Wie sich an den gehäuften Negativ-Klicks bei den anderen Rezensionen zeigt, gehen die Meinungen zu »Bioshock Infinite« ziemlich auseinander. Von daher: Diese Rezension spiegelt meine subjektive Sichtweise wider, stellt aber natürlich keinen Allgemeingültigkeitsanspruch. Dennoch möchte ich meine bescheidene und nicht fachkundige Meinung eben mitteilen, denn: »Bioshock Infinite« ist seit gefühlten Äonen das erste Spiel, das ich mir am Release-Tag gekauft habe - so sehr liebte ich die beiden Vorgänger, so sehr habe ich den neuen Teil herbeigesehnt und hatte demnach auch recht hohe Erwartungen. Und gleich vorweg: Diese wurden zu Großteilen erfüllt.
Statt in den Tiefen des Ozeans spielt »Bioshock Infinite« in der Wolkenstadt Columbia, einer - wie zu erwarten - trügerisch idyllischen Fassade. Somit weicht die Atmosphäre natürlich von den Vorgängern ab, kann aber dennoch überzeugen. Wer Steampunk-Szenarien mag, wird es lieben, durch Columbia zu spazieren oder sich seinen Weg durch die Stadt zu ballern. Die Inszenierung ist durchweg liebevoll und wunderbar hübsch. Wenngleich ich, was Grafik angeht, absolut nicht kleinlich bin, so empfand ich einige Texturen aber als etwas schwammig-matschig (beispielsweise die nicht erkennbaren Zifferblätter der Waagen zu Beginn). Der Großteil kann jedoch punkten ...
Ist »Bioshock Infinite« noch »Bioshock«? Jein, finde ich. Bedeutende Elemente der vorangehenden Teile wurden weggelassen (das Erforschen per Kamera, Big Daddys - na gut, die würden sich über den Wolken auch nicht so richtig wohl fühlen ... und finden ein akzeptables Pendant), das gesamte Setting ist ein anderes, aber: Das Gameplay ist nahezu identisch. Wieder gibt es verschiedene Plasmide (hier: Kräfte), einige sind bekannt, andere in neuem Gewand, andere gänzlich neu. Am Anfang braucht man sie fast nie, gegen Ende lernt man sie aber schätzen, sodass sie doch einen wichtigen Teil des Spiels ausmachen. Wie zuvor, so kann man sie auch hier verbessern. Gleiches gilt für die Waffen. Hier gibt es kleine Neuerungen. So kann man immer nur noch zwei Waffen gleichzeitig tragen und es gibt nur eine Munitionsart pro Waffe, dafür gibt es pro Waffentyp zwei ähnliche Ausführungen. Außerdem kann man wieder verschiedene Upgrades finden, die man je nach Spielstil oder Situation anwählen kann: Stiefel, Hosen, Hemden, Hüte - vergleichbar mit den Tonikums (Tonika?) der Vorgänger. Eine sehr ausgewogene Auswahl. Auch gibt es wieder Fragmente der Handlung zum Anhören - per Voxophon. Neben der normalen Gesundheit verfügt man hier noch über einen Schild, der sich mit der Zeit wieder auffüllt.
Elizabeth ist als ständige Begleiterin dabei, weicht einem kaum von der Seite - was allerdings nicht stört, da man sie nicht beschützen muss, sie einen dann und wann mit hilfreichen Utensilien versorgt, sie Schlösser knacken kann und überhaupt recht sympathisch und umgänglich ist.
Was ich beim ersten Teil geliebt, beim zweiten enttäuscht gemieden habe (sorry, Big Daddy!), ist der Nahkampfangriff. Hier hat man wieder einen sehr effektiven, den man auch verstärken kann, wenn es einem beliebt: Mit dem Skyhook, mit dem man auch an der Skyline fährt, lässt es sich effektiv metzeln. Mit teils sehr expliziten Exekutionsanimationen. Da spritzt das Blut munter und etwas comicfarben. Apropos Skyline. An vielen Stellen im Spiel nutzt man die Skyline (Schienen, die in der Luft schweben, an die man sich hängt und an denen man sowohl rasant als auch gebremst vorankommt) - da heißt es: schwindelfrei sein oder abbremsen, jedenfalls spaßig und schick.
Die Handlung: Ich liebe gute Geschichten ... in Büchern. In Spielen ist sie mir (man möge mir diesen Frevel verzeihen) nicht ganz so wichtig; so störte es mich auch diesmal nicht, dass Bioshock zwar sehr atmosphärisch daher kommt, ich die Story - wie zweimal zuvor - aber nicht in ihrer Gänze erfasst habe. Liegt wohl auch daran, dass sie vieles zusammen würfelt - aber: zu einem sehr stimmigen, brüchigen Ganzen. Eine Mischung aus Religions-Pathos, Rassismus-Dystopie, Märchenhaftem, Morbidem, Steam-Punk ... eine bunte Mischung eben. (Ach ja: Ich habe übrigens etwa 40 Minuten gebraucht, bis ich meinen ersten Gegner zu Gesicht bekommen habe - es gibt also auch ruhigere Passagen im Spiel.)
Was fehlt noch? Der Umfang: Ich schätze, »Infinite« ist etwas umfangreicher als die Vorgänger. Ich habe es auf mittlerem Schwierigkeitsgrad durchgespielt und etwa 18 Stunden (vager Richtwert) gebraucht, mir allerdings auch die Zeit genommen, alle Ecken, Winkel und Fässer abzusuchen, um auch ja nichts zu verpassen (hat übrigens nicht funktioniert ^^). Der mittlere Schwierigkeitsgrad ist nur teilweise fordernd - vor dem freigeschalteten, schwierigeren habe ich dagegen Respekt.
Was habe ich am schmerzlichsten vermisst (unabhängig davon, dass ich es nicht mag, nur zwei Waffen tragen zu können)? Den Onlinemodus. Denn dieser war im zweiten Teil wirklich grandios (wäre die Verbindung etwas stabiler gewesen ...), diese Mischung aus Plasmiden und Waffen. Ich war zwar auch auf Level 50 noch furchtbar schlecht (war selten dermaßen schlecht bei anderen Shootern), aber es hat einfach Spaß gemacht. Den könnte ich mir bei »Infinite« seeehr gut vorstellen - gibt's aber halt nicht. Sehr schade.
Fazit: Wolken bestehen ja auch »nur« aus Wasser - wenn man also ein Auge zudrückt, dann ist der Unterschied zwischen Rapture und Columbia gar nicht so riesig. Denn zumindest beim Gameplay ist viel von dem geblieben, was Bioshock ausmacht; einige geschätzte Elemente fehlen, dafür wurden andere ergänzt.