Bisher kenne ich Sandra Bullock nur aus albernen Komödien oder nervigen Action-Filmen, nie aus einer wirklich anspruchsvollen Rolle. Dementsprechend ungern schaute ich bisher Filme, in denen diese Schauspielerin eine Hauptrolle spielt; bis ich den Film „28 Tage" nun schon zum zweiten Mal gesehen habe und meine Meinung um ... sagen wir mal ... 160 Grad gewendet habe. Auch eine Sandra Bullock ist zu ernsthaften und „guten" Rollen fähig. Ich behaupte an dieser Stelle einfach mal, dass „28 Tage" ihr bester Film ist.
28 Tage können aufgrund der geringen Zeit zwar nur der Anfang einer Therapie darstellen, aber dennoch sind Therapie-Verlauf und vor allem die Gemeinschaft innerhalb der Suchtklinik exzellent dargestellt. Meiner Meinung nach gibt es in diesem Film überhaupt keine Übertreibungen. Schon oft musste ich - in Fernsehzeitschriften - eine vernichtende Kritik zu diesem Film lesen, nach dem Motto „unterhaltsam, aber völlig übertrieben und unglaubwürdig". Wer jedoch selbst einmal den Zusammenhalt solcher Menschen erlebt hat, die alle soz. das gleiche Schicksal haben, wird feststellen, dass hier an keiner Stelle etwas albern oder unglaubwürdig ist, denn genau so ist es, genau so wird es jeder erleben, der sich ernsthaft auf eine Therapie einlässt (egal ob Suchtkrankheit oder z.B. psychische oder psychosomatische Störungen)! Der einzige mir bekannte amerikanische Film, der ebenfalls ein Gefühl für dieses Zusammenhalt unter den Patienten vermitteln kann, ist „Durchgeknallt" („Girl interrupted"), u.a. mit Angelina Jolie und Winona Ryder. In „Durchgeknallt" ist jedoch die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerinnen (und der Nebendarstellerinnen!) noch ein Tick besser und ernsthafter (es ist auch keine Komödie:).
Alles in allem geht es in „28 Tage" darum, dass Gwen, deren Mutter schon Alkoholikerin war und früh verstarb, ebenfalls Alkohol- und Drogenabhängig ist. Nachdem sie die Hochzeit ihrer Schwester völlig durcheinander gebracht und zum guten Schluss das Hochzeitsauto gegen eine Veranda gefahren hat, wird per Gerichtsentschluss entschieden, dass sie 28 Tage Entzug durchzustehen hat. Ansonsten droht ihr eine Gefängnisstrafe. Anfangs ist die Schriftstellerin Gwen, die sich - genau wie ihr Freund - soz. nur von Alkohol ernährt hat, überhaupt nicht der Meinung, dass sie eine Therapie braucht. Als ihr dann mit Verlegung in ein Gefängnis gedroht wird, behauptet sie immer wieder „Ich kann es", will es jedoch noch nicht wirklich. Gwen macht sich über die Therapiemethoden in der Suchtklinik und vor allem über ihre Mitpatienten lustig, bis sie eines Tages an der Stelle ankommt, dass sie begreift, dass der Alkohol ihr womöglich das Leben wegnehmen könnte. Sie beschließt für sich, in die Therapie einzusteigen. Unterstützung von ihrem Freund Jasper bekommt sie allerdings nicht - zur Klinikzeit macht er ihr einen Heiratsantrag mit Champagner, ohne sich dabei etwas zu denken. Von ihrer Schwester Lilly scheint Gwen auch nicht wirklich Hilfe und Unterstützung erwarten zu können. Zu sehr ist deren Leidensweg mit ihrer kleinen Schwester Gwen, sodass sie sich sogar gezwungen fühlt, folgende Worte über die Lippen zu bringen: „Gwen, du machst es unmöglich, dich zu lieben." Eine Gwen, die sich zuvor nie Gedanken über solche Worte gemacht hat, ist nun verletzt und sieht sich gezwungen, sich mit sich selbst, ihren Mitmenschen und ihrer Vergangenheit auseinander zu setzen. Zudem stellt sich die Frage ihrer Zukunft - wird sie Jasper heiraten? Oder haben die Mitpatienten recht, wenn sie meinen, er schadet ihr nur?
Ich glaube, dass wirklich nur Menschen, die selbst schon einmal auf irgendeiner Weise solch eine intensive Zeit selbst erleben konnten, 100% mitfühlen können. Diese Menschen kommen nicht drumrum, bei diesem Film zu weinen, zu lachen, sich teilweise das Herz zerreißen zu lassen. Der Film „28 Tage" wird als Tragikomödie bezeichnet. Allerdings entdecke ich weder etwas Tragisches noch eine Komödie in diesem Film. Für mich ist er einfach nur real, die Komik ist einfach nur Situationskomik. Der beste Begriff wäre vielleicht „schauspielerisch ergänztes Reality-TV".
Ich vergebe an dieser Stelle deshalb 4 Sterne, da es noch eine geringe Steigerung zu ähnlichen Filmen wie z.B. „Durchgeknallt" geben muss. Dennoch rate ich jedem: unbedingt anschauen und - vor allem - GLAUBEN, was gezeigt wird!