers "Dracula") sollte recht behalten. Mit dem Einsetzen der Finsternis trifft eine Bande Vampire in Barrow ein. Die Blutsauger richten ein Massaker an. Die wenigen überlebenden Menschen verkriechen sich und hoffen auf den Aufgang der Sonne.
Eine Story, die an Wildwestfilme erinnert, wo marodierende Banditen eine Kleinstadt überfallen und solange terrorisieren bis die Kavallerie anrückt. Nur bloß eilt den Leuten von Barrow keine rettende Schwadron zu Hilfe. Sie sind 30 lange Tage auf sich alleine gestellt, von der menschlichen Zivilisation abgeschnitten. Die filmische Atmosphäre ist bedrückend, was für Spannung sorgt. Und die Guten werden immer weniger, während die Vampire kaum Verluste erleiden. Bis effektive Methoden des Widerstands gefunden werden, dauert es lange - der Zuseher wird angehalten, selbst nach einer Lösung aus der schier auswegslosen Situation zu suchen. Das Ende ist innovativ, weil klassisch und neu zugleich.
Die Vampire sind mit interessanten Eigenheiten dargestellt (ihre archaische Sprache, verstärkt durch harpyenhaftes Geschrei und raubtierartige Geschwindigkeit). Der ganze Kruzifix- und Weihwasserkram wurde weggelassen, wenngleich man sich fragt, ob diese Spezies auch gegen Kälte unempfindlich ist. Anführer Marlow läuft nämlich mit offenem Hemd durch die Minusgrade, seine Gefährtin Iris im knappen Kleidchen. Unlogisch erscheint, dass die Vampire - trotz ihres hoch entwickelten Geruchssinns - die sich versteckenden Menschen nicht alle aufstöbern können. Außerdem bleibt die Frage: Wovon ernähren sich die Blutsauger die restlichen 335 Tage im Jahr? Bevor's zur geistigen Thrombose kommt, lassen wir das Thema besser. "30 Days of Night" ist spannend und setzt neue Akzente, und das tut dem Genre als Ganzes gut.