Jean Michel Jarre war kein Pionier. Nicht im engeren Sinne jedenfalls, denn das, was er auf seinem 1976 produzierten Album OXYGENE präsentierte, hätte er ohne die Vorarbeit der deutschen Band Tangerine Dream wohl niemals realisiert.
Tangerine Dream hingegen waren Pioniere. 1967 gegründet, kauften sie ab Anfang der 70er-Jahre ein damals noch tonnenschweres Ensemble von elektronischen Instrumenten zusammen, um fortan als 'kosmische Kuriere' zumeist sehr lange und sehr synthetische Stücke einzuspielen, auf denen herkömmliche Instrumente nichts verloren hatten. Da waberte und blubberte und sphärte und pulsierte es, dass es eine Art hatte.
Dies beeindruckte viele Menschen im Ausland. In Deutschland hingegen kam das alte Sprichwort von den Propheten im eigenen Lande zum Zuge, die ja so häufig nichts gelten.
Am erfolgreichsten waren Tangerine Dream seinerzeit in England und Frankreich. Und hier kommt nun ein junger Franzose namens Jean Michel Jarre ins Spiel. Gesegnet durch einen äußerst erfolgreichen Vater, den Filmkomponisten Maurice Jarre, und eine Menge von diesem Vater geerbtes Talent, machte er schon früh erste Erfahrungen im Musikbusiness.
Irgendwann muss er sich dann sehr intensiv in die Alben von Tangerine Dream vertieft haben; so zum Beispiel PHAEDRA von 1974 und RUBYCON von 1975, die beide in England fast die Top 10 der Verkaufscharts geknackt hätten.
Jarre junior jedenfalls beschaffte sich ein ähnlich beeindruckendes Equipment wie seine offensichtlichen Vorbilder (sehr gut zu bewundern auf dem von der Schauspielerin Charlotte Rampling geschossenen doppelseitigen Foto im CD-Booklet) und machte sich mit Geräten wie ARP-, AKS-, VCS-3- und RMI-Synthesizern, Mellotron und Rhythmus-Computer ans Werk, um ganz allein ein instrumentales Album einzuspielen, das er OXYGENE (Sauerstoff) nannte und dessen heute legendäres Cover-Artwork darauf hinzuweisen schien, dass er sich ernsthafte Sorgen um den Zustand von Planet Erde machte.
Die ausgekoppelte Single "Oxygene 4" sorgte mit ihrer äußerst eingängigen Melodie dafür, dass ab Spätsommer 1977 plötzlich fast alle Welt (außer den USA) von Jean Michel Jarre Kenntnis nahm, und dass die Verkäufe des Albums sich heute, 33 Jahre danach, lässig im zweistelligen Millionenbereich bewegen.
Auf OXYGENE changierte Jarre, genau wie auf dem Ende 1978 veröffentlichten Nachfolger EQUINOXE (ein astronomischer Begriff für Tag- und Nachtgleiche), zwischen ziemlich reiner Tangerine-Dream-Hommage und wunderbaren, lieblichen Melodien, die zu kreieren seine Berliner Vorbilder damals noch strikt abgelehnt hätten. OXYGENE und EQUINOXE sind klare musikalische Zwillinge - wenn auch vielleicht keine eineiigen, aber musikalisch und atmosphärisch eben doch sehr eng miteinander verwandt.
1981 folgte dann mit LES CHANTS MAGNETIQUES - THE MAGNETIC FIELDS ein Album, auf dem sich Jarre ein wenig von seinem bisherigen Erfolgsrezept entfernte. Aber eben nur ein wenig. Naturklänge (z.B. Gewitter) wurden hier durch industrielle Sounds (z.B. fahrende Züge) ersetzt, und musikalische Entwicklungen wie New Wave und Technopop hatten durchaus ihre Spuren hinterlassen. Insgesamt aber blieb er sich auch hier recht treu.
Nachdem zunächst Tangerine Dream Jean Michel Jarre beeinflusst hatten, so beeinflusste Jarre fast unmittelbar nach Veröffentlichung von OXYGENE wiederum Tangerine Dream, denn deren Platten wurden von da an wesentlich zugänglicher - was wiederum ihre Anhänger aus früheren Tagen überhaupt nicht zu goutieren wussten. So ist das Leben!
Fazit: Wenn man die Chance erhält, die drei bahnbrechenden Alben eines außergewöhnlichen Künstlers relativ preisgünstig zusammen zu erwerben, dann sollte man sie unbedingt nutzen. Bei diesem französischen Box Set handelt es sich um die 1997 von Scott Hull in New York remasterten Versionen von OXYGENE, EQUINOXE und LES CHANTS MAGNETIQUE. Sie klingen allesamt großartig und vermitteln klangliche Dimensionen, die vielen Hörern in Zeiten von Vinyl-LPs, mäßigen Verstärkern und großen, aber schlechten Lautsprechern verborgen geblieben sein dürften.
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